Altersvorsorge20 Fragen und Antworten zu Ihrer Lebensversicherung

Mann in Landschaft
Symbolbild: Vorsorge für die Zukunft

Nach langem Zögern hat Generali im Sommer Ernst gemacht: Der italienische Versicherer hat seine deutsche Tochter Generali Leben an den Abwickler Vidirium verkauft – inklusive rund vier Millionen Lebensversicherungsverträgen. Klassische Lebenspolicen mit Garantiezins hatten Kunden bei dem Unternehmen bereits seit Jahresbeginn nicht mehr neu abschließen können. Für Kunden ändere sich durch den Verkauf nichts, ihnen entstünden keinerlei Nachteile, wird Generali nicht müde zu betonen. „Alle Versicherten erhalten auch zukünftig alle garantierten Leistungen, also insbesondere die garantierten Kapital- und Rentenzahlungen“, heißt es in einer Kundeninformation des Unternehmens.

Lebensversicherungskunden sind trotzdem beunruhigt. Generali ist nicht der erste Versicherer, der klassische Lebensversicherungen verkauft. Immer mehr Unternehmen wollen alte Policen loswerden, weil sie ihre Bücher belasten. Aus ökonomischer Sicht ist das verständlich. An den Verträgen hängen schließlich heikle Verpflichtungen: hohe Kapitalgarantien, die in der Niedrigzins-Ära für Versicherer mehr Risiken als Chancen bergen. Auch die Aktionäre wissen das. Kunden müssen allerdings aufpassen, wenn sie im Policen-Monopoly ihre Interessen wahren wollen. Capital liefert Antworten auf die drängendsten Fragen rund um den Verkauf von Lebensversicherungspolicen.

#1 Beteiligen sich neben Generali noch andere Marktriesen am Ausverkauf?

Bislang waren es vor allem kleinere Versicherer, die ihre Lebensversicherungsbestände verkauft haben. So hat die Frankfurter-Leben-Gruppe rund 130.000 Verträge der Basler übernommen, außerdem rund 322.000 Verträge der Arag Lebensversicherung. Die Frankfurter Leben verwaltet die Verträge, bis sie abgelaufen sind. Ein weiterer Player im sogenannten Run-Off-Geschäft ist die Athene Lebensversicherung. Sie verwaltet rund 350.000 ehemalige Delta-Lloyd-Verträge. Mit der Ergo hatte neben Generali noch ein weiterer großer Versicherer darüber nachgedacht, rund sechs Millionen alte Lebensversicherungsverträge zu verkaufen. Nach Kritik machte der Konzern aber einen Rückzieher.

#2 Welche Verträge sind überhaupt betroffen?

In erster Linie geht es bei den Plänen der Versicherer um private Kapitallebens- und Rentenversicherungen. Allerdings können auch betriebliche Verträge betroffen sein. Staatlich geförderte Riester-Policen können je nach Anbieter ebenfalls zur Abwicklungsmasse zählen. Für fondsgebundene Policen hingegen ist ein solcher Schritt eher unwahrscheinlich. Wer wissen will, ob es seinen konkreten Vertrag trifft, sollte direkt beim Anbieter nachfragen.

#3 Kann ich ein Veto gegen Abwicklung oder Verkauf einlegen?

Leider nein. Die Versicherungsaufsicht Bafin muss dem Verkauf von Policen allerdings zustimmen. Das hat sie bei früheren Deals getan – Bedingung ist aber, dass kein einziger Kunde dadurch schlechter gestellt wird. Insofern ist die Bafin die letzte Sicherungslinie für Kunden und nimmt auch Beschwerden entgegen. Liegt ihre Genehmigung vor, bleibt Kunden nur der Klageweg – mit geringen Erfolgsaussichten.

#4 Was bedeuten Abwicklung oder Verkauf für die Gewinnaussichten meines Vertrags?

Nichts Gutes. Die Aufsicht achtet zwar strikt darauf, dass die Versicherer alle Garantien erfüllen. Bei den variablen Gewinnen haben die Unternehmen jedoch reichlich Spielraum. Und sowohl bei der Abwicklung wie beim Verkauf fehlt den Gesellschaften der Anreiz, weiter hohe Überschüsse an die Kunden auszukehren – wobei diese in den vergangenen Jahren ohnehin schon deutlich gesunken sind.

