ThemaDie Kunst der Übertreibung

Ein Totenkopf aus Diamanten füllt das enorme Zifferblatt. Sexy. Dekadent, geradezu übertrieben lebensbejahend. Zugleich sehr gothic, ein Flirt mit dem Tod. Schwer, klobig. Zu groß für eine Uhr, die man am eigenen Armgelenk sehen möchte. Eine Hublot für 35.300 Euro.
Nichts ist Zeitanzeige an dieser Uhr. Alles ist Botschaft.

Das ist natürlich übertrieben. Aber um Übertreibung geht es schließlich hier in Halle 1 bei der Baselworld, der größten und wichtigsten Uhren- und Schmuckmesse der Welt.
 Geschätzte 150.000 Besucher, davon über 3600 Journalisten aus aller Welt, bestaunen Neuheiten von 1500 Marken. Das Erdgeschoss in Halle 1 belegen die Namen mit dem größten Prestige: Rolex, Patek Philippe, Breitling, Omega, Breguet, TAG Heuer, und noch einige mehr.

Baselworld
Die Baselworld ist die weltweit wichtigste Uhrenmesse
© Baselworld

Die Übertreibung folgt einer Statik, die sich mittlerweile bewährt hat. Eine mechanische Uhr besteht aus präzise gefertigten und montierten Bauteilen. Aber das ist nur das Fundament aus Metall. Darauf hat die Industrie einen Wolkenkratzer aus Träumen, Emotionen, Begehrlichkeiten errichtet. 
Die Luxusuhren-Branche kennt seit einem Vierteljahrhundert nur kräftiges Wachstum – mit Ausnahme des Krisenjahres 2009. Auch 2013 ist die Branche mit 1,9 Prozent gewachsen, wenn auch nicht in dem Tempo der Vorjahre. Der Umsatz lag bei rund 22 Mrd. Franken (etwa 18 Mrd. Euro). Sie ist klein, weil sie in einem Bergländchen in der Mitte Europas beheimatet ist. Und zugleich groß, weil ihre Botschaften in der ganzen Welt verstanden werden. Zum Beispiel diese: Die Familie ist stark.

Bei Patek Philippe werden Uhren präsentiert, die dem Wert einer mittleren Erbschaft entsprechen (zum Beispiel der sportliche Jahreskalender-Chronograph in Stahl, Referenz 5960/1A für 41.320 Euro), und dazu eine Anekdote. Eine Kundin greife zu folgendem Kniff, wenn ihr kleiner Sohn unruhig und nervös scheine. Sie nimmt die Patek vom Handgelenk und betrachtet mit dem Kleinen das Uhrwerk, deren Rädchen unter dem Glasböden glitzernd vor sich hin drehen.

Eine Patek ist schon beim Kauf ein Erbstück, museumswürdig, bedeutet das. Filigrane Handwerkskunst, die Generationen überdauert und die innere Werte sichtbar macht. Das Prinzip der Saphir-Glasböden hat Patek Philippe gleich auf den neuen Stand übertragen. Die komplett gläserne Fassade lässt tief hineinblicken in die 175-jährige Geschichte der Genfer, die zu ihrem Jubiläum neben Neuheiten auch Glanzstücke der Firmensammlung für jedermann ausstellen.

Rolex pflegt sein Prestige

Rolex Cellini
Rolex Cellini: Wiederbelebung einer Produktreihe
© Rolex

Bei Rolex geht es in diesem Jahr um eine andere Familiengeschichte. Ein Stiefkind wird wieder aufgenommen: Die Kollektion Cellini kam im Schatten der markanten, sportlichen Ikonen wie Submariner oder Explorer II nie so recht zur Geltung. Jetzt erfährt die elegante “Dress Watch” eine technische und optische Generalüberholung. An Robustheit und Präzision sollen die Cellini-Modelle auf Höhe der Oyster-Geschwister sein (ab 12.250 Euro). Zugleich macht die goldene Krone als 12-Uhr-Index klar, dass Rolex an seiner Botschaft festhält: Prestige, Prestige, Prestige. Mag sein, dass die Rückbesinnung auf die feine Linie auf den italienischen CEO Riccardo Marini zurückgeht, der seit drei Jahren amtiert. Bei Asiaten, die eher klassische Uhren bevorzugen, kommen die Cellinis sicher gut an.

