KolumneGebt jungen Menschen einen Platz am Tisch!

Symbolbild: Mitarbeiter im Meeting
Symbolbild: Mitarbeiter im MeetingFlickr

„Totaaal langweilig!“ – Nikki spielte mir ein Gähnen vor und schaute mich verschmitzt an.

Nikki arbeitet bei uns im Büro und ist unsere studentische Hilfskraft. Sie ist Amerikanerin und sollte als Muttersprachlerin über einen englischen Text schauen, den ich verfasst hatte. Und offenbar war das, was ich da geschrieben hatte, in ihren Augen wenig spannend.

„Wieso total langweilig?“, wollte ich wissen.

„Na, echt, der ganze Stil. Lesen das nur alte Leute?“

Ich schluckte, runzelte die Stirn und schnappte mir den Ausdruck, um den Text nochmal zu lesen.

„Okay, Nikki“, sagte ich dann und grinste. „So schreibe ich solche Texte seit Jahren.“ Dann zerknüllte ich das Papier und warf es im hohen Bogen in den Papierkorb. „Aber du hast recht. Der Text könnte wirklich aufregender sein. Jetzt sehe ich’s auch.“

Sag uns, was du nicht gut findest!

Ich arbeite gern mit unseren studentischen Hilfskräften. Zum einen sind es aufgeweckte Geister. Zum anderen halten mir diese jungen Leute, die etwa halb so alt sind wie ich, immer wieder einen Spiegel vor: Wo bin ich mal wieder nicht auf dem Laufenden? Wo bin ich betriebsblind? Womit sollte ich mich mal genauer befassen? Es geht also darum, frisch im Kopf zu bleiben, Neugierde und Offenheit zu kultivieren, ohne dabei wie ein peinlicher, übereifriger Oldie auszusehen.

Meine Überzeugung: Wir hören nicht auf, offen und lernwillig zu sein, weil wir älter werden. Wir werden alt, weil wir aufhören, offen und lernwillig zu sein.

Die Studenten, die für uns in unserem Büro in Heidelberg arbeiten beziehungsweise bis zu ihrem Studienabschluss gearbeitet haben, sind sehr unterschiedlich. Nikki aus Texas ist Germanistik- und Slawistik-Studentin, ihre Vorgängerin war eine angehende Grundschullehrerin und deren Vorgänger war ein Psychologiestudent. Diese Vielfalt bringt neue Blickwinkel und frischen Wind mit sich.

Wenn wir Studenten beschäftigen, dann wollen wir uns von ihnen in administrativen Dingen unterstützen lassen und ihnen gleichzeitig ein paar Dinge vermitteln, die ihnen beim Berufseinstieg zugute kommen. Und das dritte Ziel: Wir wollen von ihnen lernen! Das nennen wir: umgekehrtes Mentoring.

Klassisches Mentoring ist in vielen Unternehmen ein alter Hut und fester Bestandteil der Personalentwicklung. Dabei werden junge Nachwuchskräfte von erfahrenen – und zumeist älteren – Mentoren gecoacht. Beim umgekehrten Mentoring sind die Rollen vertauscht: Hier „coacht“ der junge und weniger erfahrene Mitarbeiter den alten Hasen.

Bei uns geht es beispielsweise darum, dass die Studenten mit unverstelltem Blick auf unsere Prozesse und Praktiken schauen. Die Einsichten können manchmal ziemlich schockierend sein. Solange wir jedoch bereit ist, unser Ego hintenanzustellen und Killerphrasen wie „Das funktioniert doch in der Praxis nicht“ oder „Grundsätzlich richtig, aber hier nicht anwendbar“ konsequent wegzulassen, kann das zu radikal interessanten Einsichten, Ideen oder Verbesserungen führen.

Mehr als nur Digital Natives

Natürlich muss man keine Werkstudenten oder Praktikanten einstellen, um umgekehrtes Mentoring zu praktizieren – obwohl das bei uns wie beschrieben sehr gut funktioniert. Sie können auch ganz einfach damit beginnen, die eigenen jungen Mitarbeiter dazu einzuladen.

So machen das Unternehmen wie Henkel oder die Messe München. Deren Vorsitzender der Geschäftsführung, Klaus Dittrich, trifft sich einmal pro Monat mit der Mitarbeiterin Gloria Volkheimer. Sie hilft ihm dabei, seine Digitalkompetenz zu erweitern. Er ist Anfang sechzig, sie Ende zwanzig und kennt sich mit Instagram, Twitter, Snapchat und Co. nun mal um Längen besser aus. In den persönlichen Treffen geht es um einen inspirierenden Austausch und Einblicke in den „digitalen Alltag“.

Das ist prima. Aber dennoch habe ich da ein großes, fettes ABER: Wem es beim umgekehrten Mentoring allein um Youtube, Snapchat, Instagram und dergleichen geht, der nutzt das Prinzip wie ein Auto, das nur im ersten Gang gefahren wird. Ein Millenial, der quasi in den Sozialen Medien lebt, kann den alten Recken selbstverständlich beibringen, wie man diese Kanäle nutzt oder interessante Videos bei Youtube findet. Wenn das aber alles ist, was der junge Mitarbeiter im umgekehrten Mentoring beisteuert, dann berauben sich beide Parteien der wirklichen Chance, die sich bietet.

Denn das Ganze kann weit mehr Tiefgang haben! Es kann eine symbiotische Beziehung sein, in der sich beide Parteien auch für neue Denkweisen, Gefühle, Annäherungen und Interaktionen interessieren. Im älteren, erfahreneren Mentor sieht der Jüngere, wer und was er eines Tages sein könnte – oder vielleicht auch bewusst nicht sein möchte. Bei den Jüngeren sieht der ältere, erfahrenere Mentor, wo er mal begonnen hat und wie anders die Welt von morgen sein wird. Vielleicht erinnert er sich an den eigenen Drang zu Veränderung und unkonventionellen Ideen, der sich aber im Lauf der Jahre abgeschliffen hat. So kann es ein Augenöffner, eine Inspiration und ein positiver Anstoß für beide Seiten sein. Beide werden dann zur Selbsteflexion und zum aktiven Hinterfragen der üblichen Denkmuster gedrängt. Im besten Sinne also ein Blick über den eigenen engen Horizont hinaus.

Das ist der wahre Wert des umgekehrten Mentorings. Darum: Gebt jungen Mentoren einen Platz am Tisch bei den wirklich wichtigen Sachen und hört ihnen genau zu! Vor allem, wenn es darum geht, was die als so richtig bescheuert, uninspirierend und totaaal langweilig empfinden…