KolumneHomeoffice – der destruktive „Floating-Tank“ unserer Arbeitswelt

Markus VäthPR

Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Familie Urlaub im bayerischen Ruhpolding gemacht. Mal weg von dem ganzen Stress, in eine Wellness-Oase. Der Oasenbesitzer zeigte uns stolz das komplette Haus und beendete seine Führung vor drei sogenannten „Floating-Tanks“. Diese Floating-Tanks sind in Form und Größe Särgen nicht unähnlich. Im Grunde sind sie genau das: Wellness-Särge. Man legt sich in einen Floating-Tank, wird sanft auf Salzwasser gebettet (sodass man das Gefühl hat, zu schweben) und schließt die Augen. Sodann wird der Deckel über einem geschlossen, und man versinkt wohlig in der samtenen Schwärze des Dunkels und der Stille – solange man nicht wie ich klaustrophobisch veranlagt ist. Gott sei Dank gelang es mir, die Sarg-Offerte des Hausherren abzuwehren. Aus dem Traum-Urlaub wäre sonst ganz sicher ein Trauma-Urlaub geworden.

Deutschland liegt kollektiv im Floating-Tank

Warum erzähle ich Ihnen das? Ich habe das Gefühl, wir liegen als Gesellschaft im Moment alle zusammen im Floating-Tank. Besser gesagt: in 82 Millionen Floating-Tanks. Liegt man zu lange in einem solchen Tank, fängt das Gehirn an zu halluzinieren. Dann hört, sieht und fühlt man Dinge, die nicht da sind. Unser Gehirn konstruiert sich seine Wirklichkeit – weil es keine Sinnesberührung mehr mit der Realität hat. So wie eine Ente, die sich für einen Adler hält. Oder für eine Duschwanne. Denn bei Halluzinationen kommen selten buchstäblich „sinnvolle“ Dinge heraus. Eher so eine Art „Moulin Rouge“, nur mit Tieren und auf LSD. Den Mechanismus dieses Realitätsentzugs der Sinne nennt man sensorische Deprivation; sowas wird übrigens von ungezogenen Regimen rund um den Globus zuweilen auch gern als Foltermethode benutzt.

Aber wir müssen gar keine Schauerkulisse eines Folterregimes bemühen. Im heimischen Lockdown sitzen wir alle mehr oder weniger in unserem eigenen Floating-Tank, verlieren nach und nach den Kontakt zur Außenwelt, bis wir uns zwangsweise unsere eigene Realität stricken. Machen wir sonst vielleicht auch – nur werden wir durch soziale Kontrolle vom Umfeld immer wieder aufgefangen. Stattdessen verstärken wir nun destruktive Gedanken durch Social-Media-Konsum oder durch die zwangsläufige Vereinsamung. Die bisherigen Höhepunkte dieser Floating-Tank-Existenz lassen sich jeden Tag in den Nachrichten verfolgen, in Form von Querdenker-Demos, Impf-Fake-News, aber auch steigenden Selbstmordraten, der immer dramatischeren Zunahme von jugendlichen Depressionen oder Kindern, die komplett den Anschluss an Schule und Freunde verlieren.

Homeoffice ist nicht die strahlende Zukunft

Wenn uns die Pandemie eins gezeigt hat, dann, dass wir raus müssen aus unseren individuellen Floating-Tanks. Wir müssen aufhören, an unserer eigenen Realität zu stricken und uns wieder lustvoll, pardon, aneinander reiben. Das betrifft unsere Diskussionskultur genauso wie Fake News, aber auch die für mich schwer verständliche Begeisterung für Homeoffice. Wir Menschen sind soziale Wesen – und ausgerechnet bei einer so wichtigen Angelegenheit wie Arbeit sollen wir uns langfristig ins eigene Kabuff verkriechen? Dabei ist die Motivation für die Kampagne pro Homeoffice in der Regel durchaus klar: Arbeitgeber sparen ein Menge Geld. Gerade hat Google verkündet, man wolle durch permanentes Homeoffice pro Jahr 1 Mrd. Dollar an Bürokosten, Miete etc. sparen. Schön für Google – aber wollen wir wirklich alle in unseren eigenen kleinen Floating-Tank?

Auch Microsoft hat das Homeoffice-Phänomen untersucht. In einer aktuellen, groß angelegten Studie an 31.000 Mitarbeitern waren vor allem zwei Ergebnisse bemerkenswert: Es waren die Jüngeren, nicht die Älteren, die besonders unter der Homeoffice-Situation litten. Nichts da von wegen „die Älteren können sich ja gar nicht umgewöhnen“. Und zweitens betrachteten Führungskräfte Homeoffice als deutlich positiver als ihre Mitarbeiter. Kein Wunder: Hat man sowieso mehr gefühlte Macht und Handlungsfreiheit, kommt einem der eigene Floating-Tank wahrscheinlich auch größer vor.

Wir müssen wieder streiten lernen

Gesundheitsminister Jens Spahn hat vor etlichen Monaten den mittlerweile legendären Ausspruch getan, am Ende der Pandemie werde man sich womöglich vieles gegenseitig verzeihen müssen. Sich verzeihen setzt aber voraus, dass man sich vorher unter gegenseitigem Respekt gestritten hat. Oft findet aber in unserer Gesellschaft (oder unseren Unternehmen) gar kein Streit mehr statt. Vielmehr schiebt jeder den Deckel seines Floating-Tanks mal kurz zur Seite, um sich gegenseitig via Twitter oder Facebook anzubrüllen. Oder man lässt den Deckel zu und denkt: Lohnt sich ja eh nicht. Lust an einer gemeinsamen Realität und einer gemeinsamen Zukunft entsteht so allerdings nicht – weder in Unternehmen noch in der Gesellschaft.

Ja, Auseinandersetzung ist anstrengend. Aber Themen wie Zukunft, Innovation, kollektive Werte leben vom Streit. Verlassen wir also unsere Floating-Tanks, überdenken wir die Stellung von Homeoffice und streiten wir respektvoll um die Zukunft. Denn wir brauchen einander. Und wir haben mehr gemeinsam als wir gerne glauben wollen.

 


Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt.