WeinWein 2017 - die Geschichte eines Comebacks

Weingut Toni Just in Bacharach
Weingut Toni Just in BacharachEvelyn Dragan

Es ist der 18. April, ein Dienstag, als die Winzer am Mittelrhein nervös werden. Noch glitzert die warme Frühjahrssonne auf dem verschlungenen Rhein, der um alte Burgen, Ruinen und Steilhänge voller Rebstöcke mäandert. Aber das soll sich bald ändern. Die Wetterdienste schlagen Alarm, warnen vor Sturmtief Otto, das aus dem eisigen Norden in die Mitte Europas treibt, wo es Landschaften mit Frost und Schnee überzieht. Der außergewöhnlich milde März hat den Wein früh austreiben lassen. Die jungen Knospen, zart und empfindlich, recken sich bereits der Sonne entgegen. Ein Bild wie eine Postkartenidylle.

Cecilia Jost arbeitet gerade im Hof ihres Weinguts in Bacharach, als die Whatsapp-Nachricht in der Gruppe der jungen Winzer eingeht. 30 Weinbauern vom Mittelrhein zwischen 18 und 40 Jahren tauschen sich über Smartphone regelmäßig aus, beraten und helfen sich. Ein Screenshot des Deutschen Wetterdiensts für die Region ist angehängt. Auf der Karte mit Wetterdaten dominiert eine Farbe: ein blasses, eisiges Blau. „Wird kritisch“, steht darunter. Sofort antworten andere Winzer mit „Oje“, „Null Grad!“ oder einfach einem geschockten Emoticon. Zeit für langes Palavern bleibt nicht. Jetzt heißt es: Retten, was zu retten ist. Denn Frost kann in diesem Stadium die gesamte Ernte vernichten. Der Wettlauf gegen den „weißen Tod“ beginnt.

Totalausfall befürchtet

Spätfrost Ende April ist an sich nicht ungewöhnlich. Aber die Dynamik in diesem Jahr ist einmalig: eisige Temperaturen nach einer längeren Wärmephase, in einigen Lagen werden nach dem Wetterumschwung bis zu minus sieben Grad gemessen. Und: Alle 13 Weinanbaugebiete sind betroffen, von Baden im Südwesten über Franken in Nordbayern bis in den Osten bei Dresden.

Zwei Tage bangen die Winzer in der gesamten Republik um ihre Existenz. Versicherungen gegen Frostschäden gibt es nicht, nur gegen Hagelschlag. Kompensationen vom Land, wie bei Obstbauern üblich, sind die Ausnahme, und der bürokratische Aufwand ist so hoch, dass viele Winzer den Antrag scheuen. Nicht nur Deutschland ist betroffen. Sturmtief Otto zieht über Frankreichs berühmtestes Anbaugebiet Bordeaux hinweg, auch über die Champagne. Es wütet in der Hügelkette Chianti im Zentrum der Toskana, in der Schweiz, in Österreich, der Slowakei, Bosnien, Serbien, Ungarn und Tschechien.

Weinliebhaber sorgen sich um die Ernte 2017 in ganz Europa, sie befürchten steigende Preise und sinkende Qualität. Verbände und Politiker verbreiten Schreckensmeldungen, Weinbaupräsidenten sprechen von Totalausfällen in einigen Lagen, der baden-württembergische Agrarminister von einem „Jahrhundertfrost, der zu einer Katastrophe für unsere Winzer geführt hat“. Bauern und Winzer seien so deprimiert, dass sie eigentlich psychologischen Beistand bräuchten. Der SWR berichtet über den „Schicksalsschlag für die Weinbauern“, die Süddeutsche über den „kalten Tod“. Fachmedien sehen bei Weinreben „Ausfallraten von bis zu 95 Prozent“. Weindeutschland weint.

