ReportageArmes Amerika

Armut Amerika
Der Arbeitslose hält ein Schild hoch, während ein Porsche vorbeibraust: „Brauche dringend Geld, werde jede Arbeit machen.“ Der Mann steht an einer Kreuzung in Manchester Village, einer reichen Kleinstadt im US-Bundesstaat Vermont
© Martin Roemers/Panos Pictures/Laif

„Akzeptieren wir eine Wirtschaft, in der es nur wenigen von uns spektakulär gut geht?“, fragte US-Präsident Barack Obama in seiner Rede zur Lage der Nation die Abgeordneten. Er macht damit die wachsende Ungleichheit zum Thema der letzten Phase seiner Präsidentschaft. Mit höheren Steueren für Reiche und finanziellen Entlastungen für die Mittelschicht will Obama die Schere zwischen arm und reich wieder schließen. Seine Pläne dürften allerdings an der republikanischen Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses scheitern.
Capital hat sich im Herbst vergangenen Jahres auf Spurensuche in Amerika begeben. Die Reportage „Breaking Bad“ (Capital, 11/2014) erscheint hier in leicht modifizierte Form.


Fresno, Kalifornien. Ein Mann steigt aus dem Greyhound-Bus, schultert seinen Rucksack und macht sich zu Fuß auf den Weg. Er hat noch 40 Dollar in der Tasche, er braucht einen Job. Im Laden neben der Tankstelle fragt er, ob sie einstellen. Der Besitzer schüttelt den Kopf: „Bei uns ist nichts frei.“ Auch im Waschsalon hat er keinen Erfolg. „Ich arbeite selbst für 20 Dollar am Tag“, sagt der Angestellte dort und zuckt mit den Schultern.

Am Abend breitet der Mann seinen Schlafsack auf einer Parkbank aus. So geht es Tag für Tag, bis er nicht mal mehr Geld für Bananen hat. Sein letzter Ausweg ist die Lebensmittelausgabe für Obdachlose.

Neel Kashkari
Ganz unten: Neel Kashkari bei seinem Selbstversuch

„Es war die härteste Woche meines Lebens“, sagt der Mann, der Neel Kashkari heißt, später in die Kamera. Seine Bartstoppeln, die anfangs noch gepflegt waren, stehen struppig ab, die hellgraue Schirmmütze hat Flecken. Ihr Träger wirkt dennoch fit und gesund, die Straße hat ihn nicht gezeichnet. Kein Wunder: Im echten Leben ist Kashkari nämlich Investmentbanker, wohnt in einer 10-Mio.-Dollar-Villa in Laguna Beach und führt seine beiden Neufundländer am Pazifik spazieren. In Washington nennen sie ihn den „700-Mrd.-Dollar-Mann“: Für den damaligen Finanzminister Hank Paulson hat er 2008 und 2009 das gigantische Rettungspaket für die angeschlagenen Banken verwaltet.

Der 41-jährige Republikaner wollte im Herbst 2014 Gouverneur von Kalifornien werden. Niemand sollte Kashkari vorwerfen, er habe kein soziales Gewissen. Deshalb hat er sein Obdachlosenexperiment auf Youtube gestellt. Den Wählern signalisierte er: Ich mag zum obersten Prozent gehören, aber ich weiß, dass ich in einem zweigeteilten Land lebe. Und finde das nicht in Ordnung.

Kashkaris Woche als Obdachloser mag man als zynische Showeinlage im Wahlkampf abtun, in dem er gegen den demokratischen Amtsinhaber Jerry Brown kaum Chancen hatte. Tatsächlich verlor er die Wahl. Mit dem Thema Ungleichheit hat er jedoch einen Nerv getroffen, einen ziemlich starken Nerv. Das Thema schleicht seit Ausbruch der Finanzkrise durch die USA, hat sich eingenistet in den Köpfen und Debatten. Vor zwei Jahren kam die erste große Eruption mit den Occupy-Wall-Street-Protesten. Die Camps im New Yorker Central Park sind geräumt, das Thema ist geblieben.

