StatussysmboleWarum die Küche der neue Mercedes ist

Schöne neue Gadgets: Auf der Messe Infa in Hannover begutachten Kunden einen Kochfeldabzug, der Essensdunst nach unten absaugt
Schöne neue Gadgets: Auf der Messe Infa in Hannover begutachten Kunden einen Kochfeldabzug, der Essensdunst nach unten absaugt David Carreño Hansen

Auf der oft abfällig „Hausfrauenmesse“ genannten Infa in Hannover, „Deutschlands größter Einkaufs- und Erlebnismesse“, begutachtet ein Paar mittleren Alters ein Induktionskochfeld. In dessen Mitte summt der letzte Schrei in Sachen Edelküchen vor sich hin: eine Muldenlüftung. Quasi eine Dunstabzugshaube – die die Essensgerüche allerdings nicht nach oben, sondern nach unten wegschlürft. „Schick“, sagt die Frau, „kann ich da alle Töpfe drauf benutzen?“

„Wenn Sie ganz billige haben“, sagt die Verkäuferin ernst, „dann sollten Sie sich besser neue leisten.“

Es ist ja, nun, couragiert, einer potenziellen Kundin mitzuteilen, dass eine teure Anschaffung gleich die nächste nach sich zieht. Doch die Frau macht nur „Mhm“ und nickt. Die Logik scheint ihr einzuleuchten. Wer sich ein Dior-Kleid zulegt, trägt dazu ja auch keine Adiletten.

Man kann das für ziemlichen Zinnober halten, was hier und anderswo die Messehallen und Küchenstudios füllt: Muldenlüftungen. Küchenarbeitsplatten aus messingfarbenem Glas. Backöfen mit der Leistung eines Kleinwagenmotors. Wasserhähne für 4000 Euro, die sich per Smartphone steuern lassen. Man kann sich aber auch vor der deutschen Küchenindustrie verneigen und anerkennend sagen: Wahnsinn, was ihr hier veranstaltet!

Jedes Jahr geben die Deutschen mehr für ihre Küchen aus. Im ersten Halbjahr 2016 lag der Umsatz der deutschen Küchenmöbelindustrie um mehr als sieben Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Dabei lief 2015 auch schon super. 2017 verlief nicht ganz so gut – auch wegen der Pleite des Küchenherstellers Alno.

Im Durchschnitt legen Käufer heute 6440 Euro für eine neue Küche hin, fast 1000 Euro mehr als fünf Jahre zuvor. Besonders stark wachsen die teuersten Preisklassen. Nach oben gibt es kaum eine Grenze: Bei der Premiummarke Poggenpohl kann man sich daran erinnern, eine Einbauküche für 360.000 Euro verkauft zu haben. Bora, der Hersteller der Muldenlüftung, ist mittlerweile so erfolgreich, dass er sich ein eigenes Tour-de-France-Team leistet.

Früher einmal war die Küche ein Raum, in dem die Deutschen Kartoffeln schälten, Teller spülten und vielleicht noch ein Bier aus dem Kühlschrank holten. Heute ist er ein Tempel. Vollgestopft mit Hightech. Wie ist das bloß passiert?