Zeitfragen„Die hohe Kunst handgefertigter Uhren wird uns bleiben“

Nicolas Baretzki
Nicolas BaretzkiGetty Images


Nicolas Baretzki ist seit April 2017 CEO von Montblanc, einer Marke des Richemont-Konzerns. Zuvor war er für das Unternehmen in verschiedenen Funktionen bei Cartier und Jaeger-LeCoultre tätig


Capital: Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Nicolas Baretzki: Ich bin ständig irgendwo unterwegs, reise in immer neue Ecken der Welt. Klar, dass ich sehr gern mehr Zeit mit meiner Familie verbringen möchte. Und auch von meiner neuen Heimat in Hamburg habe ich noch viel zu wenig gesehen. Eine wunderschöne pulsierende Stadt, die sehr viel zu bieten hat.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Für mich sind das die Stunden, die ich mit Freunden und Familie verbringe, ein gutes Buch lese oder spontane Gedanken niederschreibe. Der Griff nach Füller und Papier ist in meinen Augen die beste Methode, um auf neue Ideen zu kommen. Manchmal ist Schreiben der Beginn von Innovationen, die man als „game changing“ beschreiben kann.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft…

… die herrlich inspirierende Welt um uns herum.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen – und warum?

Definitiv ins Jahr 1906, als das Haus Montblanc „geboren“ wurde. Liebend gerne würde ich die Gründer treffen und mich mit ihnen über ihre Erfindungen und Visionen unterhalten.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Die hohe Kunst handgefertigter mechanischer Uhren wird uns bleiben, doch wir werden uns natürlich weiterhin in neue Bereiche wagen und die Möglichkeiten von Smartwatches und miteinander verbundener Geräte erkunden. The sky is the limit, wie man so schön sagt. Für Montblanc bedeutet dass, unseren Horizont immer wieder zu erweitern und zwischen diesen zwei Welten – die der Haute Horlogerie und absoluter Hightech – Brücken zu bauen. Das geht nicht, ohne jeden Tag unsere Manufaktur-Expertise weiter zu verfeinern.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quartz, digital oder smart?

Montblanc Summit
Montblanc Summit

Ich persönlich respektiere das traditionelle Erbe des Handaufzugs und der Automatikuhr. Aber ich bin auch ein Fan von neu lancierten Modellen wie der „Montblanc Summit“, die für mich eine gelungene Brücke ist. Und gerade bei unserer jüngeren sehr digital-affinen Zielgruppe sehr gut ankommt.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

Die Geburtsstunde meiner Kinder, keine Frage! Und fernab von familiären Daten und Erlebnissen dürfte das mein erster Tag als CEO von Montblanc sein. Ein spannender und herausfordernder Neuanfang.

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Eine Mehrfach-Zeitzone, die mir anzeigt, wie spät es am Firmensitz in Hamburg ist und in allen unseren weltweiten Niederlassungen. Das wäre auf Reisen eine tolle Hilfe.

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug (egal ob Sachbuch oder Belletristik)?

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, ein Muss in der französischen Literatur.

Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

„Zurück in die Zukunft“, ein echter Klassiker!

Die größte Herausforderung …
…für einen Uhrmachermeister heute?

Regelmäßig Neuland zu betreten, ohne die Jahrhunderte alten Handwerkstraditionen zu vernachlässigen.

…für die Uhrenbranche insgesamt?

Relevant zu bleiben. Mechanische Uhren begehrlich(er) zu machen. Und eine klare Markenidentität auszudrücken – sowohl im Design als auch in der Funktionalität.

…in Ihrem derzeitigen Job?

Change Management, also die Anpassung an äußere Umstände, das Vorausahnen von Veränderungen und große Flexibilität. Veränderung ist eine echte Chance, aber man muss sie verinnerlichen.