GastkommentarWarum Frauen das Netzwerken unterschätzen

Sheryl Sandberg
Facebook-COO Sheryl Sandberg gilt als Vorzeigefrau in Sachen Netzwerken. Viele Frauen unterschätzen den Wert des Kontakteknüpfens
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Schenkt man Erhebungen von Businessnetzportalen Glauben, werden 50 Prozent aller Jobs über Kontakte vergeben. Doch während Männer ihre Kontakte aus dem Studium oder Wehrdienst teilweise weit in den Job hinein fortführen, liegt die berufliche Vernetzung bei Frauen eher brach. In Familie und Partnerschaft oft Treiber für soziale Kontakte, verzichten sie im Job zugunsten privater Prioritäten auf das gemeinsame Feierabendbier mit Kollegen oder den Besuch einer Branchenveranstaltung.

Hinzu kommt, dass das Konkurrenzdenken unter Frauen stärker ausgeprägt zu sein scheint als das Erkennen eines Nutzwertes im Netzwerken. Was sie dabei unterschätzen: Jede beruflich orientierte Kontaktpflege, jedes Zusammentreffen mit Kollegen, Mitbewerbern oder möglichen Mentoren ist eine Gutschrift auf dem Karrierekonto. Und ein gut geknüpftes Netzwerk ist weitaus tragfähiger als die Maschen weniger loser Kontakte, wenn es zum Sturz aus der luftigen Höhe des beruflichen Drahtseils kommt. Warum tun sich Frauen trotz vieler guter Gründe also schwer mit dem gegenseitigen Verknüpfen? Fünf Hinderungsgründe:

#1 Konkurrenz statt Kooperation

Gerade zu Karrierebeginn vermeiden ehrgeizige Frauen es, sich zu öffnen. Ihre Sorge: Sie könnten durch den intensiven Austausch Schwachstellen offenlegen oder allein durch die Tatsache, dass sie sich in Netzwerken engagieren, unnötige Angriffsflächen für Kollegen und Vorgesetzte bieten. Doch auch im fortgeschrittenen Karrierestadium steht das Konkurrenzdenken Frauen im Wege. Dann nämlich fürchten gestandene erfolgreiche Frauen um ihre hart erarbeiteten Pfründe, wenn sie jüngere Geschlechtsgenossinnen an ihrem Wissen und ihren Kontakten teilhaben lassen.

#2 Falsche Prioritäten

Wer vorankommen will, sollte Zeit ins Netzwerken investieren. Das bedeutet, zwei Abende in der Woche sollten der Kontaktpflege oder dem Besuch von branchenspezifischen Veranstaltungen gewidmet sein. Das beschert nicht nur nützliche Hintergrundinformationen, sondern auch wertvolle Kontakte. Doch etliche Frauen setzen ihre Prioritäten hier aufs Privatleben. Arbeitende Mütter eilen mit schlechtem Gewissen nach Hause, andere legen den Fokus auf Freunde, Hobbies und Partner. Doch wer private Termine stets über berufliche stellt, verspielt Chancen auf Unterstützung, Verständnis und Weiterentwicklung.

#3 Gut gehegte Vorurteile

Sei es die Auffassung, dass weibliche Businessnetzwerke nur jene Frauen aufsuchen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, beruflich voranzukommen oder die Überzeugung, dass organsierte Netzwerktreffen eigentlich nur eine Art Kaffeeklatsch seien – bei vielen herrscht der Glauben vor, der Besuch von entsprechenden Veranstaltungen sei reine Zeitverschwendung. Eine fatale Fehleinschätzung: Mitunter bereitet eine Begegnung bei solchen Treffen ein künftiges Geschäft vor. Der fachliche Austausch erweitert das eigene Know-how und eröffnet neue Perspektiven. Die Zeit, die hier aufgewendet wird, ist gut investiert – und weitaus mehr als ein Kaffeekränzchen.

#4 Mangelnder Mut

In den Köpfen konservativer Menschen gelten weibliche Bündnisse im Business als Hort kämpferischer Emanzen. Gerade bei männlichen Kollegen und Vorgesetzten ist dann die Skepsis groß. Anders als in skandinavischen Ländern, wo Frauennetzwerke gang und gäbe sind, hängt es hierzulande stark von der Unternehmensphilosophie ab, ob Frauen in Führungspositionen Förderung und Unterstützung erfahren. Dort, wo wenig Aufgeschlossenheit gegenüber weiblichen Führungskräften herrscht, trauen sich Frauen dann nicht, Mitglied in einem weiblichen Netzwerk zu werden, um Imageschäden zu vermeiden. Anstelle eigener Vorurteile dominieren hier die Vorurteile des Umfelds das Handeln von Frauen.

#5 Warten statt Taten

Netzwerke fallen einem nicht immer in den Schoß. Doch gerade wenn Frauen in einer Branche tätig sind, wo persönliche Kontakte stark über das berufliche Vorankommen entscheiden, gilt es, sich die Gelegenheiten zum Netzwerken selbst zu schaffen statt auf sie zu warten und dann allzu oft verstreichen zu lassen. Zielorientiertes Handeln ist gefragt, doch zögerliches Handeln herrscht vor. Dabei gibt es etliche einfache Anknüpfungspunkte für ein tragfähiges Netz: Sei es der Besuch einer Fortbildung, nach der sich neue Kontakte pflegen lassen oder der Aufbau eines guten Drahts zum Alphamännchen im Team, also zu jenen Schlüsselfiguren, die Wohl und Wehe der eigenen Karriere erheblich beeinflussen können.

Im Grunde unseres Herzens sind wir Frauen geborene Netzwerkerinnen. Es wird Zeit, dass wir diese Eigenschaft auch zugunsten unserer beruflichen Karriere zielgerichtet einsetzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel brachte den Nutzen bei einem parteiinternen Netzwerkerinnen-Treffen auf den Punkt: Netzwerke dienen Erfolgen, und zwar gemeinsamen wie persönlichen Erfolgen. Dabei sei eines gewiss: „Netzwerke sind umso stärker, je größer die Beteiligung ist und je mehr Knoten sich bilden können.“ Also, knüpfen Sie los!


Sabine Huppertz-Helmhold hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der pharmazeutischen Industrie. Sie ist Geschäftsführerin von Professional Pharma Partner und berät Pharmaunternehmen. Für die Autorin bringt Netzwerken nicht nur den Kontakt zu interessanten Frauen, sondern auch zu neuen Rollenmodellen. Neben der Erweiterung des persönlichen und geschäftlichen Horizonts hat sich für Huppertz-Helmhold dadurch schon manch konkretes Geschäft ergeben. Derzeit ist sie Vorstandsmitglied des Businessnetzwerks Healthcare Frauen e.V.