Und Asien, vor allem China versetzt die Luxusuhren-Industrie seit einiger Zeit in einen Rausch. Dabei zeigen die in Basel veröffentlichte Analyse der wichtigsten Märkte eine verblüffende Entwicklung. Der Absatz in China (ohne Hongkong) brach 2013 um 12,5 Prozent ein, während er in Deutschland um neun Prozent anzog. Beide Märkte liegen damit fast gleichauf, bei 1,3 (Deutschland) bis 1,4 Mrd. Franken (China). Allerdings ist ein großer Teil des Wachstum in Europa dadurch erklärbar, dass asiatische Reisegruppen die Uhrengeschäfte stürmen.

Omega Seamaster
Klassiker: Omega Seamaster 300
© Omega

Auf diesen Run reagiert auch der für großformatige Flieger-Chronographen bekannte Hersteller Breitling. Im Laufe des Jahres werde in Frankfurt eine Breitling-Boutique eröffnet, kündigt Martin Trautmann an, der das Deutschland-Geschäft verantwortet. Allerdings hat er Zweifel, ob sich Asiaten wirklich einen Navitimer ans Handgelenk schnallen, der nochmals um zwei auf jetzt 48 Millimeter Durchmesser gewachsen ist (z.B. das GMT-Modell für um die 8000 Euro). Die enorme Größe hat immerhin den Effekt, dass die Skalen auf dem Zifferblatt besser ablesbar sind und die Botschaft der unabhängigen Manufaktur jetzt noch deutlicher wird: Mit Instrumenten beherrschen wir die Welt.

Weltherrschaft könnte die Swatch Group nüchtern für sich beanspruchen.. Der mittels seiner Zulieferer mächtigste der Uhren-Konzerne steuert auf die Rekordumsatzmarke von 10 Mrd. Franken zu. Diesen Wert stellte CEO Nick Hayek am Rande der Baselworld für 2015 in Aussicht. Unter dem guten Dutzend seiner Prestige-Marken nimmt Omega eine zentrale Position ein.

Ausstatter von Astronauten und James Bond, Zeitmesser der Olympischen Spiele und glücklich liiert mit Nicole Kidman: Omega ist fast schon nicht mehr irdisch. Und diese Botschaft zieht sich durch die Kollektion. Die meisten Neuheiten enthalten Werke, die magnetischen Störeinflüssen trotzen. Wer der Erde derart entrückt ist, darf sich ruhig erlauben, ein historisches Taucheruhr-Modell von 1957 als Vintage-Variante vorzustellen: die Seamaster 300.

Hersteller entdecken den Fußball

Dabei ist der Mega-Trend 2014 nicht abgehoben, sondern sehr geerdet: Fußball. Der Massensport hat sich endgültig als Thema in der Prestige-Klasse durchgesetzt. Den Anfang machte Hublot 2006 mit der beidarmigen Ausstattung von Diego Maradona zur Weltmeisterschaft in Deutschland. Lange Zeit kam allein der als Edel-Prolet der Branche auftretende Hublot-CEO Jean-Claude Biver mit der Fußball-Masche durch. Er nutzte die Hochnäsigkeit und Zögerlichkeit der Konkurrenz und schloss Kooperationen mit den europäischen Topklubs Real Madrid, Paris Saint-Germain, Bayern München und Juventus Turin, sowie mit Uefa und Fifa.

Zur WM in Brasilien legt Hublot nun einen Chronographen vor, der die beiden Halbzeiten eines Spiels stoppt – mit einem retrograden Minuten- und einem retrograden Sekundenzeiger.

Maurice Lacroix zieht nach: Die Manufaktur verkündet, dass es zum Start der kommenden Saison Uhren mit dem Logo des FC Barcelona anbieten wird. Carl F. Bucherer präsentiert eine Spezialausgabe der neuen Taucheruhr Scubatec, eigens für die Schweizer Nationalmannschaft. Und die hierzulande wenig bekannte Marke Bulova hat sich eine Partnerschaft mit Manchester United gesichert, eine der wertvollsten Fußballmarken weltweit.

Die Luxusuhren-Branche bedient sich also der Reichweite des Fußballs. Damit ist die Botschaft klar und deutlich zu vernehmen: Keiner wird uns entkommen!

Das ist natürlich übertrieben. Aber nur ein bisschen.