InterviewWilliam Browder: Nationalismus ist die größte Gefahr

William Browder ist Mitbegründer und CEO der Fondsgesellschaft Hermitage Capital Management
William Browder ist Mitbegründer und CEO der Fondsgesellschaft Hermitage Capital Management


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


William Browder ist Mitgründer und CEO der Fondsgesellschaft Hermitage Capital Management. Sein Unternehmen gehörte zu den größten Auslandsinvestoren in Russland. Browder wandelte sich jedoch vom Anhänger zum Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Red Notice. Wie ich Putins Staatsfeind Nr.1 wurde“ lautet der Titel eines Buches, das Browder geschrieben hat. Browder wurde in Russland in Abwesenheit zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt wegen vorsätzlichen Bankrotts und Steuerhinterziehung. Browder bestreitet die Vorwürfe und sieht sich als Opfer einer Verschwörung.

Was hält Sie nachts wach?

Meine größte Angst ist eine nationalistisch geprägte Pro-Putin-Bewegung, die um die Welt zieht nach Europa und in die USA. Ich befürchte, dass wenn das so weiter geht, alle meine Mühen komplett ausgelöscht werden von ein paar Politikern, die die Weltlandkarte neu zeichnen wollen. Bis jetzt ist das noch nicht passiert, aber wenn man einer Marine Le Pen, einem Donald Trump und auch ein paar osteuropäischen Politikern zuhört, klingt das sehr bedrohlich, wenn das alles zum Tragen kommt.

Welche Konsequenzen wird das auf die gesamtwirtschaftliche Lage haben?

Ich denke, es würde alle möglichen Gefahren für Länder in der Nähe der Grenze zu Russland wie den Balkan, die Republik Moldau, Georgien usw. heraufbeschwören. Es wird zu Instabilität führen, da die Verteidigungsbudgets drastisch steigen müssten, um Länder wie Deutschland, Polen und andere zu schützen. Das wird die moralische Stabilität und den Zusammenhalt in Europa stark belasten.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die politische Lage ändern und welchen Einfluss wird das auf die Wirtschaft haben?

Was wir derzeit beobachten, ist ein zunehmender Nationalismus weltweit. Dieser Nationalismus wird zu Protektionismus, Regulierung und wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Wir erleben derzeit erst den Anfang davon – es wird noch viel schlimmer werden.

Welchen Einfluss wird es auf unser Wertesystem oder möglicherweise auf unser Rechtssystem haben?

Mehr Gesetze, mehr Zölle, mehr Strafen, da die Regierungen Außenseiter, Ausländer, Minderheiten usw. als Sündenböcke betrachten.

Wie hat sich die politische und ökonomische Situation weltweit verändert, seit dem Sie Ihr Unternehmen gegründet haben und welchen Einfluss hat das aus Ihrer Sicht auf die Zukunft der Wirtschaft?  

Vor 25 Jahren war noch nichts vernetzt, nichts war globalisiert und alle handelten auf Grundlage ihrer eigenen Werte. Wir befinden uns jetzt in einer Welt der totalen Vernetzung, der totalen Globalisierung und der totalen staatlichen und politischen Einflussnahme. Tatsächlich waren früher alle Fragen lokal begrenzt und spezifisch für eine bestimmte Situation, was etwa 80 Prozent des Wertes der Dinge ausmachte, während globale Faktoren nur etwa 20 Prozent ausmachten. Heute ist es genau anders herum. 80 Prozent des Wertes einer Sache basieren auf globalen Regulierungen, die von der Europäischen Zentralbank oder der US-Notenbank Fed oder der Europäischen Union gestaltet werden.

Wie sollen sich Firmen heute auf die Zukunft vorbereiten? Welche Aspekte sollten sie in Betracht ziehen und in welchen Themen sehen Sie Chancen durch die Veränderungen?

Ich habe gelernt, dass Eigentumsrechte einen enorm hohen Stellenwert besitzen. Lange Zeit betrachtete man Länder nur nach ihrem Wirtschaftswachstum und nicht danach, wie viel von diesem Wachstum man als Investor behalten kann. Heute lernen wir mit rasender Geschwindigkeit, dass Vermögensrechte wichtiger als alles andere sind. Das haben die Menschen bis jetzt unterschätzt. In Zukunft sollten sie sich intensiv mit dieser Frage beschäftigen.

Wie glauben Sie, wird sich die Geschäftswelt verändern?

Ich glaube die Wirtschaft wird gezwungen sein, ihre Rolle breiter zu betrachten. Die wirtschaftliche Lage zwingt Firmen in vielen Ländern dazu, auch eine gesellschaftliche Rolle zu spielen – und nicht nur im Sinne der Profitmaximierung zu handeln.

Was war ihr größter Fehler in der Vergangenheit und was haben Sie daraus gelernt?

Mein größter Fehler war die Entscheidung, Anfang der 1990er-Jahre nach Russland zu gehen. Ich war optimistisch und naiv, denn es stellte sich heraus, dass es ein viel schlimmerer Ort war, als man es sich jemals hätte vorstellen können. Die große Offenbarung für mich war die Erkenntnis, dass man die politischen Risiken ignorieren und nur die wirtschaftlichen Chancen betrachten kann, obwohl die politische Lage eigentlich alles in den Schatten stellt.

Was bedeutet Erfolg für Sie heute und was wird sich in der Zukunft daran verändern?

Erfolg kann auf viele verschiedene Arten gemessen werden, was ich selbst auch getan habe. Als ich jünger war, ging es mir vor allem um Profitmaximierung. Als ich älter wurde, habe ich erkannt, dass es darum geht, einen positiven Einfluss auf die Welt auszuüben. Am Ende muss das aber jeder für sich selbst bewerten.