History Wie das Bretton-Woods-System zusammenbrach

Wegen seiner Abgeschiedenheit wählt man das Mount Washington Hotel in Bretton Woods als Tagungsort. Zu Beginn der Verhandlungen am 2. Juli 1944 stellen sich Delegierte aus 44 Ländern zum Gruppenfoto auf
Wegen seiner Abgeschiedenheit wählt man das Mount Washington Hotel in Bretton Woods als Tagungsort. Zu Beginn der Verhandlungen am 2. Juli 1944 stellen sich Delegierte aus 44 Ländern zum Gruppenfoto auf
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Beinahe drei Jahrzehnte lang hat das Währungsabkommen von Bretton Woods den Welthandel beflügelt. Doch Anfang der 70er-Jahre kollabiert das System, weil seine Architekten einen gefährlichen Fehler eingebaut haben

Der mächtigste Mann der Welt und sein Redenschreiber haben eines gemeinsam: Sie verstehen nichts von Wirtschaft. Eigentlich interessieren sie sich nicht einmal dafür. Doch ausgerechnet diese beiden – Präsident Richard Nixon und sein Redenschreiber William Safire – werden die größte wirtschaftliche Niederlage der USA in einen medialen Triumph verwandeln.

Es ist Freitag, der 13. August 1971, als Richard Nixon kurzfristig eine Handvoll Leute in die Berge beordert: nach Camp David, zum abgeschiedenen Landsitz des Präsidenten in den Appalachen. Nur 20 Minuten Hubschrauberflug von Washington entfernt, aber unerreichbar für aufdringliche Reporter. Nixons Anweisung ist eindeutig: ausreichend Kleidung für ein Wochenende einpacken und kein Sterbenswörtchen zu niemandem – nicht einmal zu den eigenen Ehefrauen.

Nixons Redenschreiber beunruhigt das nicht. Krisenkommunikation ist Alltag für den 41-jährigen Safire, der mit Nixon mehrere Wahlkämpfe bestritten hat. Zwei Tage vor der ersten Mondlandung etwa hat er die Rede verfasst, mit der der Führer der freien Welt den Amerikanern das katastrophale Scheitern der Mission verkündet hätte. Neil Armstrong und Edwin Aldrin seien für „Wahrheit und Verstehen“ gestorben, textete er mit Pathos. Aber das Memo wurde dann doch nicht gebraucht.

Nun, im Hubschrauber auf dem Weg nach Camp David, plaudert Safire mit seinem Sitznachbarn über das anstehende Treffen. Er habe gehört, dass Nixon „das Goldfenster schließen“ wolle, erzählt er unbefangen über den Lärm der Rotoren hinweg. Die Reaktion fällt unerwartet aus. Sein Gesprächspartner flüstert „Oh mein Gott“ und vergräbt das Gesicht in den Händen. Er arbeitet im Finanzministerium. Anders als Safire weiß er, worum es geht.

Fast drei Jahrzehnte lang hat das Währungssystem von Bretton Woods den weltweiten Handel und den globalen Aufschwung beflügelt. Anfang der 70er-Jahre aber steckt es tief in der Krise. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen. Der lange Wirtschaftsboom geht in den USA und in vielen Ländern Europas zu Ende. Die Inflation steigt. Und langsam zerbröselt so das Fundament von Bretton Woods: das Vertrauen in den Dollar.

Die USA haben nach dem Krieg zugesagt, jederzeit Dollar zu einem festen Kurs in Gold zu tauschen – und damit die US-Währung zum Rückgrat des Welthandels gemacht. Aber im August 1971 vertraut niemand, der eins und eins zusammenzählen kann, mehr darauf, dass die USA ihre Verpflichtung noch einhalten können. Die Ersten sind längst aus dem Dollar geflohen, und immer mehr folgen. Nixon weiß, dass die US-Regierung handeln muss. Er hätte es mit Reformen versuchen können. Aber er wählte den brutalen Befreiungsschlag. Den Nixon-Schock.

