GastkommentarIn Zukunft müssen mehr Menschen mieten

Schild mit der Aufschrift: Wohnungen zu vermieten
Wohnungen zu vermieten: Bezahlbarer Wohnraum ist rar gewordendpa

Voller Stolz lesen wir derzeit die Zahlen zum Baukindergeld: 50.000 Anträge wurden laut Bundesbauministerium innerhalb der ersten drei Monate gestellt. Über 80.000 Kinder werden von der Subvention profitieren, der Bund muss weitere Milliarden zur Verfügung stellen, endlich kaufen die Deutschen Wohneigentum, und alle geben sich zufrieden. Ich kann weder den Hype um das Baukindergeld nachvollziehen noch den allgemeinen Drang verstehen, möglichst viele Menschen in Wohneigentum zu bringen.

Wer sich die Zahlen zum Baukindergeld genauer ansieht, wird feststellen müssen, dass die meisten Anträge von Familien gestellt werden, die sowieso mit dem Gedanken spielten, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Es ist bezeichnend, dass in Baden-Württemberg, dem Heimatland der Häuslebauer, mit über 6400 die zweithöchste Zahl an Förderanträgen gestellt wurde. Weitere Spitzenreiter sind Nordrhein-Westfalen mit über 10.000 und Niedersachsen mit etwas über 6000 Anträgen. Auf die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg zusammengenommen kommen dagegen lediglich 1624 Anträge.

Das zeigt: In den Metropolen mit angespanntem Wohnungsmarkt wird das Baukindergeld bei weitem nicht in dem Maße beantragt wie in den Flächenländern im Westteil der Bundesrepublik. Der Grund dafür ist klar: In den westdeutschen Flächenländern hätten die Menschen ohnehin ein Eigenheim gekauft, unabhängig vom Baukindergeld. In den Großstädten indes kann das Baukindergeld gar nicht helfen, denn die Menschen, die dort leben, suchen kein Eigenheim, sondern Mietwohnungen.

Für viele Menschen bleibt Wohneigentum ein Wunschtraum

Die Verteilung der Baukindergeldanträge gewährt damit Einblick in eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: die Metropolisierung, die kein deutscher oder europäischer, sondern ein weltweiter Trend ist. Wie zu Zeiten der ersten industriellen Revolution ziehen die Menschen mit der Digitalen Revolution abermals in die Ballungsgebiete. Nicht ohne Grund wird deshalb auf allen politischen und internationalen Ebenen über die Zukunft des städtischen Wachstums und die damit verbundenen Herausforderungen für Mobilität, Natur und Lebensqualität diskutiert. Wir haben es mit einer Entwicklung zu tun, die alle Facetten des menschlichen Lebens und Miteinanders betrifft – und damit eben auch die Art und Weise, wie wir wohnen: zur Miete oder im Eigentum.

Es mag sein, dass sich über 80 Prozent der Deutschen nach einem Eigenheim sehnen, doch gerade dann sollte es Aufgabe des Staates sein zu erklären, dass Eigentum wahrscheinlich für die meisten Menschen eine trügerische Sehnsucht ist. Je nach persönlichen Bedürfnissen und Einkommen, beruflicher Situation und familiärem Lebensabschnitt benötigen die Menschen unterschiedliche Wohnkonzepte. Und diese lassen sich mit behäbigem Wohneigentum eben nicht umsetzen. Wichtiger wäre es daher, die richtigen Weichen zu setzen für mehr bezahlbares und flexibles Wohnen zur Miete, statt den Menschen mit teuren Subventionen den bitteren Weg in die finanzielle Abhängigkeit kurzfristig zu versüßen.