InterviewAutos von Morgen

Vor Michael Mauers Büro stehen so viele Sportwagen, dass man die Midlife-Crisis einer ganzen Kleinstadt damit bekämpfen könnte. Der Chefdesigner von Volkswagen kommt von Porsche. Zum Gespräch trifft man ihn deshalb auch nicht in Wolfsburg, sondern im schwäbischen Weissach, wo das Entwicklungszentrum von Porsche steht. Das Gelände ist eine Art Herzkammer des deutschen Sportwagenbaus. Während des Interviews zwischen Modellautos greift Mauer immer wieder zum Stift. Denn: Wenn ein Designer antwortet, dann geht das nicht nur mit Worten.

Herr Mauer, gibt es einen Moment für ein Produkt, ab dem das Design nur noch abwärtsgehen kann? Ab dem ein Porsche 911 oder ein iPhone nicht mehr schöner wird?

Gerade die Marke Porsche hat bewiesen, wie gut man auch ikonenhafte Produkte weiterentwickeln kann, ohne dass sie sich totlaufen. Das Beispiel Mobiltelefon zeigt ein ganz anderes Problem: Vor zehn Jahren gab es hier noch eine große Vielfalt, heute aber praktisch nur noch die Einheitsform mit Riesendisplay. Auf der anderen Seite wollen sich aber die Kunden mit ihren Produkten differenzieren.

Was heißt das denn für die Autoindustrie?

Auch dort werden klassische Differenzierungsmerkmale in Zukunft wegfallen. In der Elektromobilität etwa die Motoren: Sechszylinder-Boxer, V8 oder V10 – das wird irgendwann keine Rolle mehr spielen. Bislang wurde der gesamte Innenraum um diese Technik herum gestaltet. Wenn es diese Möglichkeiten zur Differenzierung nicht mehr gibt, dann sind wir Designer umso stärker gefragt. Wir müssen Konzepte finden, wie man Marken und Produkte in Zukunft abgrenzen kann.

Und wenn die Menschen keine Differenzierung mehr wollen? Wenn es nur noch darum geht, von A nach B zu kommen?

Das wäre ein ganz anderes Szenario, dann müsste ich mir auch keine Gedanken mehr machen. Aber das wird nicht passieren: Der Wunsch nach Individualität, nach eigenständigem Ausdruck wird immer bleiben.

Das Szenario wäre ja für eine Marke wie Porsche ein großes Problem.

Ja.

„Unternehmen sind gut beraten, wenn sie auf Designer hören“

Alle Anbieter treiben Modelle voran, bei denen Autos nicht mehr besessen, sondern geteilt werden. Wird Markenidentität da nicht völlig unwichtig?

Nehmen wir an, jemand besitzt kein eigenes Fahrzeug mehr, sondern bestellt sich sein Auto per App. Spielt dann das Fahrzeug, das mir der Service anbietet, eine Rolle? Ist das ein Entscheidungskriterium? Absolut, da bin ich sicher.

Aber wird sich das nicht auf das obere Segment beschränken? Und alles darunter ist wirklich: A nach B?

Es ist ja heute schon so, dass für viele Menschen nicht wichtig ist, welches Auto sie fahren. Aber es gibt eben auch die anderen, die sich ganz klar für eine bestimmte Marke entscheiden. Weil sie ihnen eben besser gefällt, weil sie zu ihrem Anspruch passt. Und ich glaube, dass sich dieser Mechanismus nicht wesentlich verändern wird. Es wird immer Leute geben, die lieber in einem bestimmten Fahrzeug gesehen werden möchten. Und das ist keine kleine Gruppe.

Wenn man sich über Motoren in Zukunft kaum noch abgrenzen kann – dann steigt ja die Bedeutung der Designer, oder?

Für uns Designer beginnt jetzt ein wichtiges Zeitalter. Weil es angesichts der Diskussionen um Umwelt und Verkehrsbelastung immer schwieriger wird, sich anderweitig zu differenzieren. Also müssen wir uns neue Konzepte überlegen. Die meisten Menschen treffen ihre Entscheidungen auf Grundlage dessen, was heute Stand ist. Aber im Designbereich diskutieren wir das Jahr 2020 und später und arbeiten an Modellen dafür. Da entstehen ganz neue Dinge. Ich kann nur sagen: Die Unternehmen sind gut beraten, wenn sie auf uns Designer hören.

Wie hart ist denn der Kampf mit den Ingenieuren? Schütteln die nicht immer erst einmal den Kopf?

Es ist eine tägliche Diskussion, ein Ringen um die besten Ergebnisse, und am Schluss kommt man zu Lösungen, bei der ein Designer vielleicht manchmal sagt: Ich hätte es mir anders gewünscht. Aber auch Techniker denken sicher manchmal, sie hätten bei der Performance noch zwei oder drei Prozent herausholen können. Man braucht beide Parts. Und der visionäre, weit nach vorne schauende Part wird jetzt immer wichtiger. Weil sich viele Dinge, die wir lieb gewonnen haben, allmählich auflösen.

Wenn das also die Stunde der Designer ist: Was bringt das für Vorteile?

In Zeiten, in denen sich so viele Dinge verändern, hat man als Designer natürlich Möglichkeiten, mit seinen Visionen auch mal einen Pflock einzuhauen. Andere Bereiche kommen mit Powerpoints, Marktanalysen und Grafiken. Wir stellen halt mal ein Modell hin. Und das hat dann meist einen gewissen Impact.