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Arbeiten im Krieg Reisen in Zeiten des Krieges

Bogdana Nagaliuk steht im Büro von Evana am Fenster
Bogdana Nagaliuk ist aus der Ukraine geflüchtet
© Miriam Stanke
Die ukrainische KI-Expertin Bogdana Nagaliuk ist mit ihrem halben Team nach Deutschland geflohen. Hier berichtet sie regelmäßig über ihren Alltag. Diesmal: Wie ein durch den Krieg geteiltes Team den Urlaub verbringt

Bogdana Nagaliuk leitet seit sechs Jahren die ukrainische Tochtergesellschaft des deutschen Start-ups Evana. Es hilft Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft, mittels KI ihre Unterlagen zu sortieren und auszuwerten. Rund 100 Menschen sind bei Evana beschäftigt – und vor Beginn des Krieges fast die Hälfte davon in Kiew. Sie trainieren den Algorithmus der künstlichen Intelligenz. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges ist sie mit ihrer dreijährigen Tochter nach Deutschland geflohen.

München, Paris, Brüssel – seitdem wir vor vier Monaten in Saarbrücken angekommen sind, haben viele schon uns schon einige Wochenendreisen unternommen. Jetzt hat die Zeit der großen Ferien begonnen, in Deutschland und in der Ukraine. Alle machen Urlaub. Aber wie und wo, das ist sehr verschieden.

Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in Italien. Mit meiner besten Freundin, mit der ich in Luzk in der Ukraine zusammen studiert habe, und unseren Kindern sind wir mit dem Auto über den Brenner gefahren. Die Zeit zusammen haben wir sehr genossen. Wir können uns nicht mehr so häufig sehen, weil sie nach Polen geflohen ist und ich nach Deutschland. Diese Reise war unser gemeinsamer Traum. Wir waren in Rimini, Bologna, Pisa, Florenz, Como – in all diesen wunderschönen Städten. Für die Kinder war es anstrengend, dass wir so viel umhergefahren sind, aber wir wollten so viel wie möglich sehen und erleben. In der Toskana sind wir über Serpentinen gefahren, haben in den Bergen in einer gelben Villa mit grünen Fensterläden gewohnt und uns das Geburtshaus von Leonardo da Vinci angesehen. In Ligurien ist meine Tochter im Meer geschwommen.

Wir haben die Tage genossen – und abends auf Telegram die Nachrichten aus der Ukraine gelesen. Wir wissen immer, was dort passiert. Der Krieg ist die Realität, mit der wir jeden Tag leben müssen. Auch von dem schrecklichen Angriff auf Winnyzja, bei dem auch Kinder starben, haben wir erfahren, als wir in Italien unterwegs waren. Jeden Tag haben wir Angst, dass Russland die Westukraine von der nördlichen Seite aus Belarus angreift.

Von den Kolleginnen, die in der Ukraine geblieben sind, fährt niemand ins Ausland. Aber alle nehmen sich über den Sommer freie Tage. Einige verreisen in die Karpaten, in den Bergen gibt es schöne Hotels, und es ist dort ruhig geblieben, seitdem der Krieg begonnen hat. Viele Ukrainer fahren im Sommer auch aufs Land, wo sie Grundstücke haben und Gurken, Tomaten oder Kirschen anbauen. Dort gibt es jetzt viel tun. Die Früchte müssen geerntet und verarbeitet werden. Meine Mutter erzählt mir jeden Tag am Telefon, was sie eingemacht hat.  

Meine Schwester verbringt den Sommer bei ihr. Sie ist nach England geflohen, als der Krieg begann, und ist nun für einige Wochen in der Ukraine. Als sie mit dem Auto durch ihre Straße in Kiew fuhr, kamen ihr die Tränen. Alles war ruhig und friedlich. Es ist der Ort, der ihr Kraft gibt. Aber sie versteht, dass es nur ein Bild ist, das jeden Augenblick kaputt gehen kann. Deswegen wird sie Ende August mit ihren Kindern nach England gehen.

Einige Kolleginnen von mir, die über den Sommer aus Deutschland in die Ukraine fahren, überlegen, ganz dort zu bleiben. Für sie ist es das Schönste, nach Hause zurückzukehren. Sie wissen, dass es ein Risiko wäre. Aber sie haben ihre Männer, ihre Familien, ihr ganzes Leben dort zurückgelassen. Vielleicht ist das schwer zu verstehen. Doch bei einigen ist es so: Dein Herz und deine Seele bleiben dort – auch wenn du in Deutschland alle Unterstützung bekommst. Sie warten nur darauf, dass sie zurückkönnen.

Für mich war es richtig, in diesem Sommer nach Italien zu reisen. Aber im September werde auch in die Ukraine fahren. Ich muss einige geschäftliche Dinge klären. Und ich werde meine Familie wiedersehen. Darauf freue ich mich sehr.

Protokoll: Katja Michel

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