Studie Was passiert, wenn Chefs Mitarbeitern den Bonus kürzen

Ob Mitarbeiter Prämien bekommen oder nicht, hat offenbar einen messbaren Effekt
Ob Mitarbeiter Prämien bekommen oder nicht, hat offenbar einen messbaren Effekt
© fizkes / Adobe Stock
Stehen Unternehmen unter finanziellen Druck, scheint es oft verlockend, an den Gehältern zu sparen. Doch das kann starke negative Auswirkungen auf die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter haben, wie eine Studie zeigt, die Capital exklusiv vorliegt

Eigentlich war Thorsten Schröder wirklich zufrieden mit seinem Job. Der 35-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt, arbeitete in einer IT-Firma. Jedes Jahr erhielt er ein Festgehalt und dazu noch einen Bonus, der von der Teamleistung abhängig war. 2019 habe sein Team besonders hart gearbeitet, erzählt er in einem Videotelefonat. „Wir bekommen, wenn wir alle Abteilungsziele erreichen, den vollen Bonus, also 100 Prozent. Aber in dem Jahr hatten wir die Ziele übertroffen – und sollten sogar 140 Prozent bekommen. Unser Team war richtig glücklich und stolz.“

Doch wenige Wochen später folgte die Ernüchterung. „Kurz vorm Wochenende kam eine Mail. Es wären doch nur 120 Prozent, die Firma hätte sich verrechnet.“ Schröder wunderte sich. Zum einen sei der Bonus schon vom HR-System bestätigt worden und zum anderen sei jeder Mitarbeiter in der Lage, die Höhe des Bonus selbst auszurechnen – alle seien zum Ergebnis gekommen, dass es 140 Prozent sein müssten. „Wir waren alle stinksauer. Das fühlte sich an wie Diebstahl.“

In den Wochen darauf hätten seine Kollegen und er nur noch Mindestleistungen erbracht. Überstunden hätten sie von nun an vermieden und sich auch nicht mehr freiwillig zu Feiertagsdiensten gemeldet. Einige der Kollegen kündigten sogar – der Grund sei immer der gekürzte Bonus gewesen, sagt Schröder. Auch er wechselte die Stelle. Heute verdiene er mehr als im alten Job.

Ärger für Mitarbeiter – Glück für Forscher

Den sicher geglaubten Bonus zu kürzen kann also starke Auswirkungen auf die Mitarbeitermotivation haben. Eine globale Personalberatungsfirma, die fast 20 Standorte in Deutschland unterhält, ging sogar noch weiter: Sie strich ihren Mitarbeitern die Boni komplett. Zwar erhöhte sie zugleich das Fixgehalt, doch da ein großer Teil des Gehalts abhängig vom Bonus war, gingen die Löhne der leistungsstarken Arbeitnehmer insgesamt zurück. Profitiert haben nur die Mitarbeiter, die eher leistungsschwach waren.

Hintergrund dieser Umstellung der Lohnstruktur war, dass die Abteilungen der Headhunter-Firma enger zusammenrückten. Ein großer Teil der Belegschaft erhielt schon vorher höhere Fixlöhne, aber dafür niedrigere Boni. Doch die Mitarbeiter der anderen Abteilungen hatten sich in den Jahren zuvor an die hohen Bonuszahlungen gewöhnt und fühlten sich durch diese Umstrukturierung nun schlechter gestellt.

Eine ärgerliche Situation für einige der Angestellten – und zugleich eine spannende Gelegenheit für eine Studie, fanden zwei Wirtschaftswissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt. Miriam Krüger und Guido Friebel konnten die Reaktion der Mitarbeiter der Headhunter-Firma auf die Lohnumstrukturierung auswerten – auch, weil das Unternehmen selbst daran interessiert war, die Motivation der Angestellten und die Rolle, die Entlohnung dabei spielt, zu verstehen.

Das Ergebnis der Studie, die im „Journal of Labor Economics“ erscheinen wird: Die Arbeitsleistung der Betroffenen ging um dreißig Prozent zurück, dafür kündigten mehr Mitarbeiter oder machten blau. Die Auswirkungen der Boni-Kürzung auf die Arbeitsleistungen wurde dabei besonders von denjenigen Personalberatern beeinflusst, die zuvor hohe Leistungen brachten und daher erwarteten, besonders von der Kürzung betroffen zu sein.

„Gibt kaum etwas, das wir als weniger fair wahrnehmen“

„Es gibt kaum etwas, das wir als weniger fair wahrnehmen, als wenn uns etwas weggenommen wird, von dem wir denken, dass es uns zusteht“, sagt Friebel, Professor für Personalwirtschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Dass Unternehmen in Engpässen Löhne kürzen, wird – anders als die Erhöhung von Preisen in dieser Situation – von dem überwiegenden Teil der Gesellschaft als unfair wahrgenommen. Das hat bereits der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman 1986 in einer Studie, die auf Telefonumfragen beruht, festgestellt.

„Doch lange war die Datenlage zum Thema Lohnkürzungen nur anekdotisch“, sagt Friebel. Daher sei es aus wissenschaftlicher Sicht ein glücklicher Zufall, dass die Personalberatungsfirma in einigen Abteilungen die Löhne umstrukturiert habe, während in den anderen Abteilungen schon vorher die Fixlöhne höher und dafür die Boni niedriger gewesen seien. Dadurch gibt es, erklärt Friebel, eine Versuchsgruppe – die Abteilungen, die zuvor hohe Boni erhielten – und eine Kontrollgruppe, die bereits vorher niedrige Boni bekam. „Das ist ein quasi-experimentelles Design“, so Friebel. Da ein internes Programm die Aktivitäten der 527 beobachteten Angestellten regelmäßig messen würde, sei es möglich gewesen, die Veränderungen der Leistungen der Mitarbeiter genau zu dokumentieren.

Dabei konnten Friebel und Krüger feststellen: Die Berater aus der Versuchsgruppe fanden 32 Prozent weniger freie Stellen als vorher. Sie nahmen an 30 Prozent weniger Meetings mit Kunden teil und fanden 27 Prozent weniger Kandidaten für freie Stellen als vor Kürzung der Boni. Dafür meldeten sie sich 32 Prozent häufiger krank.

Die Personalberatungsfirma habe selbst nicht mit dieser Heftigkeit der Reaktionen gerechnet, sagt Friebel. „Das Signal, dass gerade die Leistungsstarken nun trotz harter Arbeit weniger verdienen, war verheerend.“ Viele der Mitarbeiter seien enttäuscht gewesen, hätten innerlich gekündigt. Die Mitarbeiter von Headhunter-Firmen seien in der Regel nicht in engem Austausch miteinander – anders als in anderen Branchen, in denen sich die Angestellten kollektiv organisieren, etwa in einer Gewerkschaft. „Ich vermute, dort wären die Auswirkungen von Lohnkürzungen sogar noch schlimmer“, so Friebel.

Doch während bei den bereits eingestellten Mitarbeitern ein Leistungsrückgang zu beobachten war, betraf das nicht die Berater, die erst nach der Lohnänderung zum Unternehmen stießen. In der langen Frist könnten sich die Kürzungen für die Beratungsfirma also sogar finanziell lohnen – allerdings wohl erst in rund zehn Jahren, wie Friebel vorrechnet. „In der Regel wollen Firmen aber mit Lohnkürzungen gerade aktuellen finanziellen Engpässen entgegenwirken“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Doch kurzfristig gingen solche Umstrukturierungen meistens nach hinten los – besonders in Branchen, in denen sich Arbeitnehmer die Stelle aussuchen können.


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