InterviewErnst Feiler: vom Kino zum begehbaren Film

Ernst Feiler, Board Member & Director Technology UFA GmbH
Ernst Feiler, Board Member & Director Technology UFA GmbHUFA


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


 

Was hält Sie nachts wach?

Ungelöste Aufgaben.

Und zu denen gehören?

Also wenn man vom Groben zum Feinen geht, dann ist das vor allem der digitale Wandel. Wir sind hier in einem sehr traditionellen Medienunternehmen. Die UFA ist 100 Jahre alt und wahrscheinlich Europas ältestes Medienhaus im Bereich Film. Wir gehören zu Bertelsmann und haben einen sehr klaren Wertekatalog, der auch nach außen hin vermittelt wird. Wie begegnet man hier dem Digitalisierungsdruck, der längst alle Branchen erfasst hat, ganz besonders aber natürlich die Medien? Wie implementiert man adäquate Neuerungen in einem so traditionellen Unternehmen wie dem unseren – und das, indem man auch die Menschen mitnimmt, was ja eine unabdingbare Voraussetzung für jedweden Wandel sein sollte. Es gibt da ein paar Worte, die mein Chef mir zu Beginn meiner Karriere mit auf den Weg gab, und die für mich zu einer Art biblischen Weisheit geworden sind: „Du bist jetzt für die Technologie zuständig. Die Wahl der richtigen technischen Zukunftslösung macht dabei aber nur 20 Prozent Deiner Aufgabe aus. Ich gehe davon aus, dass Du die richtige Lösung finden wirst. 80 Prozent Deiner Aufgabe werden aber darin bestehen, die richtigen Menschen mitzunehmen, die wir brauchen werden, um unsere Vision umzusetzen.“

Das hat sich bis heute bewahrheitet, nur zugleich auch noch beschleunigt. Im Bewusstsein der Medienschaffenden ist die Technologie momentan in einer völlig anderen Situation als noch vor 50 Jahren. Für Produzenten wie die UFA blieben Technologien über weite Strecken der vergangenen 100 Jahre hinweg eher irrelevant, weil sie für alle gleich waren. Es gab kaum Unterschiede. Erst nach der Digitalisierung – IT und Internet – passierten zwei Dinge gleichzeitig: Distributionsseitig gibt es heute völlig neue Kanäle und Player. Wie man sieht, beherrschen große Technologiefirmen die Welt, nicht etwa Contentfirmen. Und diese Technologiefirmen kaufen sich einfach den benötigten emotionalen Content, ohne den es ja auch für sie nichts zu transportieren gäbe.

Was die Welt hören und sehen will, was der Mensch braucht, um sich zurechtzufinden, das ist eine Story, und die liefern weiterhin wir. Heute überlebt derjenige, der dazu in der Lage ist, beim Wandel auf Seiten der Distribution mitzugehen. Der auch produktionsseitig die neuen Möglichkeiten der IT intelligent managt. Die Produktion ist heute längst um das Hundertfache komplexer als während der ersten hundert Jahre der Filmgeschichte. Damit sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die etablierte Industrie komplett auf dem Kopf steht. Wenn ich abends ins Bett gehe und noch einen Mitarbeiter, einen Multiplikatoren oder einen Entscheider überzeugen und für unsere Reise gewinnen muss, dann raubt mir das den Schlaf.

Von welchem Unternehmen können Sie am meisten für Ihre Zukunft lernen und warum?

Ich mag Unternehmen, die eine Vision verfolgen, und zwar ganz unabhängig davon, ob am Ende der Profit auch fließt oder nicht. Deshalb lerne ich am meisten von Menschen, die mit aller Vehemenz und Konsequenz eine Idee verfolgen, die sie für richtig halten – und dabei aber auch zu lernen bereit bleiben. Bei uns nennt man diese Menschen Regisseure, Cutter, Hauptdarsteller. Das sind fast durchweg Überzeugungstäter … emotionale, innere Überzeugungstäter, die ihre Mission haben. Manchmal kommen da großartige Dinge heraus. „La La Land“ ist die schöne Geschichte eines Showrunners, der sich nicht verbiegen, nicht verkaufen lassen will und dessen Mission schließlich wirklich zum Kunstwerk wird.

Wenn Sie von Wandel sprechen, welche Art von Wandel meinen Sie dann?

Es gibt eine sehr konkrete Aufgabe, die momentan meinen Alltag prägt. In der Medienbranche ist das mit dem Schlagwort „Broadcast goes IT“ beschrieben. Das ist vergleichbar mit dem Wegfall der Setzer beim Springer-Verlag. Ganze Berufsgruppen und ihre Fertigkeiten werden irrelevant. Broadcast ist eine Technologie, die in den nächsten 10 Jahren sicher noch existieren wird, weil die Sender darauf aufgebaut sind. Aber es ist schon jetzt klar, dass neue Herausforderungen – beispielsweise 4K – mit dieser Technologie nicht mehr machbar sein werden. Das wird sich also im IT-Bereich abspielen müssen. Ein Großteil der produktionsseitigen Medienschaffenden, die heutzutage mit Broadcast ihr Geld verdienen, sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass über Jahrzehnte gesammeltes Wissen irrelevant wird. Eine der Hauptaufgaben liegt darin, diese Menschen dazu zu bewegen, sich dem Neuen in ihrem Alter noch einmal zu stellen. Sie müssen die neue Technologie annehmen und sich damit auseinanderzusetzen.