An diesem Wochenende wird der US-Präsident das „Goldfenster“ tatsächlich schließen. Es ist das Ende des internationalen Währungssystems, das 27 Jahre lang die Weltwirtschaft geprägt hat. Und es ist das Ende eines Mythos: dass der Dollar genauso gut und sicher ist wie Gold.

Ein neues Sonnensystem

Wegen seiner Abgeschiedenheit wählt man das Mount Washington Hotel in Bretton Woods als Tagungsort. Zu Beginn der Verhandlungen am 2. Juli 1944 stellen sich Delegierte aus 44 Ländern zum Gruppenfoto auf
Wegen seiner Abgeschiedenheit wählt man das Mount Washington Hotel in Bretton Woods als Tagungsort. Zu Beginn der Verhandlungen am 2. Juli 1944 stellen sich Delegierte aus 44 Ländern zum Gruppenfoto auf
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Juli 1944: Der D-Day, die Landung der Alliierten in der Normandie, war nicht einmal einen Monat her, als der US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Verbündeten der Vereinigten Staaten nach New Hampshire einlud, um eine neue Weltfinanzordnung zu entwerfen. Mehr als 700 Delegierte aus 44 Ländern versammelten sich in Bretton Woods, um gemeinsam an einem Neustart zu arbeiten. Das Bergdörfchen war bis dahin eher für seine Skipisten und vielleicht noch für die Zahnradbahn auf den nahe gelegenen Mount Washington bekannt; US-Finanzminister Henry Morgenthau fiel nach dem Aufwachen in der frischen Morgenluft als Erstes auf, dass er besser „ein paar Wollsocken mitgebracht hätte“.

Doch wie sollte ein neues Währungssystem aussehen? Während der Depression der 30er-Jahre hatte die Weltgemeinschaft erlebt, was passierte, wenn Währungen zur Waffe wurden. So wie im Butterkrieg zwischen Neuseeland und Dänemark war es vielen Ländern ergangen: 1930 wertete Neuseeland ab, um seine Butterexporte nach England anzukurbeln. Dänemark zog nach. So ging es hin und her bis 1933 – als beide Länder trotz massiv abgewerteter Währungen feststellen mussten, dass sie exakt genauso viel Butter verkauften wie drei Jahre zuvor. Handelskriege wie dieser und Protektionismus hatten den Welthandel zusammenbrechen lassen. Zum Schaden von allen.

Viele der angereisten Experten hatten den Goldstandard der Vergangenheit in guter Erinnerung: Wenn die umlaufenden Francs oder Pfund durch die Goldvorräte der Notenbanken gedeckt sein müssen, dann fixiert das faktisch auch die Austauschkurse der Währungen untereinander. Das hatte die Geschäfte für Ex- und Importeure berechenbar gemacht. Aber man hatte in vielen Krisen auch gelernt, dass Volkswirtschaften die Möglichkeit brauchen, sich an eine plötzlich oder fundamental veränderte Wirtschaftslage anzupassen. In Bretton Woods schien eine Lösung für diesen Widerspruch gefunden. Die Kurse wurden festgelegt. Doch wenn Änderungen unvermeidbar wurden, konnten Auf- oder Abwertungen beschlossen werden.

Gleichzeitig schufen die Regierungen ein neues Sonnensystem der Finanzwelt. Im Mittelpunkt leuchteten die USA, drumherum kreisten die anderen Volkswirtschaften. Denn ganz wollte man von der Goldbindung nicht lassen, und nur die USA hatten noch ausreichend Reserven, um den Tausch von Papiergeld in Gold glaubwürdig zu gewährleisten. 574 Millionen Unzen, knapp 18.000 Tonnen, lagerten in Fort Knox, mehr als die Hälfte der gesamten globalen Bestände. Also wurde der Dollar an Gold gebunden – und alle anderen Währungen mit einem festen Wechselkurs an die Ankerwährung Dollar. Damit stand automatisch auch das Verhältnis zwischen anderen Währungen fest, also etwa zwischen Franc und Pfund. Die USA garantierten den ausländischen Notenbanken, Dollar jederzeit zum Kurs von 35 Dollar per Unze Gold zurückzunehmen.

