Die Höhle der LöwenWie ein 79-Jähriger zum Gründer wurde

In seiner Schreinerwerkstatt baute Rudolf Wild jahrelang von Hand die Multiharke
In seiner Schreinerwerkstatt baute Rudolf Wild jahrelang von Hand die MultiharkeMarian Lenhard

Rudolf Wild hatte die Sache längst aufgegeben. Vier Monate lag das Casting in München zurück, und seinen Traum, im Fernsehen mit seiner Idee noch einmal durchzustarten, hatte er abgeschrieben. Seine Erfindung, eine Multiharke für die Gartenarbeit, würde er wohl weiter in kleinen Stückzahlen per Hand herstellen, so hatte er es ja bislang auch gehalten, das würde schon gehen. Dann aber saß Wild beim Abendessen mit Freunden, als ihn aus dem Nichts die Produktionsfirma anrief: In zwei Wochen sollte er in Köln sein, für die Aufzeichnung der „Höhle der Löwen“. Es wäre wohl seine letzte große Chance.

Rudolf Wild nämlich ist kein typischer Gründer. Er trägt keine etwas zu schmalen Hemden, er hat nicht gerade ein BWL-Studium abgeschlossen, und er verspricht niemandem eine große Zukunft. Den typischen Gründer stellt man sich jung vor, in einem vollgestopften Loft in Berlin. Rudolf Wild dagegen lebt in einer Kleinstadt bei Bamberg, war Schreinermeister und ist 79 Jahre alt. In einem Alter, in dem die meisten Menschen eher stolz zurückschauen, wollte er noch einmal nach vorne blicken – und mit seiner alten Erfindung etwas Neues aufziehen.

Am Tag nach dem Anruf ging er mit seinem Sohn Stefan die Zahlen durch: Verkaufspreis der Harke, Einkaufspreis, Stückzahlen. Sie schätzten den aktuellen Wert seines Manufakturbetriebs – für die Bewertung. Welches Potenzial die Firma hatte? Schwierig. Ihnen fehlte die Erfahrung, Rudolf Wild hatte noch nie versucht, eine Massenproduktion aufzubauen. Viel Zeit, den Pitch vorzubereiten, war auch nicht. Stefan hatte seinen Vater für das Casting zur Sendung angemeldet, und er war sich immer sicher: „Wenn er vor den ,Löwen‘ spricht, kriegt er den Deal.“

Die Multiharke gibt es in einer drei- und einer vierzackigen Version
Die Multiharke gibt es in einer drei- und einer vierzackigen Version

Rudolf Wild hatte dafür schließlich Jahre trainiert. Seit 2013 tourte er über Gartenmessen und verkaufte die Multiharke, mit der man im Stehen Unkraut jäten und andere Gartenarbeit erledigen kann. „Er weiß, wie er sein Produkt präsentieren muss“, sagt Stefan. Rudolf baute für den Pitch also eine Kiste, füllte sie mit Erde und einigen Pflanzen. Fertig.

Vater und Sohn sitzen heute in Rudolfs Küche in dem kleinen Städtchen Baunach bei Bamberg. Ein famoses Paar. Stefan trägt ein T-Shirt und ein Käppi, auf dem der Name seiner Softwarefirma steht, Rudolf graubeige Hose und türkises Hemd – fast schon ein Markenzeichen. Seitdem er die Sachen in der „Höhle der Löwen“ anhatte, kleiden sie ihn bei allen Terminen. 48 Jahre trennen Vater und Sohn, und doch ähneln sie sich sehr. Ständig kabbeln sie sich, welche Episoden ihrer Geschichte sie erzählen sollen.

Zum Erfinder musste Rudolf Wild einen langen Weg zurücklegen. 1965 trat er in die Schreinerei seines Vaters ein und machte daraus einen ganz besonderen Betrieb: Sie kleideten Tanzlokale mit Holz aus. Als Neil Armstrong den Mond betrat, bauten sie für einen Kunden eine Mondlandschaft, anderswo schreinerten sie einen Zugwaggon aus Mahagoni. Doch Ende der 80er-Jahre wurden Tanzlokale durch Großraumdiskotheken abgelöst. Ein Jahrzehnt später entschied sich Rudolf Wild, statt ganzer Traumwelten fortan Produkte zu entwerfen.