GastbeitragMitarbeitergespräche fangen schon in der Schule an

Maike van den Boom
Maike van den BoomEvia Photos

Mein erstes Elterngespräch in Schweden. 15 Uhr, öffentliche Grundschule, 6 Klasse. Stockholm. Bei uns zu Hause um die Ecke. Pünktlich gehe ich los, stapfe über Stockholms schneebedeckte Bürgersteige und betrete vier Minuten später das Schulgebäude. In den Gängen gedämpftes Geflüster und – Kinder! Verunsichert frage ich in gebrochenem Schwedisch: „Ähm – was macht ihr hier?“

„Utvecklingssamtal“, so die knappe Antwort. Entwicklungsgespräch.

„Schon klar“, sage ich zögerlich. Langsam dämmert es mir und ich schiebe ein „Ist das etwa mit Schülern?“ nach. Fünf 12-Jährige aus der Klasse meiner Tochter schauen einander verunsichert an bevor eines der Mädchen antwortet: „Själfklart!“ Selbstverständlich! Fluchend mache ich kehrt, schlittere durch den Schnee zurück nach Haus, sammle meine Tochter ein und komme fünf Minuten zu spät zu meinem ersten Entwicklungsgespräch in Schweden.

"8 Stunden mehr Glück", das neue Buch von Maike van den Boom
„8 Stunden mehr Glück“, das neue Buch von Maike van den Boom

Pardon, Elisas Entwicklungsgespräch, denn hier geht es nicht um besorgte, ehrgeizige oder sonst wie engagierte Eltern, sondern um die Schüler. Deshalb spricht man auch mit ihnen und nicht über sie. Was läuft gut? Was gefällt dir am Besten? Was können wir tun, um dein Schwedisch zu verbessern? Was möchtest du in Mathe erreichen? Nur auswendig lernen? Verstehen oder anwenden können? Woran möchtest du nächstes Jahr arbeiten?

Kinder sollen sichtbar sein, denn was sie zu sagen haben ist wichtig. Das lernte ich schon in Norwegen während meiner zweijährigen Reise durch 30 skandinavischen Unternehmen. Und wenn diese jungen Menschen dann später den Arbeitsmarkt betreten, dann gehen sie selbstverständlich davon aus, dass ihre Meinung immer noch zählt. Warum auch nicht? „Und das ist wirklich etwas Gutes, denn das bedeutet, dass sie eine Menge ihrer Begeisterung und ihrer Ideen in die Arbeit einbringen”, so Annika, ehemalige Geschäftsführerin von Ledarna, der schwedischen Gewerkschaft für Manager mit 93.000 Mitgliedern.

Agile Kids – agile Unternehmen

Der Grundstein für agile Unternehmenskulturen mit kreativen Köpfen und innovativen Ideen wird schon in der Schule gelegt. Wir können nicht erwarten, dass Kinder, auf deren ganz persönliche Meinung in der Schule kein expliziter Wert gelegt wird, später in Unternehmen den Mund aufmachen und uns mit ihren einzigartigen Ideen bereichern. Schließlich geht es nicht darum, dass wir alle dasselbe können, sondern darum, dass wir einander ergänzen. Wenn wir Talente nicht schon in der Schule sehen und fördern, dann werden wir auch später nur Mainstream erhalten. Erwachsene, die als Kinder gelernt haben, Erwartungen zu entsprechen – ausgedrückt in einer bestimmten Fächerauswahl und einem strikten Notensystem – können schlecht auf einmal agil durch unsere Unternehmen hüpfen.

Schüler werden im deutschen Schulsystem vor allem dafür belohnt, das zu tun, was richtig ist. Dafür, was als wichtig erachtet wird. Dafür, dass sie alle mehr oder weniger bestimmte Dinge wissen und können, die objektiv verifizierbar sind. Kurz, sie sollen in Boxen passen. Doch Schweden waren nie in dieser Box. Nach Aussage des schwedischen Wirtschaftsprofessors Ola Bergström wissen sie noch nicht mal, wo diese Box ist. Denn „Ausbildung sollte Individuen als moralische Wesen sehen, verantwortlich für ihre Entscheidungen und ihre Handlungen mit der Fähigkeit nach dem zu suchen, was wahr ist und zu tun, was richtig ist“, so auch das königlich-norwegische Ministerium für Bildung. Bei dieser Beschreibung sind Diskussionen über das, was wahr oder richtig ist, schon vorprogrammiert.