Der Krieg endete, Bretton Woods beflügelte den internationalen Handel. Auch Europa blühte im Wiederaufbau wirtschaftlich auf. Das System funktionierte. Oder besser: Seine Konstruktionsfehler zeitigten so schnell noch keine Folgen. Es dauerte allerdings nur bis in die frühen 60er-Jahre, bis die ersten Alarmglocken tönten.

Bei der Chase Manhattan Bank in New York arbeitete zu dieser Zeit ein Banker von Anfang 40. Sein Name: Paul Volcker. Jahre später würde er als Chef der Notenbank die Geldpolitik der USA prägen, aber am 20. Oktober 1960 saß er noch als einfacher Ökonom an seinem Schreibtisch bei der Bank.

Es war noch früh am Tag, als ein Kollege den Kopf zur Tür hereinsteckte. Der Mann guckte, als wäre er auf dem Flur dem Leibhaftigen begegnet. „Der Goldpreis liegt bei 40 Dollar“, stammelte er. Volcker korrigierte ihn: „Du meinst 35 Dollar, 40 Cent.“ Schon das wäre ein Prestigeverlust. Doch sein Gegenüber hatte recht. Der Kurs des Edelmetalls lag fünf Dollar über dem offiziellen Preis. Der Auslöser waren Gerüchte, dass die US-Währung abgewertet werden würde.

Neben dem offiziellen Tauschkurs der Notenbanken untereinander nämlich hatte sich in London ein privater Devisenmarkt etabliert. Amerikanische Staatsbürger durften ihre Dollar gar nicht in Gold einlösen und das Edelmetall auch nur in Form von Schmuckstücken besitzen. Als etwa der Schwager von John F. Kennedy, Sargent Shriver, nach einer Reise in die USA zurückkehrte, beschlagnahmte der Zoll mitleidslos die Goldmedaille, die ihm die deutsche Regierung für seine Arbeit beim Friedenscorps verliehen hatte.

Diesseits des Atlantiks, in der City von London, aber wurde munter mit Barren gehandelt. Beim feinen Bankhaus N M Rothschild & Sons bildeten Angebot und Nachfrage täglich einen Preis, der zeigte, wie Spekulanten den Wert des Dollar einschätzten: das London Gold Fixing. Und dieser Preis wich immer wieder von der offiziellen 35-Dollar-Rate ab. Das Vertrauen, dass der Greenback so gut wie Gold ist, schwand.

Denn seit dem Ende des Krieges hatte sich das globale Sternensystem verändert. Die Sonne verblasste, andere Sterne erstrahlten, die relative wirtschaftliche Bedeutung der USA nahm ab. Ihr Anteil an der globalen Produktion sank von 35 Prozent auf nur noch 27 Prozent zum Ende der Sechziger; der Anteil am Welthandel schrumpfte von 25 auf rund zehn Prozent. Die Kriegsverlierer holten auf. Das Wirtschaftswunderland Deutschland setzte sich in Europa an die Spitze, die Japan Inc. mauserte sich zur globalen Industriemacht. Auch für US-Konzerne wurde es immer attraktiver, im Ausland zu investieren. Immer mehr Dollar flossen hinaus in die Welt. Auch für die Stationierung der US-Truppen und die bilaterale Entwicklungshilfe.

Von 1950 bis 1958 wies die US-Zahlungsbilanz im Schnitt ein Defizit von jährlich 1,2 Mrd. Dollar aus. In den zwei Jahren darauf stieg es auf durchschnittlich 3,6 Mrd. Dollar. 1969 erreichte es 7 Mrd. Dollar. Zum ersten Mal im 20. Jahrhundert verwandelte sich allmählich auch der traditionelle Handelsüberschuss der größten Wirtschaftsnation in ein Defizit. Die Amerikaner kauften zunehmend mehr im Ausland ein, als sie exportierten. Japanische Autos galten als sparsam, deutsche als zuverlässig. Amerikas aufmüpfige Jugend liebte den knuffigen Beetle, und 1968 verkaufte VW schon fast eine halbe Million Käfer „Type 1“. Auch andere Branchen wie Stahl, Haushaltsgeräte, Textil bekamen die Konkurrenz aus Übersee zu spüren. Währungen wie D-Mark und Yen wurden immer stärker nachgefragt.

