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Energiekrise „Wir haben 20 Jahre glücklich gelebt und geheizt und zu wenig getan“

Olaf Zimmermann: „Wir sind voll, rappelvoll“
Olaf Zimmermann: „Wir sind voll, rappelvoll“
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Olaf Zimmermann führt einen alteingesessenen Heizungs- und Sanitärbetrieb in München mit 22 Beschäftigten. Er sucht aber dringend Nachwuchs und Fachkräfte. Denn die Auftragsbücher sind übervoll, alle wollen nun beim Heizen sparen

Es sind noch zwölf Wochen bis zum Beginn der Heizsaison. Und Deutschland droht der Gasnotstand. Kommen Sie da als Heizungsbauer noch hinterher?

OLAF ZIMMERMANN: Bei uns rufen im Schnitt zehn Leute am Tag an, die ganz weg wollen vom Gas, darunter auch viele Hausverwaltungen oder Hausbesitzer. Die Leute sind ungeduldig. Die haben Angst im Winter zu frieren und wollen jetzt noch schnell umsteigen. Aber so schnell geht das nicht. Wir sind voll, rappelvoll. Neue Aufträge kann ich im Grunde gar nicht annehmen. 15 Wochen Wartezeit mindestens. Und Stammkunden haben Vorrang bei uns.

Bundesnetzagenturchef Klaus Müller hat alle Haus- und Wohnungsbesitzer zum Energiesparen aufgefordert. Sie sollen ihre Gasbrennwertkessel und Heizkörper rasch überprüfen und effizient einstellen lassen, um den Gasverbrauch zu senken. Lohnt das denn wirklich?

Pro Gebäude sind da 10 bis 20 Prozent Energieeinsparung drin. Ein unreguliertes Heizsystem heißt ja, dass die Heizkörper neben der Heizungspumpe überversorgt sind und heiß werden, während bei den entfernten Heizkörpern der Druck nicht mehr ausreicht, um die nötige Warmwassermenge zirkulieren zu lassen. Ein sogenannter hydraulischer Abgleich optimiert den Wasservor- und rücklauf und führt zu einer höheren Temperaturdifferenz. Dazu müssen wir für jeden Raum die erforderliche Heizleistung berechnen, die Heizkörper und die Thermostatventile entsprechend justieren und optimieren. Das sind ein paar Stunden Arbeit für einen Installateur. Eigentlich ist so ein hydraulischer Abgleich Standard, bei Bestandsgebäuden steht er bei uns aber meist nur auf dem Papier. In der Praxis ist sehr wenig passiert.

Jetzt kommen alle mit Wartungsaufträgen?

Ja, aber auch die muss ich vertrösten. Oft sind die Leute dann ganz verzweifelt, weil sie schon fünf andere Betriebe angerufen und Absagen bekommen haben. Die Situation ist heikel. Es kommt gerade alles zusammen. Wir haben 20 Jahre glücklich gelebt und geheizt und zu wenig getan. Nun fällt uns das auf die Füße, wir müssen vier Millionen über 30 Jahre alte Heizkessel austauschen. 2000 Wärmepumpen am Tag einbauen. Wir haben die Dämmung von Gebäuden und Rohren schleifen gelassen. Das ist Vergeudung hoch drei.

In großen Hausgemeinschaften könnten die Temperaturen abgesenkt werden, um Gas einzusparen?

Ja, das wäre sinnvoll – und technisch ist das machbar. Aber es gibt auch Hausverwaltungen, die das gerne umsetzen würden. Bei 22 Grad würden wir die Temperatur abregeln. Aber es fehlt an rechtlicher Handhabe. Was ist, wenn ein Mieter klagt. Der zahlt viel Geld und will es schön warm haben. Wir brauchen da entsprechende Gesetze – vorher sind uns Heizungsfachleute die Hände gebunden. Das läuft dann so, wir drehen ab, der Hausmeister auf. Wir müssen da schnell in die Schuhe kommen, den Leuten klar machen, wie ernst es ist: Auch volle Gastanks reichen nur vier bis sechs Wochen. Es gibt auch noch ein ganz anderes Problem. Es ist kaum umzusetzen, Einzelpersonen gegenüber der Industrie zu bevorzugen. Denn wenn er Gasdruck fällt, fällt er für alle – und die Gasgeräte müssen dann abschalten.

Schmeißen Sie jetzt alle Kräfte auf Heizung und Warmwasserversorgung?

Nein, wir sind ein alteingesessener Handwerksbetrieb in München. Unsere Stammkundschaft wird älter. Da sind jetzt einige Menschen dabei, die pflegebedürftig werden, denen bauen wir die Bäder um. Das ist auch wichtig.

Welche Rolle spielen Lieferengpässe bei der Wärmewende? Gibt es da welche?

Es gibt welche. Die Wartezeit für Fernwärmestationen liegt jetzt bei Wochen. Die brauchen wir in München an vielen Stellen, da die Stadt die Fernwärme ausbaut. Außerdem sind die Preise für viele Bauteile an die Decke geschossen. An öffentlichen Aufträgen können wir uns gar nicht mehr beteiligen, da es dort keine Preisanpassungsklauseln gibt.

Könnten Sie nicht einfach mehr Leute einstellen, um die Aufträge zu übernehmen?

Wir suchen händeringend. Auf auch Social Media, aber da sind auch schon alle unterwegs. Meine einzige Chance auf Nachwuchs ist über Bedarf auszubilden, das versuche ich. Aber es ist schwierig. Das Handwerk hat kein allzu gutes Image bei Abiturienten, dabei haben wir sehr spannende und herausfordernde Aufgaben. Und die Verdienstmöglichkeiten sind gut. In unserem Beruf hat sich viel getan. Und wir müssen die Ausbildung weiter verbessern. Auch das Verhältnis von Azubi und Meister hat sich geändert. Dieser Spruch: Lehrjahre sind keine Herrenjahre ist Blödsinn.


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