VorständeWie bunt ist der Dax?

Zwei Frauen und ein Amerikaner: Telekom-Chef Timotheus Höttges (2.v.r.)mit den Vorständen Claudia Nemat, Birgit Bohle und Adel Al-Saleh (v.l.n.r.)dpa

Mit einer einzigen spitzen Bemerkung sorgte der österreichische Manager Peter Löscher vor gut zehn Jahren für einige Aufregung in der deutschen Wirtschaft. Der damalige Siemens-Chef kanzelte die Führung seines eigenen Unternehmens als „zu weiß, zu deutsch, zu männlich“ ab und trat damit eine Debatte über das gesamte Spitzenpersonal deutscher Konzerne los – die bis heute nicht enden will. Gerade macht sich SPD-Ministerin Franziska Giffey für ein Gesetz stark, das mehr Frauen in die Vorstände der 70 größten börsennotierten Unternehmen katapultieren soll. Nach Meinung des renommierten Personalberaters Heiner Thorborg trägt die Wirtschaft selbst eine gehörige Mitschuld an dieser Entwicklung: Wer sich dem Dialog über mehr Diversität verweigere, provoziere die „Keule des Gesetzes“.

Auf den ersten Blick hat sich in den Konzernen seit der Diagnose Löschers in der Tat nicht viel verändert: Capital hat die Vorstände aller Dax-30-Unternehmen unter die Lupe genommen. In acht Konzernen sitzt keine einzige Frau im Vorstand, in fünf Vorständen kein einziger Ausländer – und in vier Unternehmen fanden sich zum 1. Februar dieses Jahres sogar weder eine Frau noch ein Ausländer in der Spitze: Eon, Infineon, MTU und RWE. Im Schnitt aller 191 Dax-Vorstandsposten ist der typische Chef 53,9 Jahre alt, deutsch, männlich und Betriebswirt.

Und doch stimmt die These von der mangelnden Diversität nur noch zum Teil. Verheerend ist einzig die Bilanz für Frauen, sie besetzen nur 14,7 Prozent aller Vorstandsposten. Im M- und SDax sieht es sogar noch finsterer aus. Ministerin Giffey spricht von einer Quote von nur 7,7 Prozent in den 70 größten Unternehmen. Sehr viel weniger waren es auch nicht zur Zeit Löschers.

Dabei gilt seit vielen Jahren die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, mehr Frauen in die Vorstände zu holen. Und seit Anfang 2016 schreibt das Gesetz für die Aufsichtsräte sogar eine zwingende Frauenquote von 30 Prozent vor. Sie ist inzwischen erreicht. Doch die Hoffnung, mehr weibliche Aufsichtsräte würden automatisch mehr weibliche Vorstände nachholen, hat sich nicht erfüllt. Viele Managerinnen wie die UBS-Europachefin Christl Novakovic, die früher vehemente Gegnerinnen einer festen Frauenquote waren, denken deshalb allmählich um: „Ich kämpfe hier selbst mit einer Antwort“, sagt Novakovic.

Ganz anders sieht es dagegen mit der Internationalisierung in den Chefetagen aus: „Zu deutsch“ stimmt nicht mehr, in den letzten zehn Jahren hat sich viel getan. 68 Manager, ein gutes Drittel aller Vorstandsmitglieder, geben in ihren Lebensläufen eine ausländische Nationalität an. Rechnet man Manager wie Beiersdorf-Vorstand Zhengrong Liu hinzu, die zwar einen deutschen Pass besitzen, aber nicht in Deutschland geboren sind, kommt man sogar auf über 40 Prozent. Auch im internationalen Vergleich ist das ein sehr guter Wert.

Heute spricht man Englisch

Auffällig auch: Vor zehn Jahren sorgten praktisch nur Manager aus direkten Nachbarländern – also Holländer, Österreicher, Schweizer, Angelsachsen und Skandinavier – für etwas Farbe in den Vorständen. Heute tummeln sich dort Spitzenkräfte aus 25 Nationen – darunter auch aus Sri Lanka, Indien, Südafrika oder Argentinien. Großunternehmen mit globaler Ausrichtung verlangen „immer seltener Deutschkenntnisse“, beobachtet der Berliner Personalberater Philipp Fleischmann. Nur in Familienunternehmen spielten Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur noch eine große Rolle.

In manchen Konzernen findet man eine wirklich globale Führungsriege. Im Adidas-Vorstand sitzen zwei Dänen, ein Australier und eine Britin (die inzwischen allerdings ausgeschieden ist) – und nur zwei Deutsche. Der Chef des Sportartikelherstellers, der Däne Kasper Rorsted, sorgt bis in die dritte Reihe des Managements für eine bunte Mischung. Auch bei der Allianz gehören die drei Deutschen im Vorstand zur Minderheit, ihnen stehen sieben Ausländer aus Italien, Österreich, Südafrika, Spanien und Sri Lanka gegenüber.

Nur noch wenige Konzerne mit großem globalem Geschäft präsentieren sich noch als „zu deutsch“ – darunter nach wie vor Siemens (sechs Deutsche und eine Amerikanerin) und die Münchener Rück (acht Deutsche und ein Brite). Immerhin sechs CEOs stammen aus dem Ausland, die meisten allerdings aus Österreich. Vor ein paar Monaten waren es noch sieben: Die Co-Chefin von SAP, die Amerikanerin Jennifer Morgan (zugleich erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns) ist aber mittlerweile zurückgetreten.