Doch die Bretton-Woods-Länder hatten sich verpflichtet, den offiziellen Tauschkurs zu verteidigen: Waren die Abweichungen am Devisenmarkt zu groß, mussten sie intervenieren. In der Praxis hieß das: Jedes Mal wenn etwa der Dollar im Vergleich zum Pfund stark fiel, musste die Bank of England Dollar am Devisenmarkt kaufen – und dafür eigene Pfund ausgeben. Immer mehr grüne Scheine stapelten sich in den Kellern der Notenbanken von Frankfurt, Paris oder Rom. Schon 1964 überstiegen die ausländischen Dollarreserven den Wert der Goldbestände in Fort Knox. Damit war klar, dass die USA ihre Einlösepflicht im Ernstfall nicht erfüllen könnten.

Stagflation

Die expansive Haushaltspolitik Washingtons untergrub das System weiter. Mitte der 60er-Jahre hatte sich Nixons Vorgänger Lyndon B. Johnson in zwei kostspielige Kriege gestürzt: den in Vietnam und den gegen die Armut im eigenen Land. Johnsons „Great Society“ sollte allen Amerikanern Teilhabe ermöglichen. Die Folge war ein wachsendes Budgetdefizit. Und eine Inflation, die sich in den kommenden Jahren zur „Great Inflation“ mit Preissteigerungsraten von bis zu 14 Prozent auswachsen sollte. Regierung und Notenbank steuerten zunächst nur halbherzig dagegen. Auf keinen Fall wollte man das Wirtschaftswachstum gefährden, das die Sechziger zu einem Jahrzehnt der Prosperität gemacht hatte. „Du sorgst dafür: keine Rezession“, beschied der 1968 gewählte Nixon seinem Notenbankchef Arthur Burns. Der hörte die Botschaft wohl: Wage nicht, die Zinsen zu erhöhen, um den Preisauftrieb zu bremsen! Die Geldpolitik sollte expansiv bleiben. Überall galt, was der deutsche Finanzminister Helmut Schmidt später so formulierte: „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.“

Bloß: Auch das ging nicht ewig gut. 1970 lernten die USA, dass die Wirtschaft auch schrumpfen konnte, obwohl die Preise stiegen. Stagflation. Wie eine Pandemie würde sie sich im kommenden Jahrzehnt ausbreiten. „Aber im November 1970 war das Phänomen neuartig und verwirrend“, schreibt der Wirtschaftshistoriker William Silber.

Zu den Verhandlungen in Bretton Woods 1944 schickt Großbritannien den Ökonomen John Maynard Keynes (r.). Seine Idee, eine Kunstwährung namens Bancor zu schaffen, setzt sich nicht durch. Stattdessen wird ein Dollar-Gold-Standard eingeführt
Zu den Verhandlungen in Bretton Woods 1944 schickt Großbritannien den Ökonomen John Maynard Keynes (r.). Seine Idee, eine Kunstwährung namens Bancor zu schaffen, setzt sich nicht durch. Stattdessen wird ein Dollar-Gold-Standard eingeführt
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Dennoch herrschte die Überzeugung, dass der Staat die Wirtschaft steuern kann. Die Ideen von John Maynard Keynes, Star der Bretton-Woods-Gründerkonferenz, prägten das Denken. Doch ein Paradigmenwechsel zeichnete sich ab: Der Amerikaner Milton Friedman focht wortgewaltig für freien Markt und frei floatende Währungen. Wenn man die Wechselkurse dem Markt überlasse, werde das automatisch Ungleichgewichte im Handel korrigieren, argumentierte er.

Nixon ließ sich von dem Professor aus Chicago beraten – doch im Grunde ließ ihn die Frage „Friedman oder Keynes“ völlig kalt. Ihn interessierte nur eines: Die US-Wirtschaft musste so gut laufen, dass seine Wiederwahl nicht gefährdet war. Dem hatte sich auch die Zukunft von Bretton Woods unterzuordnen. Nixon, urteilte Paul Volcker später im Tonfall schockierten Respekts, „neigte dazu, das Dollarproblem als etwas zu sehen, das wir verschwinden lassen sollten, mutmaßlich schmerzfrei“.