#5 Ist es sinnvoll, im Abwicklungsfall die Versicherung fortzusetzen?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Es kommt zum Beispiel auf Versicherungsschutz, Garantien und die persönliche Situation an. Die Stilllegung der Policen oder Verkaufspläne sind aber ein guter Anlass, um laufende Verträge zu überprüfen. Es gibt meist drei Optionen: weiterzahlen, beitragsfrei stellen oder aussteigen. Diese Möglichkeiten stehen generell allen Kunden offen.

#6 Gibt es denn gar keine Verträge mehr, die sich noch lohnen?

Doch, sogar eine ganze Menge. Ältere Policen, die in den Jahren vor 2005 abgeschlossen wurden, enthalten hohe Zinsgarantien und liefern daher häufig noch lukrative Erträge von bis zu 4 Prozent jährlich – in aller Regel steuerfrei. Eine bessere festverzinsliche Geldanlage findet man aktuell kaum. Außerdem lohnt es sich normalerweise, Lebensversicherungen durchzuhalten, die nur wenige Jahre vor der Auszahlung stehen, um die in Aussicht gestellten Schlussüberschüsse mitzunehmen.

#7 Woran erkenne ich noch, ob ich einen Vertrag halten oder loswerden sollte?

Neben dem Abschlusszeitpunkt gibt es zwei weitere Kriterien:

  • Leistung: Millionen Vorsorgeverträge enthalten einen Schutz für den Fall der Berufsunfähigkeit. Eine solche BU-Rente ist schwer zu ersetzen und kann daher ein K.-o.-Kriterium für den Ausstieg sein.
  • Schulden: Wer nach einem Hausbau noch Kredite bedienen muss, kann das Geld aus einer Police meist gewinnbringender für Sondertilgungen nutzen oder Darlehen komplett ablösen. Tendenz: eher aussteigen.

#8 Gibt es einen einfachen Check für die persönliche Entscheidung?

Leider nein. Schon wegen der unterschiedlichen Vertragsarten ist die Entscheidung komplex. Rürup-Verträge etwa sind unkündbar. Nach Ansicht von Praktikern wie Versicherungsberater Stefan Albers bietet nur eine exakte Vertragsanalyse die Grundlage für eine vernünftige Entscheidung: „Ich hatte schon Verträge, die trotz Steuerfreiheit nicht rentierten, weil von 100 Euro Beitrag allein 40 für Kosten draufgingen.“ Das sehe der Kunde aber nicht. Für alle, die selbst kalkulieren wollen, hat der Bund der Versicherten (BdV) einen Onlinerechner, mit dem sich die Rentabilität von Policen gratis überprüfen lässt: bundderversicherten.de

#9 Gibt es einen Trick, um unrentable Policen ohne Verluste loszuwerden?

Ja! Millionen Kunden können ihren Vertrag ganz legal widerrufen und so die eingezahlten Beiträge nahezu komplett zurückholen. Die Grundlage dafür hat der Bundesgerichtshof gelegt. Viele Versicherer haben bei Vertragsabschlüssen zwischen Mitte 1994 und Ende 2007 fehlerhaft informiert. Die Richter gestanden diesen Versicherten ein „ewiges“ Widerrufsrecht zu (Az: IV ZR 76/11). Im Ergebnis muss der Versicherer den Vertrag rückabwickeln, so, als hätte es ihn nie gegeben. Die Krux an der Sache ist, dass viele Unternehmen sich energisch wehren. Die Verbraucherzentrale Hamburg bietet einen Onlinerechner, mit dem sich im ersten Schritt die Rückzahlung überschlägig ermitteln lässt (vzhh.de). Danach können Kunden entscheiden, ob es lohnt, den Vertrag juristisch prüfen zu lassen.

#10 Wo finde ich einen Fachmann, wenn mir alles zu aufwendig oder heikel ist?

Wer vor den juristischen Details zurückschreckt, kann die Prüfung auch unabhängigen Experten überlassen. Der Bund der Versicherten steht Mitgliedern bei Fragen rund um Vertragskündigung oder Widerruf zur Seite (Jahresbeitrag: 60 Euro). Bei größeren Summen lohnt es oft, einen Versicherungsberater zu engagieren (Adressen: bvvb.de).

#11 Wie groß ist das Risiko, dass ein Versicherer pleitegeht?

