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Nachhaltiges Bauen „Gebäude sollten keine Wegwerfartikel sein“

Ein Bagger reißt ein Gebäude ein
Ein Bagger reißt 2014 in Frankfurt die letzten Fassadenteile des früheren Bordells „Sudfass“ nieder. Auf dem Grundstück stehen inzwischen neue Wohnungen
© picture alliance / dpa | Boris Roessler
Die Baubranche ist nicht nachhaltig, Beton und Zement sind Klimakiller. Dabei ließen sich Emissionen einsparen, wenn ausgebaut statt abgerissen würde, sagt Architektin Astrid Wuttke

CAPITAL: Frau Wuttke, werden in Deutschland zu viele Gebäude abgerissen?
ASTRID WUTTKE: Ja. Und hier in Frankfurt fällt mir das extrem auf, die Stadt hat einen sehr dynamischen Immobilienmarkt. Gebäude sollten eigentlich für eine lange Zeit geplant werden und nicht nur für 20 oder 30 Jahre. Im besten Fall sind sie so konzipiert, dass sie sich anpassen und umnutzen lassen. Gebäude sollten keine Wegwerfartikel sein.

Astrid Wuttke ist Partnerin beim Architekturbüro Schneider+Schumacher in Frankfurt. Sie leitet bei der Architektenkammer Hessen die Arbeitsgruppe „Architekten in der Denkmalpflege und Bauen im Bestand“ und ist Mitglied im Hessischen Landesdenkmalrat.

Die EU hat versucht, mit der Taxonomie einheitliche Nachhaltigkeitsstandards zu etablieren, die auch für den Bausektor gelten sollen. Die Baubranche muss künftig nachhaltiger wirtschaften. Ein guter Schritt?
Die Details sind noch nicht ganz klar. Fest steht, dass man künftig noch genauer begründen muss, warum man überhaupt abreißt und dass das Gebäude wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Ich hoffe nicht, dass das zu noch mehr Anträgen, Gutachten, Formularen und Vorgängen führt. Die haben wir in Deutschland ohnehin schon genug. Aber es ist richtig und gut, dass in Zukunft auch die Entsorgungskosten noch stärker mit einkalkuliert werden müssen. Es wird außerdem eingepreist, dass beispielsweise die Verwendung von Beton durch seine erhöhten Emissionen Folgekosten für das Klima bedeuten. Wenn all diese Kosten künftig in die Rechnung eines Gebäudes einfließen, wird sich das auf den Erhalt von Gebäuden auswirken. Die Bauwirtschaft sollte so viel wie möglich der sehr hohen Energien einsparen, die beim Bauen entstehen.

Wie lange sollte ein Gebäude halten?
Das Haus, in dem ich wohne, ist über 100 Jahre alt. Und es ist immer noch sinnvoll, dass es stehenbleibt. Wenn wir ein Gebäude entwerfen, sollten wir vielleicht öfter darüber nachdenken, ob das in 100 Jahren noch stehen wird.Im Idealfall sind die jetzt erbauten Gebäude die denkmalgeschützten Bauten der Zukunft.

Kann man jedes Gebäude recyceln?
Häufig entscheiden das nicht wir Architekten, sondern die Eigentümer. Leider denken die über eine mögliche Weiternutzung bislang nur selten nach. Diese Einstellung wird sich ändern, einfach weil es jetzt teurer wird, Gebäude abzureißen. Neue Materialien kosten dann im Verhältnis zum Erhalt mehr. Hier in Frankfurt gibt es zum Beispiel das sogenannte Juridicum-Gebäude auf dem alten Uni-Campus in Bockenheim. Da haben wir uns zuerst die Struktur des Baus angeschaut: Ist das von den Deckenhöhen, von der Lage der Treppenhäuser und der Gebäudetiefe geeignet, um daraus moderne Bürokonzepte oder sogar Wohnungen zu machen? Wenn das zutrifft wie in diesem Fall, gibt es zunächst keinen Grund, nicht mindestens den Rohbau stehen zu lassen. Auch wenn eine genaue Beurteilung dann erst im Laufe des Projekts folgt.

Das klingt aber auch nach Risiko…
Es ist natürlich ein gewisses Risiko, mit Bestandsgebäuden zu arbeiten. Die Knackpunkte findet man oft erst, wenn man richtig anfängt. Deswegen muss es sich für Eigentümer und Investoren lohnen, wenn sie mit vorhandener Substanz arbeiten. Ein Neubau ist übrigens auch ein Wagnis.

