Zeitfragen„Alles außer smart“

Dustin Fontaine
Dustin Fontaine hat 2016 die Hamburger Uhrenmarke Sternglas gegründet, zum Teil finanziert über eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter

Capital: Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Dustin Fontaine: Für das Erstellen neuer Uhrendesigns. Ich habe noch so viele Entwürfe im Kopf, die ich gern verwirklichen möchte. Außerdem würde ich gern mal wieder auf eine Uhrenbörse gehen, wo ich mir Vintage-Uhren anschauen und mich inspirieren lassen kann.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Die Zeit zu haben, mal wieder in Ruhe über einige Dinge nachzudenken. Das war in den letzten zwei Jahren selten der Fall. Ich bin beispielsweise gerne im Harz zum Wandern unterwegs, dort kann ich wirklich runterfahren und bekomme den Kopf frei. Diese Zeit ist wie ein kleines Wunderelixier für mich und meine Kreativität.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft …

… sich um die Pflege seiner Marke zu kümmern. Man muss sie ständig weiterentwickeln und sollte ständig eine nächste Idee in der Pipeline haben.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen – und warum?

In die Zeit um 1870, als der Übergang zur modernen Industriegesellschaft Fahrt aufnahm. Diese Aufbruchstimmung würde ich gern erleben und wissen, was die Menschen damals darüber dachten. Meiner Meinung nach stehen wir heute durch das Internet und die Digitalisierung vor einer ähnlichen Situation, und Sternglas profitiert von der Möglichkeit, ohne die Hürden des Fachhandels starten zu können.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Nicht viel anders als heute, denn die Uhrzeit und Armbanduhren werden wir immer brauchen. Egal, wie der technische Fortschritt verläuft. Ich bin sicher, dass viele Menschen auch dann noch eine klassische analoge Uhr kaufen, tragen und sammeln werden. Sei es neu oder als Vintage-Uhr. Natürlich wird es mehr und mehr Smartwatch-Träger geben, aber wenn klassische Uhren es dieses Jahrtausend geschafft haben, dann werden sie auch das nächste Jahrhundert überleben.

Wofür schlägt Ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quartz, Digital oder Smart?

Alles außer smart. Ich empfinde schon die ganze Klingelei und Vibration vom Smartphone als ziemlich nervig. Das würde ich auf keinen Fall auch noch am Handgelenk wollen. Ohnehin verläuft der Fortschritt so rasant, dass eine Smartwatch schon nach kurzer Zeit technisch wieder obsolet sein wird.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

Den 5. August 2016, denn an diesem Tag hielt ich das den ersten Sternglas-Muster in der Hand. Ein unglaublicher Moment. Seit 2011 hatte ich versucht, eine Uhrenmarke aufzubauen, und immer wieder harte Rückschläge erfahren oder mich auf die falschen Dinge fokussiert. Endlich mein erstes eigenes Produkt in der Hand zu halten, das war unbeschreiblich!

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Bloß keine Features mehr. Ich denke, in den letzten 200 Jahren wurde bereits alles entwickelt. Mir persönlich ist es wichtig, dass klares Design wieder im Vordergrund steht. Statt zig Komplikationen und (zu) vielen Zeigerchen, die auf irgendwelche Funktionen verweisen, die niemand wirklich braucht. Less remains more.

Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

Definitiv einer aus der „James Bond“-Reihe. Als Kind habe ich die „007“-Filme rauf und runter geguckt, vor allem die raffinierten Fähigkeiten seiner Uhren fand ich faszinierend. Heute bin ich da, wie gesagt, deutlich bescheidener.

Die größte Herausforderung …
… für einen Uhrmachermeister heute?

Wenn ich mit dem Uhrmachermeister spreche, der für Sternglas die Prototypen testet, beurteilt und sein wertvolles Feedback gibt, dann ist es wohl der Fachkräftemangel. Das Nachwuchsproblem scheint gewaltig, also junge Menschen für Uhren und deren Technik zu begeistern. Für freie Uhrmachermeister wird es zunehmend schwieriger, ausreichend Ersatzteile für Uhren zu bekommen, denn große Konzerne beliefern damit vorrangig ihre eigene Vertragshändler und Konzessionäre. Beides kann dazu führen, dass es noch weniger „Uhrmachermeister um die Ecke“ gibt als ohnehin schon.

… für die Uhrenbranche insgesamt?

Die Versäumnisse der vergangenen Jahre wieder aufzuholen. Und die liegen in meinen Augen im Bereich Onlinehandel, Eingehen auf Kundenwünsche und die Preispolitik. Diese Punkte hat die Branche viel zu lange ignoriert, vor allem die so genannten Big Player und einige Traditionsunternehmen. Einige Beispiel: Auch im Jahr 2018 kann man bei den wenigsten Marken Uhren direkt online kaufen. Das gehobene Preissegment und die Luxusriege hat sich zu einseitig Richtung China orientiert, mit der Folge, dass der dortige Boom zu Preisanstiegen für den Rest der Welt geführt hat. Jetzt rudert man langsam wieder zurück, bedient über Jahre verschmähte Kundengruppen mit neuen Einstiegsmodellen, wobei gute mechanische Uhren unter 500 Euro weiterhin Mangelware bleiben. Da lohnt ein Blick auf die vielen Kickstarter-Projekte aus dem Uhrenbereich, die genau hier ansetzen und interessante Lösungen anbieten.

… in Ihrem derzeitigen Job?

Aktuell besteht meine größte Herausforderung darin, Sternglas als Uhrenmarke zu etablieren. Eine große Herausforderung ist der wirtschaftliche Aufbau des Unternehmens, weil ich mich eigentlich am liebsten nur mit neuen Uhrenmodellen und Designs beschäftige. Natürlich ist auch die Vermarktung ein wichtiger Faktor, vor allem online. Die wird mit fortschreitendem Wachstum immer komplexer und erfordert kontinuierliche Optimierung durch Experten. Aber wie gesagt, wir leben im Zeitalter des Internets und der Digitalisierung – dieser Herausforderung müssen wir uns alle stellen.


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