GastkommentarHelden in Not? Die Angst der Männer vor Gleichstellung

Helden braucht das Land
Helden braucht das Land Pixlr

Martina Lackner

Ob die Diskussion über Thomas und Michael in den Topführungsetagen, über Quotenverweigerer und Befürworter oder warum Frauen in Führung kommen sollen – wir arbeiten uns an den immer gleichen Fragen der Frauenförderung ab. Doch weder Diversityveranstaltungen noch Studien, die für Frauen im Management sprechen, oder Bekenntnisse von Unternehmen, dass Vielfalt ihre Maxime sei, vermögen es, das Missverhältnis der Geschlechter in den deutschen Chefetagen entscheidend zu verändern. Unser Tun und Reden, in das Mann und Frau viel Energie stecken, zeigt wenig Wirkung, geschweige denn nachhaltige Verhaltensänderungen von Entscheidern. Nun kommt die Quote, für manche ein Meilenstein, für andere ein Tröpfchen auf dem heißen Stein, daher auch Miniquote genannt.

Widmen wir uns doch lieber der Frage, warum sich deutsche Männer so schwer tun mit Gleichstellung. Es geht um Macht und Machtspiele, um Machos und Aggressionen, mehr noch: um das Feindbild Frau, wie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vor einiger Zeit titelte. Was steckt hinter den Machtspielen, dem Machismus und den vermeintlichen Feindbildern? Als Psychologin und Psychotherapeutin habe ich mich in den vergangenen Jahren intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Eine tiefenpsychologische Untersuchung in deutschen Unternehmen, die ich 2020 zusammen mit Kolleginnen zu den verborgenen Karrierewiderständen von Frauen durchführte, eröffnete mir einen ganz anderen Blickwinkel auf das Thema Gleichstellung.

Wer hartnäckig abwehrt, wird von tiefsitzender Angst angetrieben

So hart und zäh wie die Diskussionen und Entscheidungen um Quoten, Genderthemen und Diversity selbst in der Politik sind, muss man davon ausgehen, dass die gesamte Gleichstellungsdiskussion im Kontext bewusster oder unbewusster Ängste der männlichen Entscheidungsträger steht. Wer so hartnäckig in den Widerstand geht und seine Pfründe verteidigt, legt ein Abwehrverhalten an den Tag, das nur durch tiefsitzende Angstgefühle getriggert sein kann. Mit anderen Worten: äußerlich sichtbar sind Drohgebärden und Dominanzgehabe, im verborgenen Inneren spielt sich das Gegenteil davon ab. Kann es sein, dass wir im Grunde genommen männliche Führungskräfte haben, die aus finanzieller oder psychischer Not heraus in massiven Widerstand gehen? Haben wir Helden in Not?

Werfen wir einen Blick auf mögliche Szenarien, die Männer schaden könnten, wenn sie Frauen in Führungspositionen bringen. Die Quote wird zwar verhindern, dass Vorstandsetagen rein männlich dominiert sind, aber sie wird vermutlich keinen Drehtüreffekt verhindern. Selbst der beste Kündigungsschutz hilft nicht, wenn man Menschen loswerden will. Wird die kompetente Frau zur Bedrohung und zwingt den Helden zum Kampf?

Finanzielle Not

Mehr Frauen in Führungspositionen bedeuten weniger Toppositionen für Männer. Wenn ein Mann eine Frau in Führung bringt, könnte der Fall eintreten, dass sie besser ist als er und irgendwann seine Position einnimmt. Deshalb wird jede Frau, die schwanger wird, lange in Elternzeit bleibt und nur in Teilzeit zurückkehrt, eigentlich heimlich willkommen geheißen. Eine Konkurrenz weniger.

Wer sich als Mann jedoch als Ernährer der Familie begreift, oder von der eigenen Partnerin und der Gesellschaft in diese Rolle gedrängt wird, wird darum kämpfen, seine Position zu erhalten. Denn an seinem Einkommen hängen Kredite, Haus, Kinder, eine Frau, die gar nicht oder nur in Teilzeit arbeitet, und vieles mehr. Verständlich, dass Männer ihre materielle Existenzsicherung nicht einfach hergeben wollen. Der Kampf der Geschlechtsgenossen untereinander ist schließlich schon aufreibend genug.