Die Dollarkrise war Ende der Sechziger in vollem Gang. Kapitalverkehrskontrollen und gelegentliche Kursanpassungen hatten wenig ausgerichtet. Es zeigte sich, dass die Architekten von Bretton Woods ein unauflösliches Problem in die Konstruktion gebaut hatten. Zwar war das Gold das Fundament ihres Systems – aber anders als im klassischen Goldstandard musste die Dollarmenge nicht von den Goldvorräten gedeckt sein. Die USA konnten so viele Dollar in Umlauf bringen, wie benötigt wurden – und weil die Weltwirtschaft nach dem Krieg boomte, wuchs der globale Bedarf an Liquidität gewaltig. Die USA stellten Dollar um Dollar bereit. Zwangsläufig wuchs so ihr Zahlungsbilanzdefizit.

Quelle: Barry Eichengreen
Quelle: Barry Eichengreen

Die Dollarflut, die das System am Laufen halten sollte, wurde zu seiner existenziellen Bedrohung. Der Wert der Geldmenge überstieg den Wert des Goldes der US-Zentralbank immer weiter. Das Vertrauen schwand. Anfang 1969 erreichte der Goldpreis auf dem freien Markt 42 Dollar. Schon fast ein Jahr zuvor war der sogenannte Goldpool gescheitert, in dem acht Nationen ihre Kräfte zur Währungsverteidigung gebündelt hatten. Als Erstes hatten sich die Franzosen verabschiedet. Ihnen hatte das „außerordentliche Privileg“, das der Status als Reservewährung den USA verschaffte, schon lange missfallen. Präsident Charles de Gaulle wollte am liebsten zurück zum Goldstandard. Ab 1965 schaffte er Gold im Wert von 400 Mio. Dollar nach Frankreich. 25.900 Barren wurden aus dem Keller der Fed in Manhattan geschleppt, auf Sägespäne gebettet, in Holzkisten verpackt und mit Stahlseilen verschnürt. De Gaulle sandte die Marine, um die 350-Tonnen-Fracht nach Paris zu verschiffen.

Die anderen Bretton-Woods-Regierungen traten weniger martialisch auf, aber auch bei ihnen wuchs die Frustration. „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem“, formulierte es US-Finanzminister John Connally einmal. Die Verpflichtung, den Wechselkurs stabil zu halten, untergrub die geldpolitische Souveränität der anderen Nationen. Stattdessen importierten sie Inflation aus Amerika. Besonders die Bundesbank sorgte sich um die immer weiter aufgeblähte inländische Geldmenge. Im April 1971 mussten die Deutschen 4 Mrd. Dollar kaufen, um die D-Mark stabil zu halten. Am 4. Mai intervenierten sie mit einer weiteren Milliarde. „Die größte Spekulationswelle seit zwei Jahren“ rolle über die Märkte, schrieb die „New York Times“ am Tag danach. Unternehmen, Banken und andere hätten „nicht gewollte Dollar in Westdeutsche Mark (…) und andere starke europäische Währungen“ getauscht.

Die Zeitung lag noch nicht auf den Frühstückstischen, da musste die Bundesbank in der ersten Handelsstunde des 5. Mai schon wieder 1 Mrd. Dollar kaufen. Nun reichte es den Deutschen. In einer Krisensitzung beschloss der Zentralbankrat in Frankfurt die Schließung der Devisenmärkte. Die Schweiz, Niederlande, Belgien und Österreich folgten. „Das bis an den Rand gefüllte Fass mit internationaler Liquidität“ sei übergelaufen, erklärte Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller ein paar Tage später im Bundestag. Er hatte zuvor entschieden, die Dollarparität der D-Mark vorläufig zu kappen und die Währung frei floaten zu lassen. Der Dollar stürzte rasch um 9,3 Prozent auf 3,32 DM ab.