Das weiß im Augenblick leider niemand genau. Die Lage verschärft sich, weil die Unternehmen zugleich hohe Garantien und Eigenkapitalanforderungen bedienen müssen. Das führt zu Verwerfungen in den Bilanzen. Auf der anderen Seite hat die Branche noch Reserven, und die Bafin wacht über die Solvenz. Kurz- bis mittelfristig haben Lebensversicherungsanbieter trotz des Zinstiefs keine lebensbedrohlichen Probleme, konstatiert die Behörde in ihrem jüngsten Jahresbericht. Immer mehr Lebensversicherer mussten zuletzt aber stille Reserven auflösen, weil die laufenden Erträge nicht mehr ausreichten, um die sogenannte Zinszusatzreserve zu bedienen. Diese zusätzliche Rückstellung müssen Versicherer seit 2011 bilden, um auch in Zeiten mit niedrigen Zinsen die hohen Garantien aus früheren Jahren erfüllen zu können. Um diesem Problem entgegenzuwirken, hat die Bundesregierung im Oktober eine Regelung auf den Weg gebracht, nach der die Lebensversicherer ihre Krisen-Kapitalpolster künftig langsamer aufstocken sollen. Das wäre eine große finanzielle Entlastung. Klar ist: Kunden sollten ihre Gesellschaft im Blick behalten – und auf keinen Fall rentable Verträge aufgrund vager Risiken kündigen.

#12 Welcher Teil meines Geldes ist im Pleitefall auf jeden Fall sicher?

Alle garantierten Zusagen sind gesichert – dazu zählen die garantierte Summe sowie alle Überschüsse, die dem Kundenkonto bereits gutgeschrieben wurden. Das ist der Löwenanteil des Geldes. Gerät ein deutsches Unternehmen in Schieflage, springt der gesetzliche Sicherungsfonds Protektor ein und übernimmt auch den Versicherungsschutz.

#13 Wie stehen die Lebensversicherer nach der aktuellen Bilanzanalyse da?

„Die Branche hält sich wacker, auch wenn viele Gesellschaften inzwischen enorm unter ihren hohen Zinszusagen für alte Verträge leiden“, sagt Peter Schneider, Geschäftsführer des Analysehauses Morgen & Morgen. Seine Analysten prüften den aktuellen Bilanzjahrgang von 65 Unternehmen, die mehr als 90 Prozent des gesamten Marktes repräsentieren. Im Vergleich schnitt Ergo, die überlegt hatte, Bestände zu verkaufen, mit „schwach“ ab. An der Spitze mit fünf Sternen konnten sich immerhin neun Versicherer halten: die Allianz, Alte Leipziger, Debeka, Deutsche Ärzteversicherung, Europa, Hannoversche Leben, Ideal, R+V a.G. sowie die WGV.

# 14 Warum bekommen einige Versicherer Top-Noten, obwohl es der Branche so schlecht geht?

Die Analysten von Morgen & Morgen berücksichtigen viele unterschiedliche Faktoren. Sie schauen sich unter anderem an, ob ein Versicherer erfolgreich am Kapitalmarkt agiert, wie hoch seine Kosten, sein Sicherheitspolster und seine Erträge liegen. Das M&M-Rating soll letztlich etwas darüber aussagen, wie kundenfreundlich eine Gesellschaft ist und wie sie sich langfristig am Markt behauptet. Das bedeutet indes nicht, dass nicht auch Versicherer mit guten M&M-Noten kurzfristig unter Druck geraten können.

# 15 Wie werden sich die Gutschriften in den kommenden Jahren entwickeln?

Seit Jahren kennen die Überschüsse nur eine Richtung: nach unten. Nach Berechnungen von Morgen & Morgen hat sich die in Aussicht gestellte Rendite von klassischen Rentenversicherungen seit dem Jahr 2007 nahezu halbiert, von vier auf 2,4 Prozent. Dieser Abwärtstrend ist leider stabil. Die Überschussbeteiligung dürfte weiter sinken, prophezeien Branchenkenner. Die Gründe sind leicht zu erklären: Die Unternehmen können am Kapitalmarkt immer weniger verdienen, weil sie ihr Geld vorsichtig anlegen müssen und daher mehr als 90 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren wie zum Beispiel Bundesanleihen halten – und die bringen im aktuellen Niedrigzinsumfeld nichts mehr ein. Mittlerweile streichen Versicherte mit hochverzinsten Altverträgen gar keine Überschüsse mehr ein. Trotzdem machen sie – wie bereits erwähnt – mit der vergleichsweise hohen Garantieverzinsung immer noch ein gutes Geschäft.

