ThemaProkon - Rodbertus letzter Gang

Es ist kurz vor 10.30 Uhr an diesem Dienstagmorgen, als Carsten Rodbertus bewusst wird, dass er Prokon endgültig verloren haben dürfte. Dabei wollte er das Ruder noch einmal herumreißen – bei der Gläubigerversammlung in den Hamburger Messehallen, die wenige Minuten später beginnen soll.

Seit dem frühen Morgen strömen die Prokon-Anleger in die Messehallen. Die Polizei hat die Straße abgesperrt, es wimmelt von Ordnern und Security. Doch der ganz große Ansturm bleibt aus. 75.000 Anleger haben bei Prokon Genussscheine im Wert von 1,4 Mrd. Euro gezeichnet. Nur wenige Tausend kommen zur großen Versammlung. Und einige nur wegen des Spektakels. „Das Geld ist weg“, sagt einer, „aber das hier ist doch wie in einem Krimi, das schaue ich mir schon an.“

An den 90 Schaltern in der Messehalle B 5 bilden sich zu keiner Zeit Schlangen, und das obwohl der Eintritt zur Versammlung streng überwacht wird. Ausweise müssen vorgezeigt werden, es gibt Röntgengeräte und Personenkontrollen. Die Messehalle gleicht einer riesigen Abfertigungshalle.

Rodbertus-Anwälte sprechen von Farce

Am Rand des großen Check-ins, ganz rechts in einer Nische der Messehalle, hat sich eine kleine Gruppe zusammengerottet. In einem orangefarbenen T-Shirt sticht ein Mann mit langem, grauem Zopf hervor – Carsten Rodbertus. Er nippt immer wieder an einem Glas Wasser, hört zu, nickt hin und wieder. Männer in dunklen Anzügen reden auf ihn ein. Er schweigt. Dann sind sie verschwunden.

Wenig später suchen die Anwälte Dirk-Andreas Hengst, Jochen Resch und Dieter Graefe vor der Halle die Öffentlichkeit. Sie haben nur noch wenige Minuten, denn mit Beginn der Gläubigersammlung um 11 Uhr muss die Presse das Gelände das geräumt haben. „15.000 Anleger sind gerade entrechtet worden“, sagt Rechtsanwalt Hengst der Hamburger Kanzlei GröpperKöpke. Soeben hätten er und seine beiden Kollegen vom Gericht mitgeteilt bekommen, dass die Vollmachten, die sie von tausenden Anlegern bekommen hätten, um gegen Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin und für den Erhalt von Prokon zu stimmen, für ungültig erklärt worden seien. Somit sei die größte Gläubigergruppe ausgeschlossen. „Das ist eine Farce, die Versammlung müsste sofort abgebrochen werden“, empört sich der Berliner Rechtsanwalt Resch.

Wie Anwalt Hengst erklärt, hätten er und seine Kollegen die Vollmachten für Stimmen übertragen bekommen, die Alfons Sattler in den vergangenen Wochen gesammelt habe. Doch das Gericht habe in Sattler eine Marionette von Rodbertus gesehen, der den vom Insolvenzverwalter geschassten Ex-Chef wieder zur Macht verhelfen soll.

Schlammschlacht um Macht bei Prokon

Hinzu kommt: Nach seiner fristlosen Entlassung Ende April wegen gravierender Vorfälle und Pflichtverletzungen hatte sich Rodbertus auf fragwürdigem Weg die Kontakte der rund 75.000 Anleger gesichert und diese schriftlich und über eigens eingerichtete Internetseiten um Vollmachten gebeten. Damit – und den wiederholten verbalen Attacken auf den Insolvenzverwalter – hatte Rodbertus nach eigenen Angaben so großen Erfolg, dass er auf der Gläubigerversammlung die größte Anlegergruppe hätte stellen können.

Mit den für ungültig erklärten Vollmachten wollten sich Rodbertus und seine Rechtsbeistände zwar nicht abfinden. Befangenheitsanträge gegen die Rechtspflegerin wurden indes abgeschmettert. Da auch die Stimmrechte von 15.000 Gläubigern weiter für nichtig erklärt wurden, nähert sich das juristische Tauziehen um die Gläubigerversammlung ihren Ende – und ist Rodbertus endgültige Niederlage perfekt.

Der öffentlich ausgetragene Streit ist der vorläufige Höhepunkt der seit Monaten tobenden Schlammschlacht zwischen dem Insolvenzverwalter und Carsten Rodbertus. Letzterer strickt über seine Internetseite weiter an der Legende, Prokon sei ein im Kern gesundes und hochprofitables Unternehmen, das allen Zahlungsverpflichtungen nachkommen könne und lediglich von einer Allianz aus Medien, Stromkonzernen und Banken in die Insolvenz getrieben worden sei. Prokon kann Kündigungen von Genussrechten im Wert von 400 Mio. Euro nicht bedienen.

Für Rodbertus scheint die Schlacht um Prokon mit der neuerlichen Wendung nun verloren. Insolvenzverwalter Penzlin wird sein Konzept auf der Gläubigerversammlung durchsetzen können: Er will das Kerngeschäft des Windparkbetreibers und rund 300 Arbeitsplätze von ehemals 450 erhalten. Penzlin hatte von nicht testierten Prokon-Jahresabschlüssen, ungeprüften und unbesicherten Krediten in Millionenhöhe sowie Anhaltspunkten für eine Insolvenzverschleppung berichtet. Bisherige Genussrechtsinhaber sollen aber auch in Zukunft an der Firma beteiligt bleiben können.

(Aktualisiert um 14:15 Uhr)