Obwohl die USA wieder wachsen, im letzten Quartal stolze 4,6 Prozent, stimmt in den USA etwas nicht trotz Schiefergasbooms und Milliardengewinnen von Konzernen. Etwas scheint verloren gegangen in einem Land, das im Grunde ein Versprechen ist, dass jeder es schaffen kann, so wie es John F. Kennedy in den Sechzigern formulierte: „Eine steigende Flut hebt alle Boote.“

Das Gesetz des Wachstums scheint außer Kraft, denn das Wasser steigt, aber die meisten Boote steigen nicht mit – oder sinken: Die Gewinne wachsen, die Vermögen der Reichen auch, aber die Löhne stagnieren. Und das macht zunehmend auch die obersten „1 Prozent“ nervös – und die Politiker.

Aufschwung der Oberklasse

Man könnte auch das Bild einer Lokomotive benutzen. Sie hat Fahrt aufgenommen. Doch der Rest des Zugs wurde abgekoppelt. Laut Daten der OECD haben nur die Schwellenländer Mexiko, Chile und Türkei eine noch ungerechtere Einkommensverteilung als die USA. Und die Schere geht immer weiter auf. Zwischen 2010 und 2013, hat die US-Notenbank Fed vorgerechnet, sind die Einkommen der reichsten zehn Prozent um zehn Prozent gestiegen. Während die der ärmsten 20 Prozent um acht Prozent gefallen sind.

Die Einkommen der Mittelklasse stagnieren – und haben ihr Vorkrisenniveau nicht wieder erreicht. „Wir befinden uns im ersten Aufschwung aller Zeiten, in dem es 90 Prozent der Amerikaner schlechter geht“, klagt der Ökonom Robert Reich, der einst Arbeitsminister unter Bill Clinton war und heute in Berkeley lehrt. Reich hat 2013 eine Dokumentation über das Thema gedreht, Titel: „Inequality for All“.

Nick Hanauer, Wagniskapitalgeber und einer der reichsten Amerikaner, warnte sogar vor einem „Mob mit Mistgabeln“. Er schrieb ein eindringliches „Memo“ an seine fellow zillionaires – an die 0,1 Prozent, für die mehrere Häuser und ein Privatjet Alltag sind. Das Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty, der die westlichen Gesellschaften auf dem Weg zu einer Wohlstandsverteilung wie im 19. Jahrhundert sieht, ist auch in den USA ein Bestseller.

Unter Unternehmern, Ökonomen und in beiden politischen Parteien wächst die Sorge: Die Kombination aus steigenden Profiten und Kapitalerträgen auf der einen und sinkenden Löhnen und Ersparnissen auf der anderen Seite könnte der Nation langfristig schaden.

Als „sehr destabilisierend“ bezeichnete etwa Lloyd Blankfein die Ungleichheit. Die wachsende Kluft erschwere es einer Gesellschaft, ihre Probleme zu lösen und künftiges Wachstum zu generieren, warnte der Goldman-Sachs-Chef, der mit zuletzt 23 Mio. Dollar Jahreseinkommen bestbezahlter Banker der Welt ist. „Wenn der Kuchen wächst und zu wenige Menschen davon profitieren, hat man eine instabile Gesellschaft.“

Andere sehen nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht, sondern die kapitalistische Wirtschaftsordnung an sich. Arbeitslose und Geringverdiener belasten die Sozialsysteme, eine verunsicherte Mittelklasse bremst den Konsum – und die Exzesse an der Spitze der Pyramide verzerren die Preise. „Extreme Einkommensungleichheit kann langfristig dem nachhaltigen Wirtschaftswachstum schaden“, warnt die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P). „Die USA nähern sich dieser Schwelle.“ Dies ist der Grund, warum S&P die langfristige Wachstumserwartung für das Land von 2,8 auf 2,5 Prozent gesenkt hat.

Die Unternehmen könnten ihren Erfolgskurs nicht halten, wenn ihre Angestellten außen vor blieben, schreibt auch die Harvard Business School in einem Report über die Wettbewerbsfähigkeit der USA. „Historisch gesehen haben amerikanische Unternehmen und Bürger entweder gemeinsam floriert wie im Boom nach dem Zweiten Weltkrieg oder gemeinsam gelitten wie während der Großen Depression.“ Die US-Konzerne seien heute gut aufgestellt, die Abwärtsspirale bei den Löhnen habe das nicht gestoppt.