Die US-Währung hatte begonnen, streng zu riechen. Ende Mai erlebten schockierte Amerikaner auf einer Konferenz der American Bankers Association in München, dass sie in Restaurants keine Bratwurst mehr mit Travellerschecks bezahlen konnten. US-Finanzminister Connally dementierte hart, dass an eine Abwertung gedacht würde. Connallys zuständiger Staatssekretär hieß: Paul Volcker. Ob er das wirklich so sagen wolle, fragte er seinen Chef vorher. „Das ist meine unumstößliche Position heute. Ich weiß nicht, wie es im Sommer sein wird“, antwortete Connally zynisch. Beide wussten, dass das Sonnensystem in Bewegung geraten war.
In der zweiten Augustwoche erreichte Volcker die Nachricht, dass der britische Botschafter im US-Finanzministerium vorstellig geworden war. Großbritannien forderte Gold für 3 Mrd. Dollar. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Goldreserven der USA waren innerhalb eines Jahrzehntes um die Hälfte geschrumpft. In Fort Knox stapelten sich noch Barren im Wert von 10 Mrd. Dollar – die Forderungen der ausländischen Zentralbanken lagen mehr als dreimal so hoch. Dass sich später herausstellte, dass die Briten nur Garantien für 750 Mio. Dollar wollten, machte keinen Unterschied mehr. Volcker wusste, „dass das Spiel vorbei“ war.

20 Minuten Showdown

Um 3.13 Uhr am 13. August nehmen Nixons Gäste in Camp David in der Aspen Lodge Platz, der rustikalen Blockhütte des Präsidenten. Der Präsident hat darauf bestanden, dass sich jeder der 16 Teilnehmer des Krisenwochenendes ins Gästebuch einträgt. Er macht nochmals klar, dass er Geheimhaltung wünscht. Keine Telefonate. Jedes Leck werde als Verrat gewertet. Das Außenministerium ist nicht eingeladen, die Diplomaten scheinen ihm zu geschwätzig. Notenbankchef Burns wird der Stuhl zugewiesen, auf dem einst Nikita Chruschtschow mit Dwight D. Eisenhower über Abrüstung verhandelte.

Das Währungs-Meeting verläuft „lang, aber friedlich und harmonisch“, notiert Burns in sein Tagebuch. Dabei ist er derjenige, der erbitterten Widerstand gegen das Schließen des Goldfensters leistet. Die anderen sind sich schnell einig. „Ich hasse es“, sagt auch Volcker, „aber es ist notwendig.“ Für Nixon ist die Sache ohnehin klar. Der Präsident hat nach Ansicht seines Wirtschaftsberaters Herbert Stein „eine große Sehnsucht nach der dramatischen Geste“, und der Nixon-Schock verspricht großes Drama. Und dazu gilt die Haltung von Finanzminister Connally: „Die Ausländer wollen uns übers Ohr hauen. Es ist unsere Aufgabe, sie zuerst übers Ohr zu hauen.“ Die Entscheidung fällt. Die USA kündigen ihre Verpflichtung vorläufig auf, Dollar jederzeit in Gold einzutauschen. Das Ende der Goldkonvertibilität. Das Ende von Bretton Woods.

Auf Wunsch von Connally hat Volcker schon einen Redeentwurf für den Präsidenten nach Camp David mitgebracht. Der Experte hat eine „typische Abwertungsrede“ konzipiert, „deren Ziel es war, die Finanzmärkte zu beruhigen und Zentralbanker zu beschwichtigen“. Garniert mit ein paar Mea Culpas und Versprechen für die internationalen Partner. „Von ein paar technischen Details abgesehen sah nichts davon je das Tageslicht“, berichtet Volcker später. Er schläft nicht gut im Camp. Das Bett in seiner Hütte ist zu kurz für den Zwei-Meter-Mann.

Noch in der Nacht gehen Nixon und sein Redenschreiber Safire ans Werk. Was herauskommt, ist nicht das Eingeständnis eines Scheiterns. Sondern das Signal zum Aufbruch.

Am Sonntagabend um 21 Uhr informiert der US-Präsident live aus dem Oval Office in Washington das amerikanische Volk über seine Beschlüsse. Im Hubschrauber hat er die Rede noch einmal geübt. Ein bisschen sorgt er sich, dass der Zeitpunkt zu sehr nach Krise riechen könnte. Denn das Wochenende lassen Millionen Amerikaner eigentlich gern gemütlich ausklingen – mit „Bonanza“.