Löst das Gebäude-Recycling das Klimaproblem der Branche?
Natürlich wollen auch wir Architekten weiterhin neue Gebäude bauen. Aber ganz ohne Einschränkung wird sich das Problem nicht lösen lassen. Schon jetzt beanspruchen Menschen deutlich mehr Fläche pro Kopf als noch vor 30 Jahren. Das kann nicht endlos so weitergehen. Es ist eine Kombination: Neubauprojekte müssen in Zukunft noch überlegter realisiert und bestehende Gebäude besser weitergenutzt werden.

Ist Sanieren ein gutes, vielleicht besseres Geschäft als ein Neubau?
Viele sehen den Neubau als besseres Geschäft. Aber wirklich sagen lässt sich das derzeit noch nicht. Und das ist auch ein Teil des Problems. Die Systematik der Honorarordnung für Architekten ist auf den Neubau bezogen. Fürs Weiterbauen ist es deutlich schwieriger zu regeln, wie der Aufwand beim Planen bezahlt wird. Es ist oft sehr schwierig zu erklären, warum wir an verschiedenen Stellen einen Mehraufwand haben, wenn wir uns mit vorhandenen Gebäuden beschäftigen. Und oft mangelt es auch an Wertschätzung für unsere Arbeit. Wir bräuchten dringend einen Bonus, den es dann gibt, wenn Gebäude umgenutzt werden. Die Politik muss dringend solche Anreize schaffen.

Sind Architektinnen und Architekten zu eitel, wenn sie neu bauen wollen?
Naja, man kann sich ja auch mit der Sanierung eines Bestandsgebäudes profilieren. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten beispielsweise macht momentan wirklich sehr viel zu den Themen Kreislaufwirtschaft und Wiederverwenden von Gebäuden. Da nehme ich eine große Bereitschaft wahr, sich damit zu beschäftigen. Gut ist, wenn sich diese Umbaukultur nun auch auf Bauherren und die Baubranche insgesamt überträgt. Natürlich freut man sich als Architektin auch über neugebaute Aushängeschilder. Nie Gebäude abzureißen, ist auch keine Lösung. Es wird auch weiterhin Bauten geben, mit denen wirklich nur noch sehr schwer etwas anzufangen ist und die dann weg müssen.

Die Branche hat das Problem also erkannt?
Ja, das glaube ich schon. Das kann man gerade am Beispiel des Holzbaus erkennen. Nicht jeder Holzbau ist automatisch sinnvoll und klimafreundlich, aber inzwischen schlagen ihn die Bauherren sogar selbst vor. Das war vor einigen Jahren noch anders, da wurden wir bei Ausschreibungen für Gebäude eher belächelt für Vorschläge mit Holz. Da hieß es immer, das sei doch viel zu teuer. Ich glaube, es wird auch weiterhin Betongebäude geben und auch nicht nur welche aus Recycling-Beton. In bestimmten Fällen muss das sein, zum Beispiel aufgrund der Tragfestigkeit. Wenn man sich vorher Gedanken gemacht hat und das Gebäude ein flexibler Bau ist, dann ist das ja auch in Ordnung. Dann kann es 150 Jahre stehen bleiben und der Beton ist nicht verloren gegangen. Es lässt sich außerdem beobachten, dass sich die Wertschöpfungskette bei der Bauausführung verschiebt. Weg vom Zusammenschrauben irgendwelcher Halbfertigprodukte, die irgendwo produziert und um die halbe Welt verfrachtet werden und wieder hin zu echter handwerklicher Arbeit. Die dann aber natürlich bezahlbar sein muss.

Wie sinnvoll ist eine Fassadenbegrünung fürs Klima?
Pflanzen haben tatsächlich einen Effekt, aber sagen wir mal im bodennahen Bereich bis vielleicht fünf, sechs Geschosse und damit in Baumhöhe. Wenn man eine große Fläche – das kann auch ein Dach sein – in der Innenstadt begrünt, dann ist der Effekt fürs Mikroklima in der direkten Umgebung nachweisbar. Das wissen wir aus Messungen. Begrünte Hochhausfassaden dagegen sind eine Modeerscheinung, die bestenfalls für eine schöne Atmosphäre im Gebäude sorgen. Was absolut keinen Sinn macht, sind schmale, irgendwie begrünte Hightech-Fassadenteile. Da fragt man sich, was soll das? Da wäre eine Photovoltaikanlage in der Fassade die deutlich bessere Lösung.

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