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Mehr Tesla wagen – die Banken und ihr Nachwuchsproblem

Mainufer an der Weseler Werft mit den Bankentürmen im Hintergrund
Bankenhochhäuser in Frankfurt: Als Arbeitgeber haben die Finanzinstitute keine besonders guten Ruf
© IMAGO / Schöning
Die Banken in Deutschland haben ein Nachwuchsproblem – und das hat viel mit ihrem Image zu tun. Was Banken dagegen tun können, als technologisch rückständig zu gelten und im „War for Talents“ zu bestehen, erklärt Unternehmensberater Gökhan Öztürk von AlixPartners
Gökhan Öztürk
Gökhan Öztürk
© PR

Ob Frankfurter Großbank oder Sparkasse auf dem platten Land, Gökhan Öztürk hat als Unternehmensberater mit Kreditinstituten aller Größen zu tun. Und alle haben das gleiche Problem: Sie kriegen nicht genug technologisch versierte Menschen dazu bei ihnen zu arbeiten. „Deutschland hat erklärtermaßen ein ernsthaftes Problem mit dem Fachkräftemangel“, sagt der Digitalexperte der Unternehmensberatung Alix Partners. Das Problem gelte nicht nur für Handwerker, sondern eben auch für Finanzdienstleister, so der Managing Director mit Sitz in München.

Die Banken haben im „War for Talents“ seiner Einschätzung nach schon lange ihren Vorsprung verloren. „Bis Ende der 1990er-Jahre waren die Banken technologisch noch führend und oftmals einer der wenigen mögliche Arbeitgeber in einigen Berufen“, sagt Öztürk. Doch der Vorsprung ist weg, Absolventen und Berufsstarter zieht es seiner Beobachtung nach heute eher zu den großen Techkonzernen – oder eben zu den technologisch fortgeschritteneren Fintechs. „Die Banken haben beim Nachwuchs sehr viel Konkurrenz bekommen“, sagt Öztürk. „Junge Talente wollen in Unternehmen arbeiten, die ihren eigenen Werten entsprechen – oder die diese Werte zumindest ernst nimmt.“ Viele Banken haben es bislang nicht geschafft das anzubieten. „In vielen Bank-Vorständen sitzen noch altmodische, ältere, meist männliche Banker und sehr wenige, die techgetrieben sind“, sagt er.

Doch es zieht die Bewerber nicht nur weg von den Banken, diese suchen zugleich immer mehr Mitarbeiter. Das zeigt die regelmäßige Auswertung von Stellenanzeigen durch den Personaldienstleiter Hays. Sein Index für die Finanzbranche stieg im ersten Quartal deutlich an und stand bei 110 Prozent. Das bedeutet, die Branche hatte zu diesem Zeitpunkt mehr als doppelt so viele Stellen ausgeschrieben als im Referenzquartal 2015.

Noch stärker als die Finanzbranche boomte demnach die Stellenausschreibungen in der IT-Branche – und damit einem Hauptkonkurrenten der Banken bei der Nachwuchsgewinnung. Auch bei ihnen geht Öztürk zufolge der Trend dazu, immer mehr IT-Kräfte zu beschäftigen. „Im Investmentbanking ist schon rund die Hälfte des Personals im Tech-Bereich tätig, viele Banken beschäftigen derzeit aber noch zu viele Mitarbeiter in Privatkundengeschäft.“ Wobei er seinen Kunden auch nicht rät, das Beratungsgeschäft aufzugeben. „Banken brauchen auch Talente für die Beratung, in der Baufinanzierung oder Wertpapier-Anlage, das ist nicht einfach zu automatisieren. Die Kunden erwarten heute vom Berater, dass er alle Produkte und für die für ihn relevanten Produkte die Preise kennt.“

Nachwuchsmangel und fehlende Digitalisierung entwickeln sich Öztürk zufolge immer mehr zum grundlegenden Problem für die deutschen Kreditinstitute. „In Europa zeigen Banken wie HSBC und ING oder die beiden spanischen Institute BBVA und Santander schon heute, wie es geht, in den USA steckt beispielsweise JP Morgan Milliardenbeträge in Technologie. Da brauchen sich einige deutsche Institute mit ihren kleinen Tech-Budgets im Vergleich gar nicht erst blicken lassen.“

Was können deutsche Banken also tun, um technologisch nach vorn zu kommen und für Talente attraktiver zu werden. Öztürk hat einen einfachen Ratschlag: „Die Finanzdienstleister können von anderen Industrien lernen“, sagt er. „Die Autohersteller schaffen es doch auch, von reinen Industriekonzernen zu Softwareunternehmen zu werden.“ Also gilt für die Banker hierzulande: Mehr Tesla wagen.


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