InterviewWarum Erfolg gefährlich sein kann

Christoph Lieben-Seutter ist seit 2007 Generalintendant der Laeiszhalle und Elbphilharmonie in Hamburgdpa


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


Was hält Sie nachts wach? 

CHRISTOPH LIEBEN-SEUTTER: Zurzeit schlafe ich sehr gut, das ist aber nicht immer so. Meistens sind es relativ akute Probleme, seien es Managementaufgaben oder Personalprobleme, die einem um fünf Uhr früh durch den Kopf rattern. Manchmal waren es auch komplexe politische Situationen, gerade beim Projekt Elbphilharmonie. Da gab es viele Themen, die ich nicht unmittelbar beeinflussen konnte, weil sie sich mit den Entwicklungen auf der Baustelle ergeben haben. Mehr als einmal war die Frage, ob das gut ausgeht, ob es Sinn macht, dem Projekt treu zu bleiben. Ich bin 2007 als erfolgreicher Intendant aus Wien gekommen, um die Elbphilharmonie 2010 zu eröffnen. Dazu kam es bekanntlich dann erst sieben Jahre später. In diesen Jahren hatte ich zwar genug zu tun, weil ich auch für die Laeiszhalle zuständig war, aber es war zum Teil schon wild. Die Situation auf der Baustelle war so verfahren, dass der Name „Elbphilharmonie“ in Deutschland eine Zeit lang zum Synonym für „Bauskandal“ geworden ist. Ich hatte ja mit dem Bau direkt nichts zu tun, musste aber die verschiedensten Stakeholder, sei es in der Politik, seien es Geldgeber und Sponsoren, die Presse, Künstler oder Managements und nicht zuletzt mein Team, über diese Jahre bei Laune halten. Jetzt wissen wir wofür.

Von welchem Unternehmen können Sie am meisten für Ihre Zukunft lernen und warum?

Natürlich kommt man an den Weltmeistern von Apple bis Tesla nicht vorbei. Firmen, die neue Produkte entwickeln, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie braucht bzw. haben will. Da gibt es Parallelen zu meiner Arbeit, denn in der Kunst und Kultur versuchen wir auch, nicht nur die bestehende Nachfrage zu befriedigen, sondern eine Nachfrage nach neuen Inhalten zu generieren. Schlussendlich beeindrucken mich Firmen und Unternehmer, die die Welt verbessern wollen und nicht ausschließlich auf Profitmaximierung aus sind. Firmen und Unternehmer mit originellen Produkten und Geschäftsideen, die positive Auswirkungen auf die Gesellschaft oder die Umwelt haben, und die damit auch noch Geld verdienen.

Wer beschäftigt sich bei Ihnen im Hause mit dem Thema Zukunft?

Um die „Produktentwicklung“ kümmere ich mich gemeinsam mit dem künstlerischen Planungsteam. Das ist wahrscheinlich die Abteilung, die am weitesten vorausdenkt. Das Interessante ist, dass unser „Kernprodukt“, die sogenannte klassische Musik, bis zu 400 Jahre alt ist. Wir sind überzeugt, dass ein Konzertbesuch nicht einfach nur eine schöne Freizeitbeschäftigung ist, sondern dass diese Kunstwerke auch Jahrhunderte nach ihrer Entstehung eine wesentliche und aktuelle Aussage haben können. Diese Relevanz ist unser Hauptinteresse. Dass diese Musik sich weiterentwickelt, weitergepflegt wird und weiter ein Publikum findet. Da macht man sich natürlich viele Gedanken, wie das in der Zukunft sein wird. Welche Voraussetzungen hat das Publikum der Zukunft, wie wird es sich zusammensetzen? Es ist klar, dass sich die Geschichte der klassischen Musik in einem relativ überschaubaren Teil der Gesellschaft abspielt. Diese verändert sich rasch, deshalb richten wir uns darauf auch ein.

Wie lang- bzw. kurzfristig betrachten und planen Sie Ihre Zukunft? 

Wir planen bis zu drei Jahre im Voraus. Wir entwickeln Konzertprogramme und neue Produkte, vor allem auch im Bereich Musikvermittlung für Kinder, Schüler und Familien. Uns ist nicht nur das Programm wichtig, sondern die ganze Dienstleistung rund herum. Der Kundenservice, das gute Image des Hauses, eine gute Kundenansprache, es geht um das Gesamterlebnis. Bei Marketing und Kommunikation gibt es bekanntlich eine rasante Entwicklung, alles ändert sich sehr schnell, zum Beispiel die Technologien im Bereich Vertrieb. Ich bin in der Regel dafür, Neuentwicklungen schnell zu adaptieren. Das hat auch mit meiner Laufbahn zu tun, meine erste berufliche Zeit habe ich in der IT-Branche verbracht und nicht in der Musikindustrie. Dadurch habe ich eine relativ hohe Affinität zu IT-Neuentwicklungen.