KolumneBayer braucht eine neue Strategie

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Bisher sah die Strategie von Bayer-Chef Werner Baumann ungefähr so aus: So schnell wie möglich einen Vergleich mit den amerikanischen Glyphosat-Klägern unter Dach und Fach bringen, dann die Stärken des Agrargeschäfts ausspielen und mit dem hohen Cash-Flow aus dieser Sparte wieder stärker ins Pharmageschäft investieren, wo bald der Patentschutz für wichtige Blockbuster ausläuft. Seit letzter Woche aber ist klar: Diese Wette auf die Zukunft geht nicht auf. Ausgerechnet die Agrarsparte, die ohnehin mindestens 11 Mrd. Euro für den Vergleich in den USA verkraften muss, läuft nicht mehr wie noch vor kurzem erhofft. Bayer schreibt einen „mittleren bis hohen einstelligen Milliardenbetrag“ ab, weil sich die Ziele in der Landwirtschaft nicht erreichen lassen.

Ob dieser Einbruch tatsächlich allein den Folgen der Corona-Krise geschuldet ist, wie der Konzern behauptet, kann man dahingestellt lassen. Wichtig ist nur: Die Chance, dass Bayer jemals das Geld für den Kauf von Monsanto wiedersieht, tendieren gegen Null. Kein Wunder, dass der ohnehin schwache Aktienkurs noch einmal um über zehn Prozent einknickte.

Bayer Aktie

Bayer Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Nun sind all die Themen wieder auf dem Tisch, die Bayer seit Monaten so gern aus der öffentlichen Debatte verdrängen wollte: Muss der Konzern eine seiner drei Säulen (Pharma, rezeptfreie Medikamente und Agrar) abspalten um zu überleben? Gibt es womöglich eine Chance, Monsanto nach einem Vergleich wieder zu verkaufen? Braucht Bayer mehr Kapital, um die Herausforderungen zu stemmen? Und ist Werner Baumann der richtige Mann, den Konzern aus der Dauerkrise zu bringen?

Bayer hofft auf die Pharmasparte

Ein Weiter-so dürfte auf jeden Fall nicht funktionieren. Und allein durch das jetzt beschlossene zusätzliche Sparprogramm kommt Bayer nicht wieder auf die Beine. Selbst wenn der Vergleich in den USA endlich über die Rampe geht, gibt es keine Rückkehr zur Normalität. Noch hakt es aber vor Gericht, weil es keine Regelung für künftige Klagen gibt. Viele Kenner der Materie bezweifeln, dass die dafür bereits eingeplanten 1,25 Mrd. Dollar auch nur annähernd ausreichen werden. Aber selbst wenn sie reichen sollten, ist das Thema Glyphosat damit ja nicht weltweit erledigt. Nach wie vor ist das Verbot des Unkrautvernichters in vielen Staaten, vor allem auch in der EU, nicht vom Tisch.

Für das nächste Jahr ruhen nach dem Agrardebakel nun alle Hoffnungen auf der Pharmasparte. Sie soll wieder wachsen, nachdem der Umsatz im laufenden Jahr stagniert und der Ertrag massiv eingebrochen ist. Das verschafft Bayer, wenn es denn so kommt, eine Atempause. Aber mittel- und langfristig steht das Pharmageschäft vor heftigen Herausforderungen – und bisher ist nicht ersichtlich, wie Bayer sie bewältigen will. Ab 2024 läuft in auf den wichtigsten Märkten der Patentschutz für den Blockbuster Xarelto aus. Und in der Forschungspipeline entdeckt man bisher kein anderes Medikament, das so große Umsätze ausgleichen könnte, wie sie bisher Xarelto geliefert hat.

Bayer sucht deshalb seit einer Weile nach Arzneien aus den Laboren anderer Hersteller, die man in den eigenen Vertrieb aufnehmen könnte. Das ist allerdings bisher nicht mehr als ein Hoffnungswert – so wie überhaupt selbst in dem schwachen Kurs der Bayer-Aktie generell immer noch viel Hoffnung steckt. Es könnte auch alles noch viel schlimmer kommen. Deshalb braucht der Konzern dringend andere Optionen als sich bisher in Leverkusen finden lassen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.