Business as Usual„Du bist nicht gut genug!“

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Symbolbild Büro dpa

Claas ist nicht nur beeindruckend schnell im Kopf, sondern auch ein wirklich liebenswerter Zeitgenosse. Als „absoluten Glücksgriff“ bezeichnet ihn der Geschäftsführer des Mittelständlers, für den Claas arbeitet. Der heutige Enddreißiger hatte nach seinem Studium im Controlling angefangen, doch schnell wurde er die rechte Hand des Chefs und dessen Allzweckwaffe für alle möglichen Projekte. Als dann vor ein paar Monaten der alte Produktionsleiter in den Ruhestand ging, übernahm Claas nicht nur die Produktion und Logistik, sondern eigentlich das gesamte operative Geschäft.

Seit diesem Zeitpunkt aber sei es schwierig mit ihm geworden, sagt Claas’ Chef. Obwohl er den Job sehr gut mache, sei er dünnhäutig, lasse sich schnell reizen, reagiere ungehalten – so habe er seinen Mitarbeiter nie vorher erlebt. Allmählich werde das zum Problem, und er wisse nicht, wie er damit umgehen solle.

Capital-Cover 04/2018
Die neue Capital

Für die vom Chef angeregten Beratungsgespräche mit mir nahm sich Claas nur sehr ungern Zeit. Er war mit seiner Aufmerksamkeit ganz woanders: zu viele operative Themen, zu wenig Zeit, um sich um alles zu kümmern. Er machte sich selbst Druck: Warum schaffte er nicht, was seinem Vorgänger mühelos gelungen war, warum dauerte bei ihm alles länger, warum war abends nie erledigt, was er sich vorgenommen hatte? Auch privat gab es Spannungen, weil seine Frau nicht damit einverstanden war, dass er die Familie vernachlässigte. Claas fühlte sich nicht nur massiv unter Druck gesetzt, sondern auch alleingelassen.

Dass es normal ist, wenn man ein paar Monate braucht, um sich in eine neue Rolle einzufinden, ließ er nicht gelten. Alles musste von Anfang an funktionieren, damit es nicht als persönliches Versagen eingestuft werden konnte. „Du bist nicht gut genug!“, flüsterte ihm permanent eine innere Stimme zu.

Claas brauchte eine rechte Hand

Bei genauem Hinsehen wurde jedoch schnell deutlich, dass Claas lediglich ein Kapazitätsproblem hatte. Und dafür fand sich am Ende eine einfache Lösung: ein Assistent. Eine rechte Hand, wie Claas früher selbst eine gewesen war. Einer, der E-Mails vorfilterte, Anrufe annahm, Dringliches von weniger Dringlichem trennte, der Claas schlicht den Rücken freihielt, um im Job und zu Hause den Kopf wieder über Wasser zu kriegen.

Nicht nur für überforderte Nachwuchskräfte steckt in dieser Geschichte eine Botschaft, sondern auch für ihre Chefs. Es macht Spaß, talentierte junge Menschen zu fördern und zu fordern. Aber je höhere Ansprüche solche Mitarbeiter an sich selbst haben, desto wichtiger ist es, darauf zu achten, dass sie sich nicht selbst überfordern. Wie man das macht? Hinschauen. So wie Claas’ Chef es getan hat.

Claas hat mittlerweile eine rechte Hand gefunden. Und begegnet seinen Kollegen seitdem wieder so liebenswert, wie sie ihn immer gekannt haben.