Mode „In der russischen Modebranche dachten alle global. Bis jetzt“

Natasha Binar wuchs in Litauen und Großbritannien auf. Sie lehrt an der Akademie Mode & Design in München und ist freie Autorin für Fachmedien.
Natasha Binar wuchs in Litauen und Großbritannien auf. Sie lehrt an der Akademie Mode & Design in München und ist freie Autorin für Fachmedien.
© Keziban Inal
Für die Mode- und Marketingexpertin Natasha Binar gefährdet die Krise in der Ukraine jahrzehntelange Bemühungen um kulturelle Brücken in der Designszene und Textilindustrie. Die Hoffnung gibt die in Kaliningrad geborene Dozentin dennoch nicht auf

Capital: Seit einer Woche herrscht Krieg in der Ukraine. Welche Reaktionen darauf haben Sie bisher vernommen?

NATASHA BINAR: Die Modewelt Osteuropas und Russlands positioniert sich mehrheitlich gegen diese Invasion, darunter die Leiterinnen der Belarus Fashion Week, Janina  Hancharova [Link zu ihrem Instagram-Beitrag], und des Festivals Designblok in Prag, Yana Zielinski. Auch die ehemalige Chefredakteurin der „Vogue Russia“, Aliona Doletskaya, sowie die international bekannte Unternehmerin und Influencerin Mira Duma lehnen ab, was gerade passiert.

Die meisten Modeschöpfer dürften ebenfalls besorgt und schockiert sein, nur fürchten sie aktuell Repressalien, sollten sie ihre Meinung öffentlich kundtun. An Kommentaren und Likes im Rahmen von Diskussionen auf Facebook oder Telegram lässt sich der negative Grundtenor dennoch ablesen. Manche Kreative greifen auch auf metaphorische Botschaften und Bilder zurück, wie etwa der DJ und Stylist Vitaly Kozak.

Was sind die konkreten Befürchtungen für die Modebranche in der Region – durch die Kämpfe und die bisherigen Sanktionen?

Klar gibt es Stimmen, die trotzig proklamieren: „Wir schaffen das alles auch ohne Kooperation mit dem Westen“. Doch die meisten haben blanke Angst oder machen sich zumindest ernsthaft Sorgen. Weil Familie oder Freunde direkt betroffen sind, weil wirtschaftliche Nachteile zu erwarten sind – und vor allem, weil durch die Sanktionen die Möglichkeit eines kulturellen Dialogs stirbt. An seine Stelle könnte die Losung „Russland gegen den Rest der Welt“ rücken.

Dabei denken in der russischen Modebranche längst alle global, was die drohende neue Weltordnung zu einem Rückschlag für sie macht. Und das nach jahrzehntelangen Versuchen, mehr und mehr Brücken zwischen West und Ost zu errichten. Es tut weh, zu sehen, wie diese so rasch wieder zerstört werden. 

Wie stark könnte die zunehmende Isolation die Modebranche Russlands zurückwerfen?

Ich hoffe sehr, dass die Wertschätzung und der Respekt für die kreativen Leistungen der Menschen in Russland und auch der gebürtigen Russen, die im Ausland beschäftigt sind, nicht abnimmt. Natürlich steigt der Druck, dass prominente Künstler jetzt eindeutig Stellung beziehen, wie ja aktuell etwa der Fall Gergiev zeigt. Gleichwohl möchte ich betonen, dass es enorm viele Russen gibt, darunter Designer und Intellektuelle, die jeden Tag ganz eigene Formen von Protest finden und dafür kämpfen, dass „ihr“ Russland nicht komplett isoliert wird. 

Kritik an Fast Fashion, Nachhaltigkeits-Debatte, Lieferengpässe, zwei Jahre Pandemie, der Boom der Onlineshops und jetzt ein Krieg: Wann droht das fragile System namens Mode unter der wachsenden Problemlast zu kollabieren?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, dass wir alle durch diesen Krieg daran erinnert wurden, wie zerbrechlich unsere Welt tatsächlich ist. Nun hat die Modeindustrie gerade in der Coronazeit unter Beweis gestellt, wie rasch sie sich geänderten Umständen anpassen kann. Für abgesagte Messen sind ganz neue digitale Formate entstanden, man hat neue Wege des Austausches und der Kollektionserstellung gefunden, den Umwelt- und sozialen Folgen höhere Aufmerksamkeit geschenkt – und Werte wie Achtsamkeit und Respekt stärker in den Vordergrund gerückt. Das hat zusammengenommen einen enormen Einfluss auf den Konsumenten gehabt, woraus eine ebenso große Verantwortung resultiert. Wenn diese wahrgenommen und darüber kommuniziert wird, kann sich die positive Wirkung von Mode auf die Menschen auch weiterhin entfalten.

Was kann der Konsument mit seinem Modekauf konkret für den Frieden tun?

Es gibt mittlerweile viele Fashion-Plattformen, die Geflüchtete aus der Ukraine unterstützen. [Ein aktueller Ticker der Branchenreaktionen und -initiativen findet sich bei den Kollegen der „Textilwirtschaft“] Außerdem kann jeder von uns natürlich einmal überlegen, ob es denn die neue Handtasche, das neue Smartphone sein muss, oder ob man lieber in Menschen investiert, die unter dramatischen Bedingungen in die Freiheit geflüchtet sind. Ich glaube, da wird sich abermals unsere Wahrnehmung dessen, was wirklich wichtig ist, drastisch verändern.


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