InterviewRisiko für Märkte durch Ukraine-Krise

Die besten Aussichten haben die USA, meint DIW-Ökonom Ferdinand Fichtner
Die besten Aussichten haben die USA, meint DIW-Ökonom Ferdinand Fichtner
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Ferdinand Fichtner leitet die Abteilung Konkunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin

 


Werden die jüngst beschlossenen Wirtschaftssanktionen spürbare Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben?

Die Sanktionen könnten die wirtschaftliche Entwicklung in Russland merklich dämpfen und die dort ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich unter Druck setzen. Dabei dürften insbesondere die Sanktionen im finanzwirtschaftlichen Bereich Auswirkungen haben, denn sie erschweren die Refinanzierung für russische Unternehmen. Auch mittelfristig könnte die wirtschaftliche Entwicklung in Russland durch die Krise und die Sanktionen beeinträchtigt werden, denn internationale Investoren werden abgeschreckt.

Wie gefährlich sind die Auswirkungen der Ukraine-Krise für die deutsche Wirtschaft?

Die unmittelbaren Auswirkungen über die Handelsströme sind wohl eher gering. Russland ist zwar kein ganz unwichtiger Handelspartner, aber die ausbleibende Nachfrage nach deutschen Exportgütern aus der Krisenregion dürfte aus gesamtwirtschaftlicher Sicht kaum spürbar sein. Gefährlicher sind die indirekten Effekte, etwa über die Finanzmärkte.

Wie dürfte sich das deutsche Wachstum insgesamt in diesem Jahr entwickeln?

Die deutsche Wirtschaft wächst recht robust. Wir rechnen mit fast zwei Prozent für dieses Jahr. Allerdings sind die geopolitischen Risiken für die deutsche Wirtschaft zuletzt deutlich gestiegen, nicht nur in der Ukraine, sondern auch im Nahen Osten.

Wird die Ukraine-Krise deutliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft insgesamt haben?

Vor allem über die Finanzmärkte geht von der Krise ein erhebliches Risiko aus. Die Krise selbst, aber auch die Sanktionen, könnten die Spannungen an den Kapitalmärkten spürbar erhöhen. Da sowohl in den USA als auch in Europa die Finanzmärkte immer noch recht fragil sind, ist nicht auszuschließen, dass die Nervosität an den Märkten auch auf die Weltwirtschaft als ganze Auswirkungen hat.

Wie groß ist derzeit das Risiko von beschleunigter Inflation in Deutschland?

Wir sehen derzeit keine Inflationsgefahr in Deutschland. Eine leichte Beschleunigung der Preissteigerung ist zwar zu erwarten; insgesamt bleibt die Inflation aber sehr niedrig und insbesondere deutlich unter zwei Prozent.

Wie groß ist die Gefahr einer Deflation in Europa?

Eine Deflation im Euroraum bleibt ein ernst zu nehmendes Risiko. Die Auslastung der Kapazitäten ist weiterhin äußerst niedrig, in vielen Ländern steigen die Löhne und Preise kaum. Auch die Inflationserwartungen weisen weiterhin auf eine anhaltend sehr niedrige Inflation hin.

Für welche große Volkswirtschaft sind die konjunkturellen Aussichten derzeit am besten?

Unter den großen Volkswirtschaften stehen insbesondere die USA gut da. Die Wirtschaft scheint die Folgen der Finanzkrise recht gut verdaut zu haben und sich allmählich weiter zu erholen. Aber auch Deutschland dürfte sich im internationalen Vergleich recht günstig entwickeln.

Was sind derzeit die größten Risiken für die Weltkonjunktur (jenseits der Ukraine-Krise)?

Die Ölpreise zeigen sich bisher erstaunlich wenig beeindruckt durch die Spannungen im Nahen Osten; es ist nicht auszuschließen, dass es zu einem Anstieg der Energiepreise kommt, der die Weltkonjunktur schwächen könnte. Ein weiteres Risiko geht – wie im vergangenen Sommer gesehen – von dem Ausstieg aus der sehr expansiven Geldpolitik in den USA aus, der zu einem Anstieg der Zinsen nicht nur dort, sondern insbesondere auch in den Schwellenländern führen könnte.

Droht durch die Probleme in Portugals Bankensektor ein Wiederaufflammen der Euro-Krise?

Nein, die Krise scheint durch die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, erforderlichenfalls stabilisierend auf den Märkten einzugreifen, wirksam gestoppt worden zu sein. Gelöst ist sie damit freilich noch lange nicht. Der europäischen Politik steht noch viel Arbeit bevor, um das institutionelle Fundament der Währungsunion so neu zu gestalten, dass eine Krise künftig verhindert wird.

Was ist bei der Zinspolitik der EZB mittelfristig zu erwarten?

Bei der Zinspolitik erwarte ich kurzfristig keine Änderungen mehr; der Spielraum der konventionellen Geldpolitik ist ausgereizt.