Mode„Die Messe als Begegnungsstätte stellt niemand mehr infrage“

Anita TillmannPR

„Die zurückliegenden Monate waren zweifellos finanziell schmerzhaft. Wir haben unterm Strich Null Umsatz gemacht, was uns dank potenter Eigner immerhin nicht in der Existenz gefährdet hat. Aber auch emotional war das eine bittere Pille. Wir arbeiten rund sechs Monate auf drei Messetage zu und gleich danach wieder auf die nächste – diesen Rhythmus vermisst man. Außerdem sind mein Team und ich zu gern Gastgeber und freuen uns sehr auf ein Wiedersehen mit langjährigen Kontakten und Freunden.

Wir hatten das Glück, dass unsere Messen und Veranstaltungen im Januar 2020 gerade noch stattfinden konnten, obwohl wir von Ausstellern und Kontakten, beispielsweise aus Schanghai, bereits vom dortigen Ausnahmezustand hörten. Noch im März hätte ich allerdings nicht geglaubt, dass die Pandemie unser Leben so lange auf den Kopf stellen würde.

Gleich für den Juli letzten Jahres konnten wir die erste virtuelle Modemesse der Welt eröffnen, bei der wir eng mit JOOR zusammen gearbeitet haben, einem der weltweit führenden Anbieter von digitalem Management für den (Mode-)Großhandel. Wir haben uns dabei um Design und Benutzerführung gekümmert und die Amerikaner stellten ihr sehr ausgereiftes Backend zur Verfügung. Das war für unsere Kunden gerade in der ersten Pandemie-Phase eine ganz wichtige Stütze, über die sie wenigstens einigermaßen mit ihren Partnern im Kontakt und im Geschäft bleiben konnten. Gern hätten wir auch andere Modemessen aus Europa und Übersee dazu bewogen, sich auf diese Plattformbasis zu einigen, um es Fachbesuchern durch nur eine einzige Plattform viel, viel leichter zu machen. Leider war das aber aus vielerlei Gründen schlussendlich nicht möglich.

Plattform für die Branche

Nun muss man wissen, dass wir kein klassischer Messeveranstalter sind. Ja, wir verkaufen Quadratmeter und Services darum herum, wie unsere Mitbewerber auch. Doch unser Kerngeschäft ist es, Innovationstreiber für unsere Branche zu sein, Trends zu erkennen oder selbst zu setzen und ein globales Netzwerk zu managen. Wer muss wen treffen, um einen Deal auszuhandeln und gemeinsam die Zukunft zu gestalten? Das ist unsere wichtigste Aufgabe und die Quadratmeter nur die Währung.

Was uns ebenfalls geholfen hat, ist eine frühzeitige Entwicklung unserer Shows über das reine Ordergeschehen hinaus. Es geht schon lange um mehr: Wir liefern Inspiration, Kooperation, Networking und haben uns zu einem Marktplatz der Ideen entwickelt.

Die reinen Warenbestellungen lässt sich zu einem großen Teil auch virtuell abwickeln. Wobei das bei Schuhen und Accessoires besser funktioniert als bei kompletten Outfits, die man doch lieber in Bewegung oder noch mal spontan anders kombiniert sehen will, ehe man ordert.

Was uns in Berlin gelungen ist und was wir in Frankfurt schaffen wollen, das ist eine Plattform für die Industrie zu sein. Bestehend aus Live-Events, einer ganzjährigen Heimat im Netz und als Dach für virtuelle und physische Meetings. In Frankfurt verbinden wir Messen, Konferenzen, Modenschauen und digitalen Content. In Person aber erst, wenn es die Bestimmungen zulassen und wir unseren Kunden garantieren können, dass sie genügend wichtige Einkäufer, Branchenpersönlichkeiten und Medienvertreter treffen werden, sich ihr Investment also lohnt. Ich will da absolut fair sein und nicht unser Risiko auf die Aussteller abwälzen.

„Der Zuspruch, die Solidarität und das große Vertrauen, dass wir in dieser Zeit in der Branche erleben dürfen war großartig“

Anita Tillmann

Was ich im letzten Jahr wieder und wieder beobachtet habe, in unserer Branche, die ja noch sehr Inhaber-getrieben ist: Sind die Eigner im Unternehmen noch aktiv, wird deutlich schneller entschieden und agiert als, wenn ein angestellter Geschäftsführer am Ruder ist. Dann wird doch mitunter länger abgewogen und manchmal der günstigste Moment verpasst.

Positiv war, dass wir durch die Pandemie deutlich mehr Zeit für den Wechsel von Berlin nach Frankfurt hatten, mit den Partnern der Messegesellschaft dort zusammenwachsen konnten und an sämtlichen Konzepten länger feilen konnten, als es neben dem sonst extrem anstrengenden Tagesgeschäft möglich geworden wäre. Wir können es kaum erwarten, alle am Ergebnis dieser Bemühungen teilhaben zu lassen.

Der Zuspruch, die Solidarität und das große Vertrauen, dass wir in dieser Zeit in der Branche erleben dürfen war großartig. Und was mich sehr optimistisch macht, ist die Tatsache, dass nach über 15 Monaten auf Distanz niemand mehr die Messe als halbjähriges Branchentreffen infrage stellt. Eher das Gegenteil ist der Fall, unsere Aussteller freuen sich auf ein Comeback vor Ort. Zum Aushecken neuer Projekte, um Kandidaten für offene Stellen zu treffen und Distributeure zu finden. Trotz aller Technik sind wir schließlich sinnliche Wesen, wollen uns berühren, die Mimik des anderen lesen können und gemeinsam lachen. In einem Raum, ohne Webcam. Vieles also, was wir bisher, vor Covid-19, als selbstverständlich wahrgenommen haben, was uns jetzt aber extrem fehlt. Jetzt brauchen wir ‚nur’ noch eine belastbare Perspektive.“