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Beste Ausbilder 2022 Trotz Energiekrise: Ausbildung bei den Stadtwerken Kiel

Pegah Eyvazi
Pegah Eyvazi startete als Azubi, heute ist die gebürtige Iranerin selbst Ausbilderin
© Alexandra Polina
Die Stadtwerke Kiel sind derzeit an vorderster Front der Energiekrise. Auf die Ausbildung bei dem Grundversorger hat die angespannte Lage aber keine Auswirkungen. Die Azubis erwartet ein vielfältiges Aufgabengebiet

Wer in diesen Tagen die Stadtwerke Kiel besucht, wird an Tor eins mit einem großen Plakat begrüßt. „Winter is coming“ steht darauf in weißer Blockschrift, dahinter tobt ein eisblauer Sturm. Mit dem berühmten Bannerspruch aus der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ stimmt das Unternehmen seine rund 850 Mitarbeiter und mehr als 330.000 Kunden auf härtere Zeiten ein.

Als Grundversorger stehen die Stadtwerke Kiel derzeit an vorderster Front der Energiekrise. Auch sie mussten aufgrund der gedrosselten Erdgaslieferungen aus Russland schon ihre Preise erhöhen. Die Angst vor einer „Gasmangellage“ im Winter ist groß. Damit es erst gar nicht so weit kommt, haben die Stadtwerke mit rund 50 Partnern eine Kampagne zum Energiesparen gestartet. „5 vor 12“, heißt es auf einem weiteren Plakat, das vor der Werkskantine steht.

Seit Ende August läuft die Kampagne schon. Kurz danach haben 18 junge Menschen ihre Ausbildung bei den Stadtwerken Kiel begonnen. „Natürlich geht die aktuelle Situation gerade vielen durch den Kopf“, sagt Ausbildungsleiterin Anja Fiedler. Der Vorstand habe deswegen eine virtuelle Frage-Antwort-Runde eingerichtet, in der er die Mitarbeiter über die Lage am Energiemarkt informiert werden. Auf die Ausbildung habe die angespannte Lage aber keine Auswirkung. Die Plätze seien nach wie vor gefragt. „Für den Jahrgang, der 2023 startet, haben wir schon fünf Plätze besetzt“, sagt Fiedler.

Stationen im Marketing, Vertrieb, Rechnungswesen, beim Einkauf und Personal

In der Ausbildung üben die Elektroniker den Aufbau von Schaltkreisen
In der Ausbildung üben die Elektroniker den Aufbau von Schaltkreisen
© Alexandra Polina

Niels Jensen ist Ausnahmesituationen schon gewohnt. Der 20-Jährige hat im ersten Coronajahr Abitur gemacht. Gerade ist er in sein drittes Ausbildungsjahr als Industriekaufmann bei den Stadtwerken gestartet. „Ich wollte etwas Praxisorientiertes machen“, sagt Jensen. Denn allein in der Uni hinter einem Laptop sitzen? Das sei nichts für ihn gewesen. Industriekaufmann habe aufgrund der Abwechslung gefallen. Und weil es etwas Handfestes ist. „Ohne die Industrie läuft nichts“, sagt Jensen.

Im Laufe der Ausbildung absolviert er Stationen im Marketing, Vertrieb, Rechnungswesen, beim Einkauf und Personal. Nach jeder Station gibt es ein Entwicklungsgespräch. Jensen hat sich für einen Schwerpunkt in der Personalabteilung entschieden.

Auf die Stadtwerke Kiel ist er bei einer Berufsmesse aufmerksam geworden. „Ich habe gleich bei der ersten Begegnung gemerkt, dass hier vieles auf Augenhöhe passiert“, erinnert sich Jensen. Die Ausbildung habe dann auch direkt gut angefangen, nicht zuletzt wegen der lockeren Umgangsformen: „Hier wird sehr viel geduzt.“

Sein bisheriges Highlight war die Kick-off-Woche mit den anderen Auszubildenden. Auf dem Programm standen unter anderem Kennenlernspiele, die Vertrauen und Teamarbeit fördern sollen. „Spätestens nach dem zweiten oder dritten Tag entstehen schon kleine Freundschaften“, sagt Jensen. Das gebe auch Rückhalt, wenn es in der Ausbildung mal nicht so gut läuft.

