VorsorgeWie Berufsanfänger Geld zurücklegen können

Generation sorglos: Sparen ist nicht so ihr Ding
Generation sorglos: Sparen ist nicht so ihr DingGetty Images

Tobias Bierl ködert seine Kunden gerne mit Softdrinks und Knabberzeug. Der freie Finanzberater aus Regensburg hat sich auf Jungsparer spezialisiert, denen er beim Erstkontakt oft eine kleine Geschichte erzählt. „Wenn du dich mit deinen Freunden triffst, esst ihr Pringles und trinkt Coca-Cola“, sagt Bierl dann. „Glaubst du, dass es diese Marken in 20 Jahren nicht mehr geben wird? Nein? Warum lässt du sie dann nicht für dich arbeiten?“ Gucken die jungen Leute ihn mit großen Augen an, erklärt Bierl ihnen, wie der Aktienmarkt funktioniert: „Unternehmen erwirtschaften Gewinne. Einen Teil davon kannst du einstreichen, wenn du ihre Aktien kaufst und hältst.“

Bierl redet manchmal schneller, als andere zuhören können. Er weiß, dass Zeit Geld ist, und er sagt viele Sachen mehrfach, damit sie sich besser einprägen. Am liebsten spricht er in Bildern – von sauren Äpfeln, gefüllten Gläsern, Ködern und Anglern. Vorwiegend berät Bierl Kunden im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die auf seine Website gelenkt werden, wenn sie online nach Spartipps für junge Leute suchen. Begegnet er ihnen dann zum ersten Mal, starrt er häufig in ziemlich ratlose Gesichter. „Ich weiß von Finanzen eigentlich nichts“, sagen seine Kunden. „Ok, ab und zu lege ich mal ein bisschen was zur Seite, aber sonst …“ Dann sagen sie meist lange nichts.

Für Bierl sind solche Kunden trotzdem Anlass zur Hoffnung. Immerhin haben sie ja den Weg zu ihm gefunden, um sich aufklären zu lassen. Das ist selten genug in Deutschland, obwohl hier bei einer Jugendstudie von Shell fast drei Viertel der Befragten bekannten: „Ich weiß wenig bis nichts über Finanzen.“ Gerade einmal die Hälfte der jungen Erwachsenen spart ab und zu, ein Viertel der unter 30-Jährigen dagegen gar nicht, sagen Emnid-Umfragen für die Postbank. Die Tendenz ist sinkend: Einer Studie des Versorgungswerks Metallrente zufolge ist der Anteil junger Sparer, die Rücklagen fürs Alter bilden, seit 2010 massiv gesunken, während gleichzeitig die Zahl der Verschuldeten anstieg – jeder Siebte unter 30 gilt als überschuldet.

„Die meisten haben noch nie einen Haushaltsplan aufgestellt. Und wenn sie es tun, vergessen sie Posten wie den zweiwöchentlichen Besuch im Nagelstudio, der jedes Mal 30 bis 50 Euro frisst“

Larissa Jakobsmeyer, Schuldnerberaterin

Capital hat deshalb den Umgang junger Berufstätiger mit Geld genauer betrachtet. Was sind die Gründe für die zunehmende Sparunwilligkeit der unter 30-Jährigen? Von welchen Faktoren hängt die individuelle Sparneigung ab? Genau das haben Wissenschaftler des Sozialforschungsinstituts Sinus untersucht, die durch qualitative Tiefeninterviews das Verhältnis junger Leute zum Geld erkundeten. Basierend auf ihren Erkenntnissen und den Befunden anderer Studien zu Konsum- und Rücklagegewohnheiten stellt Capital auf den nächsten Seiten die fünf verbreitetsten Typen junger Sparer vor – und empfiehlt Finanzprodukte, die zu ihren Geldvorlieben passen.

Dass sie wenig oder gar nicht fürs Alter sparen, begründen 70 Prozent der jungen Berufstätigen damit, dass sie kein Geld übrig haben. Dabei taxieren Studien das Nettoeinkommen von Unter-30-Haushalten auf 2200 Euro. Damit kommen junge Berufstätige heute allerdings nicht mehr so weit wie ihre Eltern: Prekärere Arbeitsverhältnisse, befristete Jobs und höhere Lebenshaltungskosten gerade in Großstädten schmälern ihr Einkommen und ihre relative Kaufkraft. Dass sich viele Jüngere heute andere Kosten aufhalsen als ihre Eltern, weil sie üppiger wohnen, teure Handys haben oder Take-away-Lebensmittel selbstverständlich finden, steht auf einem anderen Blatt.

Larissa Jakobsmeyer, die für die Initiative Finance-4-U junge Schuldner berät, ist überzeugt, dass ihren Klienten genug Geld zum Sparen bliebe, wenn sie genauer auf ihre Ausgaben achten würden. „Die meisten haben noch nie einen Haushaltsplan aufgestellt“, sagt Jakobsmeyer. „Und wenn sie es tun, vergessen sie Posten wie den zweiwöchentlichen Besuch im Nagelstudio, der jedes Mal 30 bis 50 Euro frisst.“ Auch die ständige Verfügbarkeit von Waren im Internet verleite zum Konsum, während Handy- und Streaminganbieter eine Abomentalität nähren, die Einkommen frisst. So sagen heute nur 47 Prozent der Jüngeren, dass sie mit ihrem Geld gut über die Runden kommen. 2015 waren es noch 60 Prozent.