Welche Themen standen früher bei Ihnen im Fokus, was beschäftigt Sie heute und was erwarten Sie für die Zukunft?

Für Technologie im Medien-Business ist das eigentlich ganz einfach: Hundert Jahre Filmgeschichte waren dadurch geprägt, dass Menschen Ideen und Bilder hatten, die die Technologie nicht umsetzen konnte. Sehen Sie sich „Metropolis“ an oder die erste Staffel von „Star Wars“ – die Visionen und Bilder im Kopf des Menschen waren immer größer, als dies sich auf der Leinwand restlos überzeugend darstellen ließ. Mit fortschreitender IT-Power und mit Bildbearbeitungssystemen ist es seit dem Ende der 90er-Jahre auf der Technologieseite so, dass es kein Bild im Kopf eines Menschen mehr gibt, das nicht herstellbar wäre. Ich kann jedes Pixel manipulieren … entweder real, in Mixed Reality oder aber rein künstlich. Niemand kann mehr den Unterschied erkennen. Das ist eine neue Ära des Erzählens, eine neue Ära, wenn es um das Thema Glaubwürdigkeit geht.

In Zukunft ist es so, dass Geschichten via Mixed Reality erzählt werden. Das fängt beim E-Learning im Unternehmen an: Wenn ich meinen Onlinebogen ausfülle und ankreuze, die Arbeitsanweisungen gelesen zu haben, dann ist das zwar juristisch sauber, aber mehr auch nicht. Wenn das Ganze ein Entertainer in VR erzählt, der in meinem Raum steht und mir über eine HoloLens wie ein guter Uni-Dozent einen wirklich emotionalen und lustigen Vortrag liefert, dann habe ich einen ganz anderen Lerneffekt. Und das ist die Zukunft. Die Zukunft liegt darin, diesem 2D-Gefängnis des Geschichtenerzählens zu entkommen.

Wie wird sich die Filmbranche in Zukunft weiterentwickeln?

Die Fähigkeit der Filmbranche, Geschichten zu erzählen, wird bei immer mehr mittleren und großen Organisationen dieser Welt sehr geschätzt werden, denn nur über gutes Geschichten erzählen und über Entertainment lassen sich Menschen noch global erreichen. Außerdem kann man so Know-how in besonders hoher Geschwindigkeit vermitteln. Das Bewegt-Bild und das Storytelling werden in den Intranets dieser Welt an Bedeutung enorm zunehmen. Die Fähigkeit, Informationen aufzuarbeiten, wird ein viel gefragtes Gut werden.

Wie würden Sie das Bild einer Filmbranche der Zukunft beschreiben?

Mein Footprint, den ich hinterlassen will, ist der begehbare Film. Ich möchte eine tolle Story nicht länger nur auf einer 2D-Fläche haben, sondern will dabei sein. Nehmen wir mal einen schönen Film wie „Casablanca“. Ein schöner Klassiker, ein toller Liebesfilm. Jetzt sitze ich drei Meter entfernt, habe vielleicht eine 5.1-Anlage, aber mein visuelles Wahrnehmungsfeld ist zum Teil auf diesen Content konzentriert. Stellen Sie sich jetzt vor, Sie sind in dieser Lokalität, in diesem Restaurant. Nicht als aktiver Teilnehmer, sondern nur als Gast, der an einem Tisch sitzt, während die beiden gerade mit dem Pianisten am Klavier stehen. Ich kann diesen Moment verfolgen, von einem Winkel aus, den ich selbst bestimme. Dann bin ich dabei. Ich habe „Casablanca“ nicht nur gesehen, sondern war dabei. Der Unterschied zwischen einem Fußballspiel im Stadion und zu Hause: Das Eintauchen ist ein ganz anderes. Ich erinnere mich an fast alle Spiele, die ich vor Ort im Stadion erlebt habe, auch wenn es vielleicht in den letzten Jahren ein paar Dutzend waren. Von den TV-Übertragungen, die ich mir zu Hause angeschaut habe, kann ich mich hingegen nur an einen Bruchteil erinnern. Den Menschen mitzunehmen, das ist eigentlich die Königsklasse des Geschichtenerzählens. In Zukunft wird das viel mehr mit interaktivem Theater zu tun haben als mit klassischem Kino. Mein Footprint soll unbedingt sein, dass ich einer derjenigen gewesen sein möchte, der diese Bewegung zumindest von Anfang an unterstützt hat.