#16 Lohnt es noch, eine neue klassische Lebens- oder Rentenversicherung abzuschließen?

Eindeutig nein. Beim aktuellen Garantiezins von 0,9 Prozent ist häufig nicht mal mehr die Auszahlung der eingezahlten Beiträge gesichert, vor allem bei Versicherungen mit Laufzeiten von weniger als 25 Jahren und bei Unternehmen, die sich immer noch hohe Kosten leisten. Die Garantien sind zu teuer geworden – und auch die Gewinnbeteiligung bleibt absehbar gering. Nur für alle, denen im Alter noch sichere monatliche Einkünfte fehlen, könnte sich eine Sofortrente lohnen, bei der man einmal einen Beitrag einzahlt.

#17 Wie wirkt sich die anhaltende Krise auf die Kunden aus?

Das hängt auch von der Philosophie und Rechtsform des Versicherers ab. Wenn die Margen sinken, bekommen dies am ehesten Kunden börsennotierter Unternehmen zu spüren. Denn Aktionäre verlieren leicht den Spaß am Geschäft und sind schnell vergrault. So ist es vermutlich kein Zufall, dass mit Generali ausgerechnet eine große Aktiengesellschaft ihre teuren, alten Lebensversicherungsbestände verkauft hat. De facto haben bislang (fast) nur Aktiengesellschaften ihre Verträge stillgelegt.

#18 Was verkaufen die Unternehmen noch, wenn die klassischen Policen wegfallen?

Die Branche setzt verstärkt auf Produkte mit reduzierten Garantien wie index- oder fondsgebundene Renten, die mittlerweile den größten Anteil am Neugeschäft stellen. Die Leistungen der Tarife sind jedoch selbst für Fachleute schwer einzuschätzen, weil sie sich in Anlage und Garantien enorm unterscheiden. BdV-Chef Kleinlein kritisiert die Angebote als „durch die Bank zu unübersichtlich, zu intransparent und zu teuer“. Tatsächlich hat die Branche das Problem mit den hohen Gebühren nicht gelöst. Kaufinteressenten sollten daher stets nach den Effektivkosten fragen: Ein Renditeabschlag unter einem Prozent ist günstig.

#19 Warum können Produkte mit reduzierten Garantien trotzdem sinnvoll sein?

Im Niedrigzinsumfeld sind Garantien einfach zu teuer, für Versicherer und Vorsorgesparer. Weil der Vermögensaufbau gute Renditen braucht, ist es heute selbst für risikobewusste Kunden sinnvoll, weniger Garantien zu wagen. Auf diesem Feld konkurrieren die neuen Policen direkt mit Fonds und günstigen ETF-Angeboten der Kapitalanlagegesellschaften – und sollten in puncto Kosten, Flexibilität und Auswahl mithalten können. Hier gibt es allerdings bei etlichen Anbietern noch Luft nach oben.

#20 Wie viel Garantie ist denn heute noch sinnvoll?

Das hängt vom persönlichen Sicherheitsbedürfnis des Kunden ab. Die Deutschen tun sich traditionell schwer mit den Risiken des Kapitalmarktes und setzen lieber auf Anlagen mit hohen Sicherheiten. „Wer Risiken nicht gut verkraftet, sollte ein relativ hohes Garantieniveau zwischen 100 und 80 Prozent der eingezahlten Beiträge anpeilen“, empfiehlt Thorsten Saal, Bereichsleiter Mathematik bei Morgen & Morgen. Bei Top-Produkten mit leicht reduzierten Garantien sei das Verlustrisiko relativ gering, wenn der Kunde bis zum Ende durchhält. Im Prinzip gilt jedoch: Je höher die Garantie, desto unwahrscheinlicher werden Spitzenrenditen. Für Vorsorgesparer mit stärkeren Nerven macht es laut Experte Saal daher mehr Sinn, ganz auf Garantien zu verzichten, als eine Mini-Sicherheit von 50 Prozent einzukaufen – und dafür Renditechancen aufzugeben.