Nixons Showdown mit Bretton Woods dauert 20 Minuten. „Die Zeit ist gekommen für eine neue ökonomische Politik der Vereinigten Staaten“, erklärt er dem Rundfunk- und Fernsehpublikum entschlossen. „Ihre Angriffsziele sind Arbeitslosigkeit, Inflation und internationale Spekulation.“ Seine „New Economic Policy“ ist ein Maßnahmenpaket, das sich um frühere Aussagen und wirtschaftspolitische Überzeugungen nicht schert. Richtig ist, was kurzfristig wirkt. Löhne und Preise werden zeitweilig eingefroren. Nixon kündigt Steuer- und Ausgabensenkungen an. Und eine Abgabe von zehn Prozent auf Importe.

Die internationalen Partner sind geschockt. Die Amerikaner erleichtert. Viele sehen das Paket als Schritt, um die ökonomische Unabhängigkeit der USA zu stärken: Nun kann man Inflation, Leistungsbilanzdefizit und Exportschwäche angehen, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Und kann sich gegen die gefürchtete japanische Konkurrenz wehren.

Der Redenschreiber William Safire hat an diesem einen Wochenende viel gelernt. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass Nixons Wirtschaftsberater Herbert Stein – der Autor des „einzigen Buchs über Wirtschaft, das ich je zu Ende gelesen habe“ – recht hatte: „Camp David war das für die Wirtschaft wichtigste Wochenende seit 1933.“

Die Befürchtung des Zentralbankers Burns, dass die russische „Prawda“ das Ende der Dollar-Konvertibilität „als Zeichen für den Zusammenbruch des Kapitalismus“ werten würde, erweist sich als unbegründet. Als am Montag die Börse öffnet, klettert der Dow Jones um fast vier Prozent, stärker als je zuvor. Die Inflation beruhigt sich – wenn auch nur zeitweilig. Denn unter der Decke der New Economic Policy bauen sich neue Spannungen auf. Die 70er-Jahre sollen zum Jahrzehnt der Krisen werden. Stagflation. Ölkrisen. Preisexplosion. Der Club of Rome verkündet die „Grenzen des Wachstums“.

Nixon aber kostet seinen Erfolg aus. Paul Volcker wird in die Welt ausgesandt, um mit den anderen Staaten neue währungspolitische Vereinbarungen auszuhandeln. „Großer Mann in großem Job“, kommentiert die britische „Financial Times“. Die Krönung seiner Karriere hat Volcker auch noch vor sich. Im August 1979 wird er an die Spitze der Notenbank rücken, die er dann acht Jahre lang führt. Für die Amerikaner wird er zum Retter in der Great Inflation, die das Land erschüttert.

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Der Versuch aber, auf den Trümmern des Bretton-Woods-Abkommens etwas Neues zu errichten, erweist sich als schwierig. Das im Dezember 1971 geschlossene Smithsonian-Abkommen scheitert bald wieder. Marktturbulenzen folgen.

Immer wieder mühen sich die Volkswirtschaften seitdem, ein dauerhaft stabiles und krisenfestes internationales Währungssystem zu finden. Viele Spielarten werden in vielen Teilen der Welt erprobt: Völlig frei floatende Währungen. Currency Boards mit fester Bindung der eigenen an eine fremde Leitwährung. Eine Gruppe europäischer Staaten begibt sich auf den Weg zur Schaffung einer Währungsunion, in der es mit Auf- oder Abwertungen ein für alle Mal vorbei ist: dem Euro. In allen diesen Modellen aber bleibt ein Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Stabilität und Berechenbarkeit für den Handel – und der notwendigen Flexibilität für sich verändernde Volkswirtschaften.

Lange nach dem Scheitern von Bretton Woods hat sich Volcker gefragt, ob es in der Rückschau „einen Punkt gab, an dem es gerettet werden hätte können“. Eine Antwort darauf hat auch er nicht gegeben.

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