ArbeitsweltLebenslanges Lernen: Der Sprung Ihres Lebens

Lebenslanges Lernen
Auch wer schon lange im Job ist, sollte sich manchmal in etwas Neues stürzenFrancesco Ciccolella

Als sie bei der Allianz anfing, fuhr Claudia Niederwieser noch mit einem dicken Straßenatlas auf den Knien zu ihren Versicherungskunden.

Auf dem Beifahrersitz lagen Listen auf Lochpapier aus dem Nadeldrucker. Das war vor rund 20 Jahren. Mittlerweile leitet Niederwieser die Geschäftsstelle der Allianz im oberbayrischen Weilheim, ihre 300 Vertriebsmitarbeiter sind längst mit Navigationsgeräten, Handys, Tablets und Laptops ausgestattet. Termine werden über Onlinebuchungssysteme zugewiesen – falls die Kunden überhaupt noch persönliche Beratungsgespräche wünschen.

„Die informieren sich im Internet, vergleichen Tarife, lesen Empfehlungen und erwarten einen digitalen Service“, sagt Niederwieser. „Das macht manchen Kaufleuten im Vertrieb Angst.“ Die stellen sich die Frage, ob sie als Berater noch gebraucht werden oder ob sie in Zukunft von einem Chatbot ersetzt werden. „Diese Angst will ich ihnen nehmen“, sagt die 44-Jährige.

Die Unsicherheit im Angesicht des ständigen technischen Wandels kennen viele Menschen. Neue Technologien haben in den letzten Jahren unsere Arbeit und unsere Leben gehörig verändert. Wir nutzen neue Kommunikationskanäle und Programme, wir sollen immer häufiger neue Produkte entwickeln und testen, wir müssen schneller Entscheidungen treffen. In vielen Unternehmen und Organisationen sprengt die Digitalisierung Geschäftsmodelle und Arbeitsabläufe.

Aber, fragen sich viele: Verändert sich nicht nur unsere Arbeit – verändern wir uns auch? Beziehungsweise: Verändern wir uns genug? Sind wir diesen Entwicklungen gewachsen und für die kommenden zehn, 20 oder 30 Jahre unseres Berufslebens gewappnet? Wird es unsere Jobs in Zukunft überhaupt noch geben?

Selbst gut ausgebildete, erfahrene Menschen spüren diese Unsicherheiten, wenn sie merken, dass sie mit ihren klassischen Bildungs- und Karrierebiografien an Grenzen stoßen. Bei den Diskussionen über Digitalisierung, Transformation und Innovationen stehen jetzt junge Turnschuhträger im Mittelpunkt, die scheinbar mühelos mit Design-Thinking und Scrum-Methoden die Zukunftsformeln zaubern. „Da haben selbst gestandene Manager das Gefühl, nur noch von der Seitenlinie zuzuschauen“, sagt Hans Ochmann, Partner bei der Unternehmensberatung Kienbaum.

Die Losung, die Chefs, Personaler und Berater angesichts dessen oft anführen, heißt: dazulernen – ein Leben lang. Wenn die Anforderungen sich ändern, müssen wir uns eben anpassen. Doch was dieses „lebenslange Lernen“ konkret bedeuten soll, bleibt dabei oft im Ungefähren.

Capital hat mit zahlreichen Experten und Betroffenen gesprochen, hat sich angeschaut, wie sich Konzerne, Unternehmer und Angestellte auf die großen Veränderungen unserer Zeit einlassen – und: was jeder Einzelne tun kann. Denn auch wenn für viele „lebenslang“ nach „lebenslänglich“ klingen mag und eher nach Strafe als nach Versprechen – es geht beim lebenslangen Lernen weniger darum, bestimmte Qualifikationen zu pauken, als um eine Einstellung: Offenheit für Veränderung.

Einer der größten Arbeitgeber der Welt sitzt in Bonn, mit Blick über den Rhein. Es ist die Deutsche Post DHL Group. Seit knapp zwei Jahren ist Thomas Ogilvie dort als Personalvorstand für die Beschäftigten zuständig: 550 000 Leute rund um den Globus. Wie Unternehmen auf den Wandel der Arbeitswelt reagieren, ist für ihn ein Dauerthema.

Die Post nämlich geht davon aus, dass 30 bis 35 Prozent aller Tätigkeiten, die bislang Menschen ausüben, bis 2030 automatisiert werden können. Es ist eine typische Prognose, Forschungsinstitute entwerfen ähnliche Szenarien für die Arbeitsmärkte: Danach tilge die Digitalisierung bis 2022 weltweit 75 Millionen Jobs (Weltwirtschaftsforum), innerhalb von 20 Jahren würden es 47 Prozent sein (Universität Oxford), in Deutschland sei seit 2016 jeder vierte Beschäftigte bedroht (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung).

Ogilvie mag sich von den Zahlen nicht schrecken lassen. „Wir glauben trotzdem fest daran, dass auch in 30 Jahren der überwiegende Teil unserer Wertschöpfung durch Menschen erbracht werden wird“, sagt er. Das muss der promovierte Psychologe allerdings auch seinen Mitarbeitern glaubhaft vermitteln, die in Deutschland im Schnitt 44 Jahre alt sind und davon ausgehen, dass sie noch eine Weile arbeiten müssen.

Welche der über 1 000 verschiedenen Tätigkeiten im Konzern werden bleiben, welche nicht? „Wir haben angefangen, solche Jobprofile, bei denen wir die größten Veränderungen erwarten, zu priorisieren“, sagt Ogilvie. „Für uns ist es wichtig, so etwas langfristig zu planen, gut zu erklären und dann sukzessive umzusetzen.“