Psychische Not

Die Identität des deutschen Erfolgsmanns ist zu mehr als 100 Prozent auf Leistung und Erfolg gebaut. Erfolgreich ist Mann in Deutschland, wenn er Tag und Nacht arbeitet und dann irgendwann den CEO-Titel errungen hat. Und wer das als Mann in seiner Karriere nicht vorweisen kann, ist überspitzt formuliert kein wirklicher Mann, der über kein richtiges Lebenskonzept verfügt. Ein richtiges Lebenskonzept beinhaltet nach der bisher weitverbreiteten Definition eines deutschen Mannes keine Kinderbetreuung, keine paritätische Verteilung von Haushalt und vielfach auch keine Work-Life-Balance. Mann gibt alles für den Job.

Wenn solche Männer dann noch von einer Frau überholt und künftig von ihr geführt werden sollen, wird das zur Schmach. Hier prallen zunehmende Kompetenz von Frauen und das jahrtausendealte Bild von der Überlegenheit des Mannes aufeinander und zerlegen ein lang gehegtes Männerbild. Hochqualifizierte und kompetente Frauen werden zur Bedrohung für Männer, die sich bisher über Status, Rolle und Funktion definieren konnten, weil sie an den Grundfesten der Identität des Mannes rütteln. Der Kampf um die eigene Identität wird zum Überlebenskampf, vor allem in psychischer Hinsicht. Es geht um Daseins- und Existenzberechtigung, um „Leben und Tod.“

Bei all den Diskussionen gegen oder für Geschlechtergerechtigkeit haben wir bisher immer nur die Not der Frauen gesehen, nie aber die Not von Männern. Warum nicht? Weil sie nicht als Not erkannt wird. Not und Ängste bei Männern sind eines der größten Tabus der Menschheitsgeschichte. Ein echter Held, auch wenn er in Not ist, ist erstens nie in Not und hat zweitens nie Angst. Er lässt sprichwörtlich Rauchbomben fallen, damit nicht gesehen wird, in welchem Zustand er tatsächlich ist. Wer viel Nebel produziert, hat viel zu verbergen.

Männer werden an ihrem Umgang mit der Quote gemessen werden

Und was bedeutet das für die Einführung der Quote? Keine Frage, sie ist ein wichtiges Instrument in Bezug auf Geschlechterparität in den Vorstandsetagen. Doch die Problematik dahinter wird sie nicht zu lösen vermögen. Es braucht mutige Männer, die sich ihrer eigenen Angst stellen und als Rollenmodell in den Unternehmen wirken. Sie werden daran gemessen werden, wie sie mit den eigenen Kolleginnen umgehen, die sie nun über die Quote ertragen müssen. Ja, ertragen. Weil Frauen sie in Persona permanent mit ihren eigenen Gefühlen der Unterlegenheit konfrontieren. Das ist unangenehm.

Gemessen werden die Männer in Deutschlands Unternehmen, in den Führungsebenen und jenseits davon, vor allem an ihren Taten. Und nicht an netten Alibi-Aktionen zur Frauenförderung, nicht an lauwarmen Worten im Personalgespräch, nicht an Hochglanzbroschüren zum Thema Diversity oder netten Videos über ihre angeblichen Heldentaten auf LinkedIn.

Deutschland: Wo sind deine mutigen Männer?

 


Martina Lackner, Psychologin, Autorin und Unternehmerin, hat sich 2019 in einem vierköpfigen Team mit Expertinnen auf den Gebieten weibliche Identität und Frauenförderung, Führungskräfteentwicklung, Psychologie sowie systemische Familien- und Psychotherapie zusammengeschlossen, um zum Thema Karrierehemmnisse von Frauen zu forschen (Side by Side-Studie: eine psychologische Untersuchung verborgener Karrierewiderstände hochqualifizierter Frauen). Zudem bietet Lackner psychologisches Profiling zur Potenzialanalyse von weiblichen und männlichen Führungskräften an.