KommentarZurück ins Büro!

Die Londoner City ist noch weit von der Betriebssamkeit früherer Tage entferntimago images / PA Images

„Zurück an die Arbeit!“ Es war ein seltsamer Ruf, der diese Woche in London erscholl. Die britische Regierung soll eine Kampagne geplant haben, die fast wie ein Hilferuf klingt: Go back to work. Geht zurück an die Arbeit! Was sie damit meinte: Go back to the office. Nun hat Downing Street die Existenz einer solchen Kampagne dementiert. Der Appell aber ist in der Luft, man hört ihn seit Wochen, vornweg von Premierminister Boris Johnson.

Schon ist die Rede von London als „Geisterstadt“, der die Verödung droht. Zumal es ja nicht nur um die Büros geht, sondern um Zehntauende Dienstleister, Restaurants, Cafés, Schneider, Friseure und Einzelhändler, die um ihre Existenz fürchten. Die erfolgreiche Sandwich-Kette Pret a Manger – eine Institution in Großbritannien – hat letzte Woche angekündigt, knapp 3000 Arbeitsplätze abzubauen, ein Drittel ihrer Belegschaft. Es war ein Symbol und Fanal zugleich: „Good bye to the Pret Economy“, schrieb die „Financial Times“: Denn das Morgencroissant, das Lunch-Sandwich und der ewige Coffee To Go stehen für einen bestimmten Lebensstil und ein Arbeitsleben, die vorerst verschwunden sind oder sich in Quarantäne befinden.

Allein: Die Briten hören nicht auf ihren Premier – die City und auch andere britische Städte bleiben leer. Noch Anfang August arbeitete nur ein Drittel am normalen Arbeitsplatz, wie eine Studie von Morgan Stanley ergab – in Italien, Frankreich und Deutschland waren es da schon 70 bis 80 Prozent. Der Finanzdistrikt Canary Wharf, an dem es sonst jeden Tag wimmelt und wuselt, wirkt noch so leer wie im Film „28 Days Later“.

Nun muss man sagen: Diese Statistik mag wegen der Gewichtung von Produktion und Dienstleistung etwas verzerrt sein. Denn in London gibt es laut Bloomberg nicht nur viele Hochhäuser (2600 im Vergleich zu unter 1000 in Frankfurt), sondern vor allem „White Collar“-Jobs. Und: enge, volle U-Bahnen und lange Pendelzeiten, oft eine oder gar zwei Stunden. Aber es gibt Unterschiede: Durch den späten und harten Lockdown ist die Angst vieler Briten, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, höher als in anderen Ländern, wie eine interessante Studie der Manpower Group ergab.

See you on Zoom

Aber auch Deutschland ist weit entfernt von der Normalität. Der Kampf in und um London erinnert mich an einige Gespräche mit Unternehmern, die ich in den vergangenen Wochen geführt habe. Wir sprachen über das Thema Homeoffice, die berühmte „neue Balance“ oder neue Normalität. Alle reden ja über die Revolution der Arbeitswelt, und der Tenor geht so: Homeoffice, also das hat doch super geklappt, und wer jetzt cool, progressiv und digital ist, sagt seinen Mitarbeitern, dass sie eigentlich für immer zu Hause bleiben können. See you on Zoom.

Das Thema ist viel komplizierter. Zum einen hört man immer wieder aus Unternehmen, dass diese Frage weniger von der Personalabteilung, sondern vor allem von den Controllern entschieden wird. Da geht es weniger um Balance, als um das balance sheet, da wird kühl gerechnet, wie viel man sparen kann.

Es gibt auch eine weitere Geschichte. Einige Unternehmer und Manager haben mir geschildert, dass auch sie diese Bitten oder Ermutigungen ausgesprochen haben, zurück ins Büro zu kommen. Nach dem Motto: Der Shutdown ist ja schon einige Monate vorbei. Lass uns mal dringend wiedersehen.

Allein: Die Mitarbeiter kamen nicht – oder kaum, oder nur kurz und verschwanden wieder. Dem einen ist es zu unsicher, bei dem andern hat der Partner Asthma, die dritte findet es zu Hause schöner, also „produktiver“, der vierte verweist auf die Pendelzeiten, der fünfte auf die steigenden Fallzahlen.

„Es geht eben nicht nur darum, was einem selbst guttut – sondern auch darum, was dem Unternehmen“ guttut

Horst von Buttlar

Diese Unternehmer beobachten eine neue Zaghaftigkeit und Ängstlichkeit – und unterstellen auch eine gewisse Bequemlichkeit. Die Vermutung: Viele haben sich an das Homeoffice gewöhnt, man könnte auch sagen: zu sehr gewöhnt. Sie haben sich eingerichtet und oft auch eingeigelt – da ist die Abholzeit vom Hockey, der Sport am Vormittag oder die Stunde in der Sonne fest eingeplant.

Was tun? Es gibt Unternehmen, die die Rückkehr einfach anordnen (und wir reden hier vor allem über Bürojobs, nicht die Leute in der Produktion, die müssen sowieso arbeiten). Andere lassen es laufen. Die Mehrheit denkt nach, ringt um diese neue Balance. Aber will man die Belegschaft ins Büro drängen, und dann verantwortlich sein für einen Ausbruch oder eine Quarantäne? Keine einfache Frage.

Ich denke, einer der Schlüssel liegt bei den Mitarbeitern, die sich selbst hinterfragen, prüfen und fordern müssen. Vielleicht sollte jeder mal in sich gehen, denn nach einem halben Jahr haben wir alle uns natürlich im Kopf verändert. Eine Art mentaler Shutdown. Vielleicht haben sich manche Teams entfremdet, vielleicht sind einige Kollegen empfindlicher geworden, vielleicht ängstlich. Wichtig ist: Es geht eben nicht nur darum, was einem selbst guttut – sondern auch darum, was dem Unternehmen guttut.

Ich halte den Austausch im Büro für elementar, vor allem für kreative Prozesse, für spontane Ideen, aber auch für das soziale Leben. Es entsteht so viel in der Kaffeeküche, auf dem Gang, beim Mittagessen. Man braucht Interaktion und Impulse, das Wilde und Spontane. Auch das Rumalbern und Überflüssige, der mehr ist als der Zoom-Slot. Die neue Balance ist also nicht etwas, das man wie eine Strategie von oben vorgibt – jeder muss sie selbst für sich suchen und auch finden wollen.

Der Ruf des britischen Premierministers in der drohenden Wüste Londons hat also einen Punkt, obwohl ich eigentlich kein großer Fan von Boris Johnson bin. Zumal er wie immer Mühe zu haben schien, mit gutem Beispiel voranzugehen. Johnson verließ diese Woche sein Büro in der Downing Street nach der Mittagspause und verbrachte den größten Teil des Tages damit, von seinem Landsitz in Chequers aus zu regieren.

 


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