EssayWer ist der Reichste?

Wer ist der reichste Mensch der Welt? Nach der Liste des Forbes-Magazine führt Microsoft-Gründer Bill Gates die Liste mit einem Vermögen von 76 Mrd. Dollar an. Er hat damit den mexikanischen Telekom-Mogul Carlos Slim auf Platz zwei verdrängt. Sein Vermögen wird auf 72 Mrd. Dollar taxiert.

Die Zahlen sind eindeutig, trotzdem aber stellt sich die Frage, wie diese Summen einzuordnen sind? Kann sich Slim in Mexiko mehr leisten las Gates in den USA? Und sind die beiden Superreichen im historischen Vergleich vielleicht gar nicht mehr so reich? Ist beispielsweise das Vermögen John D. Rockefellers höher einzuordnen.

Der Ökonom Branko Milanovic hat sich bereits im Jahr 2011 mit dieser Frage befasst und für Capital damals einen Essay geschrieben. Wir veröffentlichen den Artikel an dieser Stelle noch einmal, denn die Berechnungsmethode hat ihre Berechtigung behalten.

Wer ist der Reichste?

Crassus, Rockefeller, Slim – in der Geschichte der Zivilisation wurden immer wieder gigantische Vermögen angehäuft. Doch welches war am größten? Eine Jahrtausendberechnung. Von Branko Milanovic

Die Frustration über die ungerechte Verteilung des Wohlstands sitzt tief. Sie hat die „Occupy Wall Street“- Bewegung in den USA ausgelöst und ähnliche Aktionen in anderen Industrienationen. Doch ist die Ungleichheit wirklich extremer als früher? Wer war die reichste Person, die jemals auf der Erde gelebt hat?

Es ist nicht einfach, historische Vermögen mit aktuellen zu vergleichen. Wir haben keinen Wechselkurs für römische Sesterze oder für spanische Reales aus dem 17. Jahrhundert. Und was in diesem Fall Kaufkraftparität bedeutet, ist alles andere als klar. Rein theoretisch wäre die Lösung einfach: Mit x römischen Sesterzen lässt sich derselbe Korb von Waren und Dienstleistungen kaufen wie mit y heutigen Dollar. Das Problem ist nur: Die Warenkörbe haben sich verändert – es gab im alten Rom noch keine DVDs.

Und selbst wenn wir den Vergleich ausschließlich auf Waren beschränken, die damals wie heute existierten, müssen wir schnell feststellen, dass sich die relativen Preise beträchtlich verändert haben. Denn Dienstleistungen waren damals günstig, weil die Löhne gering waren. Heute ist Service insbesondere in den wohlhabenden Ländern teuer. Für Alltagswaren wie Brot oder Olivenöl gilt das Gegenteil.

Beginnen wir im alten Rom…

Um die Vermögensverhältnisse der Reichen in unterschiedlichen Jahrtausenden vergleichen zu können, ist es am vernünftigsten, sie im jeweiligen historischen Kontext zu betrachten. Das heißt konkret: Wie viele durchschnittlich ausgebildete Arbeitskräfte kann sich ein Mensch von seinem Vermögen und seinem Einkommen leisten? Der Indikator ist ein universelles Wohlstandsmaß. Schon Adam Smith schrieb vor über 200 Jahren, dass es von der Menge an Arbeit, über die jemand verfügen kann, abhängt, ob er arm oder reich ist. Diese Kennzahl berücksichtigt, wie sehr sich Produktivität und allgemeiner Wohlstand im Laufe der Zeit verbessert haben. So wird zum Beispiel das Einkommen von Microsoft-Gründer Bill Gates ins Verhältnis zum Durchschnittsverdienst aller Menschen gesetzt, die heute in den Vereinigten Staaten leben.

Ein idealer Ort, um mit der Suche nach dem reichsten Menschen aller Zeiten zu beginnen, ist das alte Rom.

Wir haben Informationen über das Vermögen der extrem Reichen der damaligen Zeit, zudem war die Wirtschaft ausreichend „modern“ und monetarisiert, um aussagekräftige Vergleiche zur Gegenwart zu ermöglichen.

Drei Einwohner der Ewigen Stadt sind besonders interessant. Das Vermögen des römischen Konsuls und Feldherren Marcus Crassus – nicht zu verwechseln mit dem griechischen König Krösus, dessen Name zum Inbegriff von Wohlstand wurde – soll um das Jahr 50 vor Christus rund 200 Mio. Sesterze betragen haben. Die Schatulle von Kaiser Augustus wurde im Jahr 14 nach Christus auf etwa 250 Mio. Sesterze geschätzt. Und der ehemalige Sklave Marcus Antonius Pallas war 40 Jahre später, unter der Herrschaft von Kaiser Nero, rund 300 Mio. Sesterze schwer.

Crassus, der mit seinem Vermögen unter anderem die Schulden Julius Cäsars bezahlte, gilt bis heute als Symbol für besonders üppigen Reichtum. Im „Goldenen Zeitalter“ Roms, also vor der Inflation des dritten Jahrhunderts, waren sechs Prozent Jahreszins üblich.

Bei diesem Satz und 200 Mio. Sesterze Vermögen beliefen sich die Jahreseinnahmen von Crassus auf schätzungsweise 12 Mio. Sesterze.

Das Durchschnittseinkommen der Römer lag zu Beginn des ersten Jahrtausends bei rund 380 Sesterze. Wir können davon ausgehen, dass es einige Jahrzehnte zuvor, also zu Lebzeiten Crassus‘, ähnlich hoch war. Das Jahreseinkommen des Konsuls entsprach also ungefähr dem von 32.000 Menschen – genug, um das Kolosseum halb zu füllen. Damit keine Missverständnisse aufkommen:

Bei den Berechnungen gehen wir davon aus, dass die Ultrareichen ihr Vermögen unangetastet lassen. Sie erwerben die Arbeitskraft aus ihrem Jahreseinkommen, also den Erträgen ihres Vermögens.