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Markus Väth 42-Stunden-Woche? 6 Alternativen gegen den Arbeitermangel

Markus Väth
Markus Väth
© PR
Fast überall fehlt es an Arbeitskräften. Als Lösung wird nun eine 42-Stunden-Woche diskutiert. Das wäre der völlig falsche Weg, findet Markus Väth. Denn das Problem lässt sich auch anders lösen

Die ehrwürdige „New York Times“ beschäftigte sich kürzlich mit dem Thema Kannibalismus. In den letzten Jahren, so der Autor, habe sich eine veritable Serie von Büchern, Filmen und TV-Shows etabliert, die einer neuen Lust am Kannibalismus frönen. Die neue Kannibalismus-Welle gehe dabei über das übliche Splatter-Genre hinaus und beschäftige sich mit der Psyche der Protagonisten, von Menschen also, die Messer und Gabel in der Hand halten und Menschen, die auf deren Tellern liegen.

Symbolischer Kannibalismus, so der Autor in seinen Schlussbemerkungen, sei schließlich auch ein Merkmal des Kapitalismus: In einem Burnout „verzehre man sich selbst“, ausgebeutete Arbeiter würden in Produktionsprozessen „verzehrt“. Spinnt man den Gedanken weiter, verzehren wir uns gegenseitig, indem wir die Umwelt und das Klima zerstören– weil das wiederum zerstörend auf uns zurückwirkt.

Wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind, fragen Sie sich vielleicht, was eine Kolumne über Kannibalismus hier verloren hat. Womit wir beim Ex-SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel und seinen jüngsten arbeitspolitischen Äußerungen wären.

Wie jeder weiß, der die letzten zwölf Monate nicht in den kanadischen Wäldern verbracht hat, leidet Deutschland momentan an mehreren, sich verstärkenden Krisen, als da vor allem wären: Krieg, Gas, Arbeiterlosigkeit. So weit, so bekannt. Wirklich überraschend ist für mich persönlich die Einfallslosigkeit, mit der das politische Berlin zum Beispiel auf die Krise der Arbeiterlosigkeit reagiert. Bis 2030 werden uns etwa vier Millionen Erwerbstätige fehlen; das ist eine Stadt von der Größe Berlins. Und was fällt Herrn Gabriel dazu ein? Die 42-Stunden-Woche. Und Gesamtmetallchef Stefan Wolf will gleich die Rente mit 70.

Was macht diese Vorschläge so ärgerlich? Im Grunde werden hier die Beschäftigten in Deutschland aufgefordert, sich – siehe oben – zeitlich und schöpferisch noch mehr zu kannibalisieren und für Deutschland die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Das halte ich als Unternehmer für ziemlich unverschämt und einfallslos obendrein. Was wir brauchen, ist eine intelligente Arbeitsmarktpolitik jenseits der Mottenkiste des vergangenen Jahrhunderts. Hier einige Vorschläge:

1. Flexibilität der Berufsgruppen: Wenn man schon an einer Erhöhung des Renteneintrittsalter festhalten will, sollten wir Berufsgruppen definieren, die früher in Rente gehen dürfen. Dachdecker beispielsweise und weitere körperlich anstrengende Berufe. Das sollte man auch nicht über Einzelfall-Prüfungen regeln, sondern über den Berufsstand.

2. Dramatische Verbesserung der Arbeitsorganisation: Durch fehlende Digitalisierung, Fragmentierung des Arbeitsalltags und kommunikative Ablenkung verpulvern wir etwa zwanzig Prozent unserer Arbeitszeit. Hier könnte man durch intelligente Organisationsentwicklung in allen Unternehmen und Branchen deutliche Verbesserungen erzielen.

3. Aktivierung der hier lebenden Migranten: Fast zwei Drittel aller erwerbsfähigen Syrer in Deutschland lebt ganz oder teilweise von Hartz IV. Eine solche Zahl ist inakzeptabel. Dabei geht es nicht speziell um syrische Flüchtlinge. Wir müssen generell Migranten einerseits den Spracherwerb und das Ankoppeln an den deutschen Arbeitsmarkt hier erleichtern (Stichwort: Bürokratie), andererseits deren Engagement auch deutlich einfordern. Es darf sich finanziell nicht mehr lohnen, zugunsten von Hartz IV auf einen Job zu verzichten. Wir brauchen in unserer jetzigen Arbeitsmarktsituation jede Hand.

4. Studiengebühren für volkswirtschaftlich weniger relevante Fächer: Wir brauchen in Deutschland Ingenieure, Handwerker, Mediziner, Software-Entwickler. Wer unbedingt Kulturwissenschaft oder Französische Literatur studieren will, kann das tun, sollte dann aber Studiengebühren zahlen. So könnte eine mittelfristige Lenkung der Ausbildungen erreicht werden.

5. Potenzialanalysen für junge Menschen: Man sollte es allen Schülern in allen Schulformen ermöglichen, im Alter von 15 oder 16 Jahren eine Potenzialanalyse zu machen, die sich mit beruflich relevanten Stärken und Schwächen beschäftigt. Viele junge Menschen haben zu Beginn ihrer Ausbildung keine Ahnung, in welchen Bereichen ihre Talente liegen, auf welche Charakterstärken sie aufbauen können oder welche Berufe zu ihrer Fähigkeitsstruktur passen. Dadurch verschwenden diese jungen Menschen viel Zeit und Kraft, indem sie sich durch ungeeignete Berufe kämpfen und womöglich scheitern.

6. Revolution in den Arbeitszeitmodellen: In vielen produzierenden Betrieben ist immer noch ein kräftezehrendes Zwei- oder Drei-Schicht-System an der Tagesordnung. Diese Systeme stammen aus der industriellen Steinzeit und sind überholt. Hier gibt es längst intelligente, individuelle Lösungen, die in der Praxis funktionieren; dafür muss man aber an den eigenen Glaubenssätzen rütteln (Stichwort: „Das haben wir schon immer so gemacht“).

Wollen wir wirklich ein Land, dessen (zunehmend ältere) Beschäftigte auf dem Zahnfleisch gehen? Wollen wir wirklich einfach die Schraube noch mehr anziehen? Wie einfallslos, wie uninspiriert wäre ein solcher Weg. Lieber Herr Heil, diskutieren Sie einfach mal die eben genannten Ideen in Ihren Kreisen. Ist ganz leicht – und der arbeitspolitische Kannibalismus gehört der Vergangenheit an.

Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth

Hinweis: In einer früheren Fassung wurde irrtümlicherweise Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) als Ideengeber einer 42-Stunden-Woche benannt.


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