Kalte Aprilnächte

Cecilia Jost versucht in den kalten Aprilnächten, einen kühlen Kopf zu bewahren. Die 32-Jährige leitet das Weingut Toni Jost mitten im pittoresken Örtchen Bacharach, den schon die Schriftsteller und Dichter Clemens Brentano, Heinrich Heine und Victor Hugo berühmt machten. Sechste Generation, Familientradition seit 1832.

Jost ist ein Mensch, der anpacken kann. Im Weinberg fühlt sie sich ebenso wohl wie bei Verköstigungen in der rustikalen Weinstube mit den schweren Möbeln aus geschnitztem Holz. Die Steilhanglage „Bacharacher Hahn“ ist Kennern ein Begriff. Der „Feinschmecker“ kürte das Weingut zu einem der besten in Deutschland, der „Gault-Millau“ spricht von einer „soliden Leistung ohne Schwächen“, Robert Parker gibt den Tropfen der Familie Jost die Note „hervorragend“.

Cecilia Jost studierte Weinbau in Geisenheim, arbeitete auf Weingütern in Europa und Neuseeland, ehe sie 2009 in den väterlichen Betrieb zurückkehrte, den sie später übernahm. In Ausnahmesituationen aber fragt sie immer noch ihren Vater Peter Jost um Rat. So wie 2014, als schon einmal eine Spätfrostwelle über den Mittelrhein hereinbrach. Damals musste allerdings auch der Vater passen, der einen solchen Temperatursturz nach einem milden Frühjahr bis dahin nicht erlebt hatte. Der Einzige, der Rat wusste, war ein ehemaliger Mitarbeiter von Cecilia Josts Großvater Toni, nach dem das Weingut benannt ist. „Verbrennt Lkw-Reifen auf den Weinbergen“, sagte der 96-Jährige.

Weinberge in Flammen

Mit Paraffinkerzen gegen die Kälte
Mit Paraffinkerzen gegen die Kälte

Jost lacht. „Natürlich haben wir das nicht gemacht, aber wir haben damals Paraffinkerzen besorgt und sie im Wein aufgestellt.“ Mit Erfolg. Die Reste, daran erinnert sich Jost in diesem April, hat sie noch im Keller: schwere Eimer aus Blech, die wie große Farbbüchsen aussehen, gefüllt mit sechs Litern Paraffin und einem Papierdocht. Brenndauer: zwölf Stunden. Kosten: 6 Euro pro Stück. Sofort will Jost weitere Kerzen nachordern, doch der Lieferant lacht nur: Wegen des Kälteeinbruchs in ganz Europa sind die Kerzen des französischen Spezialherstellers längst ausverkauft.

Also müssen die Reste reichen. Jost rechnet. Nur noch 200 Kerzen hat sie. Das reicht für gerade mal einen Hektar bei einer Temperatur von minus zwei Grad. Das Weingut bewirtschaftet aber 15 Hektar, davon 80 Prozent Riesling. „Es war klar, wir hatten ein Problem“, sagt Jost. Sie muss abwägen. Die Steilhänge würden am wenigsten leiden, denn der Frost rutscht die Berge hinab, er sammelt sich unten in sogenannten Kälteseen, das weiß sie. Ihre beste Lage, den „Hahn“ direkt am Rhein, überlässt sie also der Natur.

Jost beschließt, das Weißburgunderfeld zu befeuern, denn dessen Ausfall könnte sie nicht kompensieren. Zusammen mit vier Mitarbeitern belädt sie die Autos mit den Paraffinkerzen und fährt in den Weinberg. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schreibt sie um 0.09 Uhr in ihrer Whatsapp-Gruppe: „Aktuell –0,5 Grad, die Fackeln sind im Auto. Bald wird gegrillt.“ Ihren Humor hat sie nicht verloren. Zuvor hat sie die Feuerwehr informiert. In anderen Weingegenden rücken in der kalten Aprilnacht etliche Züge aus, weil besorgte Anwohner Weinberge in Flammen melden. Um 1.39 Uhr schreibt Jost: „Fackeln brennen.“