Azubis werden übernommen

In ein paar Monaten steht die Abschlussprüfung an. „Ich habe ein gutes Gefühl für die Zukunft“, sagt der junge Mann. Daran habe auch die Energiekrise nichts geändert. Die Stadtwerke Kiel garantieren allen Auszubildenden, die die Prüfungen meistern, die Übernahme. Einen Job hat Jensen auch schon in Aussicht: Seine Kollegin aus der Personalabteilung geht nächstes Jahr in Rente.

Ausbildungsleiterin Anja Fiedler
Ausbildungsleiterin Anja Fiedler setzt auf Augenhöhe zwischen Azubis und Ausbildern
© Alexandra Polina

Der demografische Wandel ist für die Stadtwerke Kiel eine große Herausforderung. „Etwa 30 Prozent der heutigen Belegschaft verabschieden sich in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand“, sagt Ausbildungsleiterin Anja Fiedler. Besonders IT-Fachkräfte und Elektroniker seien gefragt. Die könne man jedoch nicht ohne Weiteres vom freien Markt abwerben. „Energieversorgung kann man nun mal nur beim Energieversorger lernen“, sagt Fiedler. Der Ausbildung im eigenen Haus komme deshalb eine wichtige Rolle zu.

Um junge Leute zu erreichen, lassen sich die Stadtwerke Kiel einiges einfallen. Demnächst will das Unternehmen zum Beispiel einen eigenen Tiktok-Kanal starten. „Natürlich muss man schauen, wie man seinen Radius erweitert“, sagt Fiedler. Die Ausbildungsleiterin bemüht sich deshalb auch besonders um Kandidaten mit Migrationshintergrund.

Pegah Eyvazi ist seit vergangenem Jahr Ausbilderin bei den Stadtwerken Kiel. Die 35-jährige Elektronikerin ist im Iran geboren und kam vor acht Jahren nach Deutschland. In ihrer Heimat hat sie ein Physikstudium abgeschlossen. „Mein Traum war es, Lehrerin zu werden“, erzählt sie. Doch nach ihrer Flucht nach Deutschland war dieser Traum erst einmal vorbei. Sie habe wieder von vorne anfangen müssen: neue Sprache, neue Schrift, neues Umfeld. Nachdem es mit der Verständigung klappte, beschloss Eyvazi, eine Ausbildung anzufangen. Doch auf ihre Bewerbungen bekam sie nur Absagen. Sie sei „überqualifiziert“, sagten die Personaler. Bei den Stadtwerken Kiel sah man das anders – und gab ihr eine Chance.

Großes Aufgabenfeld

„Ich hatte am Anfang Bedenken, ob ich in der Männerdomäne zurechtkomme“, erzählt Eyvazi. Schließlich arbeiteten Frauen und Männer in ihrem Heimatland zumeist getrennt. Die Kollegen hätten es ihr jedoch leicht gemacht und sogar mit ihr Deutsch geübt. Inzwischen hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen und unterrichtet seit einem Jahr selbst die nächste Elektronikergeneration.

Der Beruf des Elektronikers für Betriebstechnik ist das größte und wichtigste Ausbildungsfeld bei den Stadtwerken. Der Job umfasst eine Vielfalt von Aufgaben: von der Installation von Leitungen über die Wartung von Geräten und Anlagen bis hin zur Steuerung der Mess- und Regeltechnik im Heizkraftwerk. Als Elek­tro­niker ist man zudem viel unterwegs, etwa bei den Anlagen, auf Montagebaustellen und in Betriebswerkstätten.

Seit Eyvazi unterrichtet, verbringt sie jedoch die meiste Zeit im Ausbildungszentrum. Die Mehrheit ihrer Azubis sind junge Männer. Mit dem neuen Lehrjahrgang haben im September jedoch auch zwei Frauen aus Tunesien ihre Elektronikerausbildung begonnen. Die beiden kamen über ein Programm des Entwicklungsministeriums nach Kiel: Das Pilotprojekt THAMM ermöglicht jungen Menschen aus Nordafrika die Arbeitsmigration nach Deutschland, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken

„Menschen mit Migrationshintergrund brauchen meistens mehr Hilfe“, sagt Eyvazi. Die Ausbilderin holte die beiden Tunesierinnen vom Bahnhof ab, begleitete sie zum Rathaus und unterstützte sie bei der Eröffnung eines Bankkontos. „Man fängt nicht von null an, sondern unter null“, weiß sie aus eigener Erfahrung. Deswegen komme es auf Unterstützung an. Unterstützung, die sie der nächsten Generation nun selbst gibt.

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