KolumneAudi rollt immer tiefer in die China-Falle

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Für den neuen Audi-Chef Bram Schot beginnt das neue Jahr mit Ungemach. Im Januar und Februar setzte der Konzern unter dem Strich 5,5 Prozent weniger Autos ab als in den ersten beiden Monaten des Vorjahrs. In allen großen Märkten lagen die Ingolstädter im Minus – außer in China. Audi wird damit immer abhängiger von seinen Geschäften zwischen Beijing und Shanghai. Mittlerweile verkauft die VW-Tochter dort doppelt so viele Autos wie in Deutschland. Der Heimatmarkt bröckelt, nur ein einziger großer Markt im Ausland bringt noch richtig Wachstum. So gefährlich war die Lage für Audi lange nicht.

Und doch setzt Schot vor allem auf das China-Geschäft, um den angeschlagenen Konzern zu sanieren. Tausende von Jobs sollen bis 2024 wegfallen, die Zulieferer müssen bluten wie schon lange nicht mehr und bei den neuen Modellen muss sich der Kunde daran gewöhnen, dass künftig noch mehr Teile aus dem VW-Baukasten kommen. Alles zusammen soll Audi wieder profitabler machen, damit genügend Geld für die E-Offensive des Konzerns in der Kasse übrig bleibt. Doch diese Übung funktioniert nur dann, wenn die Chinesen weiterhin so gut kaufen wie bisher. Einen Plan B gibt es bei Audi nicht.

Im Gegenteil: Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt führt dazu, dass sich die Modellpolitik künftig noch stärker als bisher am Geschmack der chinesischen Konsumenten orientiert. Einige Fahrzeuge produziert Audi praktisch nur noch für das Reich der Mitte. Bricht dort der Absatz in den nächsten Jahren ein, bleibt nur ein harter Tritt auf die Bremse. Umlenken auf andere Märkte lassen sich die Fahrzeuge aus Fernost kaum.

China darf nicht einbrechen

Für das Kalkül des Audi-Vorstands spricht: Selbst wenn Audi in China in den nächsten Jahren nur so stark wachsen sollte wie der Gesamtmarkt, wäre das wahrscheinlich schon ein schönes Plus. Doch die Chancen stehen gut, deutlich stärker zu wachsen. Das Image der Ingolstädter hat sich dort wieder deutlich verbessert, die neuen Modelle kommen gut an. Und der Vertrieb, der in den vergangenen Jahren mit einigen Problemen zu kämpfen hatte, funktioniert wieder vernünftig.

Doch wahr ist auch: Die gesamte Planung basiert auf der Annahme, dass die chinesische Wirtschaft insgesamt nicht in Turbulenzen gerät. Angesichts zahlreicher geopolitischer Probleme (vor allem mit den Vereinigten Staaten) und angesichts wachsender Verwerfungen in der chinesischen Wirtschaft selbst (zum Beispiel durch die immer gefährlichere Verschuldung der Staatsunternehmen), ist das aber keineswegs ausgemacht.

Das Horrorszenario sieht ungefähr so aus: Die chinesische Regierung kann die vielen versteckten Probleme nicht mehr durch immer neue Kredite zuschütten und tritt zum ersten Mal ernsthaft auf die Bremse. Die Zahl der Pleiten steigt und die vielen staatlichen und halbstaatlichen Konzerne müssen eisern sparen. Die verunsicherten Konsumenten kaufen weniger – auch Autos. Und dann verändert die Regierung die Spielregeln und bevorzugt massiv die eigenen chinesischen Hersteller, um wenigstens die eigene Industrie über die Krise zu retten. Was dann, Herr Schot?