Kommentar 30 Jahre Mauerfall - ein Jubiläum mit Beigeschmack

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar.
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar.
© Gene Glover
Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall wird der DDR-Unrechtsstaat immer noch verklärt. Die Linkspartei versteckt sich neuerdings hinter der AfD-Bedrohung, schreibt Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Lange nicht mehr ist ein freudiges Jubiläum, ja eines der schönsten der deutschen Geschichte überhaupt, mit einem solch schalen Beigeschmack gefeiert worden: Es ist der Geschmack der Verunsicherung, der Zweifel, des Rätselns, was denn „im Osten da drüben“ passiert und schiefgelaufen ist. Man muss vorwegschicken, das frühere Jubiläen des Mauerfalls auch ihre Schatten warfen und teils nur mit einem Arm bejubelt wurden.

In das Pathos des glücklichsten Moments mischten sich wiederholt Sorgen und Diagnosen des Misserfolgs, dass der Osten entweder „ein Fass ohne Boden“ sei, durchsät von Flecken mit „No-Go-Areas“ oder wirtschaftlich der ewige Nachzügler. Letzteres stimmt zwar, aber eben auch nicht: Wir sollten verstärkt auf die Erfolge dieser historischen Wohlstandsvermehrung schauen, zumal die Massenarbeitslosigkeit auch in Ostdeutschland Geschichte ist und die überwiegende Mehrheit eben nicht abgehängt ist, sondern ein gutes westeuropäisches Leben in Sicherheit und Frieden führt.

Ich will noch an eine weitere Perspektive erinnern, da der Osten heute vor allem im Kontext des unaufhaltsamen Aufstiegs der AfD gesehen wird. Eines vorweg: Solange Politiker – leider aber auch manche Medien – den Osten als eine Art Zoobesuch abhandeln, wo man ab und an mal hinfährt und staunt, wird diese Distanz bleiben und wachsen, über die wir heute rätseln und uns Sorgen machen.

Das Jubiläum mahnt uns eines: Der Erfolg der AfD kann nicht ohne den früheren Erfolg der Linkspartei im Osten gesehen werden, mit der die Linke heute am meisten um „die Abgehängten“ kämpft. Wie komplex und tief wurzelnd dieser „Erfolg“ ist, hat die ehemalige DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel diese Woche in der Sendung von „Markus Lanz“ deutlich gemacht, wo sie unter anderem mit Oskar Lafontaine saß.

Ich möchte Ihnen empfehlen, diese Sendung unbedingt nochmal anzuschauen (ab Minute sieben oder wenn sie weniger Zeit haben ab Minute 35, den Link zur Mediathek finden Sie hier ). Ines Geipel hat selbst unter der Stasi gelitten, bei einer Blinddarmoperation im Jahr 1984 wurde ihr im Auftrag der Spitzelpolizei der Bauch samt Muskulatur durchschnitten, wodurch ihre Karriere sofort beendet war. Sie hat gerade das Buch „Umkämpfte Zone“ geschrieben.

Nahezu eine halbe Stunde ringen Geipel und der hartnäckig fragende Markus Lanz mit Lafontaine um den einfachen Satz: „Die DDR war ein Unrechtsstaat.“ Kaum ein Vertreter der Linkspartei, sei es im Osten oder Westen, bringt diesen Satz einfach über die Lippen. Auch Lafontaine nicht. Der Satz wird immer im Kontext gesagt, immer relativierend, immer lavierend, referierend.

Die Verharmlosung und Verklärung des DDR-Unrechts und auch die Verhöhnung von Opfern hat in der SED-Nachfolgepartei eine lange Geschichte – die 30 Jahre zurückreicht. Eine weitere Tradition sind Reflektionen über „Wege zum Kommunismus“, über die bereits die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch 2011 referierte. Die Fantasien und Pläne, die mal unverhohlen Kommunismus, mal Sozialismus und mal „demokratischer Sozialismus“ heißen, brauchen den Deckmantel über der DDR – der Rest folgt dem Motto: „Das wird man ja wohl noch mal träumen dürfen.“

Dass diese Wege seit hundert Jahren in nahezu allen Kulturen und Erdteilen nach dem gleichen Muster verlaufen sind und in Tod und Terror endeten, spielt kaum eine Rolle mehr – man kann und sollte es noch mal versuchen, weil die Idee ja so bestechend ist.

Die Linkspartei darf sich nun hinter der Bedrohung durch die AfD verstecken und muss immer weniger erklären, warum es noch Bedenken gibt, mit ihr eine Regierung zu bilden. Während bei der AfD – zu Recht – jeden Tag jeder Stein umgedreht wird, soll über der eigenen Geschichte eine große Grabplatte liegen. Dabei geht es eben nicht nur um das Unrecht der DDR, sondern um die Pläne für die Zukunft – und dort ist der Kommunismus eben nicht ausgeträumt.

Es hat in Thüringen unter Bodo Ramelow Ansätze gegeben, die Vergangenheitsbewältigung zu ändern. Sie sind aber, auf das gesamte Land gesehen, immer halbherzig und unehrlich geblieben. Gerade weil in Ostdeutschland die strategische Rolle der Linkspartei sich verändert – sie ist dort schon lange keine Protestpartei mehr, sondern Gestaltungspartei – wäre das Jubiläum eine große Chance und Gelegenheit gewesen.

Vielleicht gelingt es Historikern, Soziologen oder Politikern beim nächsten Jubiläum präziser und erfolgreicher, jene Schichten freizulegen und zu verstehen, die zu den heutigen Mustern der Enttäuschung geführt haben, aus denen Linkspartei und AfD sich speisen. Ausgerechnet heute, 30 Jahre nach Mauerfall, ist die Ratlosigkeit größer denn je.


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