Business as usualWie man Konflikte unter Kollegen beilegt

Die Angelegenheit sei „etwas delikat“, sagte mir Mark, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Eine Mitarbeiterin, Ende 40, die seit vielen Jahren im Unternehmen sei und mit der eigentlich jeder gern zusammenarbeite, „spielt seit Kurzem verrückt“. Sie streite sich ständig mit einem jungen Kollegen und verweigere ihm jetzt sogar die Zusammenarbeit ganz. Man habe schon alles Mögliche versucht und denke nun über weitreichende Konsequenzen nach.

Was war passiert? Nachdem der Marketingleiter in Rente gegangen war, hatte man etwas umstrukturiert und einen jungen Nachfolger mit Agenturerfahrung eingestellt. Perfekt, um sich dem Thema Digital gänzlich unvoreingenommen zu nähern. So weit, so gut. Der Neue war motiviert bis in die Haarspitzen und brachte einen riesigen Wortschatz an neudeutschem Onlinesprech mit. Den Rest können Sie sich denken: Die Kollegin und er, die eigentlich auf Augenhöhe zusammenarbeiten sollten, redeten aneinander vorbei. Die Ergebnisse blieben aus. Der Druck stieg. Und damit natürlich auch der Stress- und Frustlevel. Irgendwann eskalierte die Situation komplett. Die Schlichtung durch die Geschäftsführung schlug fehl.

Tatsächlich sind in Fällen wie diesen die Mitarbeiter meist gar nicht das Problem – sondern nur das Symptom eines Problems. Die Ursache liegt in der Regel ganz woanders. Die verrücktspielende Mitarbeiterin war überlastet, aber dem Unternehmen loyal verbunden und auf der verzweifelten Suche nach einer Lösung. Bloß war auch ihr nicht klar, was das Problem denn eigentlich war.

Gehen Sie den Dingen auf den Grund!

Bei der Umstrukturierung gab es schlicht ein Missverständnis: zwischen den Arbeitsbereichen klaffte eine Lücke – ein wichtiges Themengebiet, um das sich allerdings keiner kümmerte. Weil beide so ausdauernd aneinander vorbeigeredet hatten, dass beide dachten: Das macht ja der andere. Also forderten sie immer lauter Ergebnisse, für die sich der Kollege gar nicht zuständig fühlte.

Es dauerte eine Weile, die Angelegenheit Schritt für Schritt auseinanderzunehmen und wirklich alle Unklarheiten bis ins Detail zu besprechen. Dann wurde es ganz still. Vom Riesenkonflikt war nichts mehr übrig geblieben.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil Sie sicher ohne langes Nachdenken mindestens zwei ähnliche Beispiele aus Ihrem direkten Umfeld vor Augen haben. Und ich Ihnen vorschlagen möchte, sich jetzt, wo das Jahr noch nicht wieder voll an Fahrt aufgenommen hat, mal die Zeit zu nehmen und zu fragen, was Symptom und was Ursache ist. Seien Sie Sherlock, und reden Sie mit den Beteiligten! Stellen Sie Fragen und gehen den Dingen auf den Grund! Und zwar nicht verkopft, sondern nach Ihrem Gefühl. So wie jeder gute Ermittler. Ich bin sicher, mit ein wenig investierter Zeit können Sie großen Mehrwert schaffen.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie über Themen aus der Berufswelt