InterviewDie klassische "Why"-Frage

Saskia Bruysten, Mitgründerin von Yunus Social Business.
Saskia Bruysten, Mitgründerin von Yunus Social Business.Yunus Social Business

Saskia Bruysten startete ihre Karriere nach dem Studium als Beraterin bei der Boston Consulting Group. Dann begegnete sie Muhammad Yunus, der 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Zusammen mit ihm und Sophie Eisenmann gründete Saskia Bruysten Yunus Social Business, einen Venture Capital Fond, der weltweit Social Businesses unterstützt. Inzwischen hat das Unternehmen rund 70 Mitarbeiter. Saskia Bruysten, Jarhgang 1980, ist Teil der Jungen Elite von Capital.

Capital: Welche deiner Lebensstationen haben deine Karriere am meisten geprägt?

Saskia Bruysten: Zuerst sicherlich meine Kindheit und Jugend: in einem sehr behüteten Mittelschicht-Zuhause, wo immer galt „Wer hart arbeitet, erreicht was im Leben“. Diese Selbstverständlichkeit stellte ich zum ersten Mal in Frage, als ich während meines Studiums ein paar Monate in Argentinien verbracht habe. Dort brach gerade der Wert der Währung ein. Als ich gesehen habe, dass Menschen, die hart gearbeitet haben, von Heute auf Morgen ohne eigenes Zutun alles verlieren können, ist für mich diese Mittelstands-Blase geplatzt.

Wie haben sich diese Erfahrungen auf dein späteres Berufsleben ausgewirkt?

Wahrscheinlich am ehesten dadurch, dass ich verstehen wollte, wie Wirtschaft funktioniert. Das habe ich bei meinem ersten Job als Beraterin bei der Boston Consulting Group gelernt. Nach ein paar Jahren Berufserfahrung, mit Mitte 20, habe ich mir dann zum ersten Mal ernsthaft die Sinnfrage gestellt. Sicher immer noch beeinflusst durch die Ereignisse in Argentinien.

Die Frage nach dem Sinn deiner Arbeit?

Genau, die klassische Why-Frage. Ich habe dann ein Saskia-Future-File angelegt.

Das musst du erklären…

Ich habe eine Tabelle erstellt, gegliedert nach den verschiedenen Wirkungsbereichen, die mir einfielen, wie Politik, Unternehmen, NGOs. In die entsprechenden Spalten habe ich die Namen der Menschen geschrieben, die ich in diesen Bereichen kenne und die mir mehr über ihre Arbeit erzählen könnten.

Und die hast du dann nach dem Sinn ihrer Arbeit befragt?

Genau, ich habe mir eine Auszeit von der Arbeit genommen, um in London zu studieren. Gleichzeitig habe ich mich mit diesen Menschen getroffen, sie haben mir von ihrer Arbeit erzählt und mir wiederum andere Gesprächspartner empfohlen. So wurde das Future-File zu einer richtigen Kontakt-Datenbank.

„Ich werde durch mein Netzwerk inspiriert“

Hast du in diesen Gesprächen die Antwort auf die Why-Frage gefunden?

Mich hatte lange keine Tätigkeit so richtig gepackt. Geändert hat sich das erst, als ich in London bei einem Vortrag von Muhammad Yunus war, der von seinem Projekt der Mikrokredite erzählt hat und von einem Joint Venture mit Danone. Das hat für mich mit meinem Corporate-Hintergrund total Sinn gemacht. Das habe ich ihm dann geschrieben und mich mit ihm zum Austausch getroffen.

Später hast du mit Muhammad Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis bekommen hat, das Unternehmen Yunus Social Business gegründet. Wie wichtig ist also letztlich das Netzwerk für die Karriere?

Ich werde – und ich denke, so geht es den meisten Menschen – durch mein Netzwerk inspiriert. Wenn man sich mit Leuten umgibt, die nicht inspirierend sind, wirkt sich das auch auf die eigenen Ideen aus.

„Wir profitieren von der globalisierten Welt“

Bei Yunus seid ihr auf der Suche nach Startups, die profitabel sind und gleichzeitig gesellschaftliche Probleme lösen. Zu euren Investoren gehören reiche Privatpersonen, aber auch große Unternehmen. Woher kommt ihr Interesse an Philanthropie?

Saskia Bruysten mit Muhammad Yunus zu Besuch beim Social Business "Jali Organic" in Uganda.
Saskia Bruysten mit Muhammad Yunus zu Besuch beim Social Business „Jali Organic“ in Uganda.

Wir leben in einer globalisierten Welt, viele Probleme sind für uns weit weg. Dann kam die Flüchtlingskrise und hat uns allen gezeigt, dass die Welt nicht überall so schön ist, wie in Deutschland.

Deshalb besinnen sich Investoren ihrer gesellschaftlichen Verantwortung?

Wir profitieren von der globalisierten Welt. Wenn wir zum Beispiel ein T-Shirt für fünf Euro kaufen, liegt das daran, dass eine Näherin für ein paar Cent gearbeitet hat. Der Staat kann viel regeln, aber das reicht nicht. In manchen Ländern funktioniert nicht einmal der Staat. Es besteht eine starke Ungleichheit. Viele Menschen möchten gerne etwas zurückgeben. Außerdem kann man es auch so sehen: Wenn es allen besser geht, profitieren wiederum alle davon.

Ihr wählt die Social Businesses, die ihr unterstützt streng aus. Wie sieht so ein „Weltretter-Profil“ aus?

Wir fragen uns zuerst: Welches soziale Problem löst das Business und ist das in dem Land, in dem es agiert tatsächlich ein Problem? Dann schauen wir uns den Unternehmer an: Hat er die richtige Intention, die richtigen Fähigkeiten? Dann spielt noch eine Rolle, ob wir an das Geschäftsmodell glauben und ob sich das Potential skalieren lässt.

Was ist deiner Meinung nach derzeit das wichtigste Projekt auf der Welt, in das man unbedingt investieren sollte?

Die Armutsbekämpfung. Man kann sie in vielen Bereichen angehen: zum Beispiel beim Konsum, in der Energie- oder der Bildungspolitik. Wenn arm und reich weiter auseinander driften, wie es im Moment der Fall ist, werden wir das auch in Deutschland zu spüren bekommen.