GeldanlageWie Anleger Turbulenzen überstehen

Händler vor Kurstafel
Händler an der Frankfurter Börse
© Deutsche Börse AG

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Auf rasante Richtungswechsel reagieren viele Menschen empfindlich. Den meisten wird übel, wenn sie von einem Ende zum anderen geschleudert werden, beim Autofahren, Achterbahn-Fahren, auf dem Boot bei Seegang. Fachleute kennen dafür ein Wort: Kinetose, die Übelkeit bei Bewegung. Sie tritt vor allem bei passiven Bewegungen auf, also wenn wir nur Passagier sind. Kein Wunder also, dass vielen derzeit auch an den Börsen ganz schön schwummrig wird: Mal rasen die Kurse in neue Höhen hinauf, dann donnern sie in tiefe Täler hinab und der Anleger ist dabei oft nur Passagier. Binnen Minuten verlieren Leitindizes etliche Prozent. Seit Wochen, ja sogar Monaten geht das nun schon so, die Volatilität sei „atemberaubend“, stöhnen selbst hartgesottene Händler.

Geht es auch so weiter? Leider ja, sagen die meisten Börsenexperten für 2015 voraus, es wird sogar noch schlimmer. Anleger brauchen also ein Mittel gegen Reiseübelkeit bei Kursturbulenzen.

Warum sollte es auch besser werden? Schließlich sind die Faktoren, die schon 2014 zu Achterbahnfahrten an den Börsen führten, immer noch für überraschende Wendungen gut: Die Geldpolitik der EZB bleibt Sorgenthema Nummer eins, vor allem in der Frage, wie lange die EU noch Finanzspritzen an notleidende Länder verteilen kann. Wie geht die Wahl der Griechen Ende Januar aus? Könnte sie den „Grexit“ bedeuten, den Ausstieg Griechenlands aus dem Euro und verschärft das die Schwäche des Euro noch?

Aussteigen ist die falsche Strategie

Auf der anderen Seite sorgte Amerikas Wirtschaft für Kurshöhenflüge. Nur müsste der US-Aufschwung auch anhalten. Ob er das tut, wird die Berichtssaison zeigen, die bald beginnt. Dann sind da noch die Wackelkandidaten der Weltkonjunktur, Russland und China, die abwechselnd für Schub oder Dämpfer sorgen. Ebenso die bange Frage: Wie billig wird das Öl? Kurbelt nun sein sinkender Preis eher die Weltwirtschaft an – oder würgt es sie gar ab, weil Fracking-Firmen mitsamt milliardenschwerer Hochrisiko-Finanzierungen zu implodieren drohen? Deren Geschäftsmodell gründete auf dem horrenden Ölpreis der vergangenen Jahre.

Angesichts solcher Unsicherheiten ist es kein Wunder, dass Investoren kurzfristig die Orientierung verlieren und die Kurse ständig ihre Richtung wechseln. Doch ist die spannendste Frage: Was kann der Normalanleger tun, damit ihn das Auf und Ab nicht voll erwischt? Die meisten entscheiden sich zurzeit für die falsche Strategie: Aussteigen aus der Börsen-Achterbahn oder gar nicht erst einsteigen, lautet ihre Devise. Neun von zehn Deutschen wollen partout kein größeres Risiko bei der Geldanlage eingehen, das bedeutet: Sie halten lieber unverdrossen an Tagesgeld und Sparkonten mit einem Prozent Zinsen fest, geben sie in einer aktuellen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zu. Nicht einmal jeder sechste Bundesbürger besitzt Aktien oder Fonds, die übrigen planen es auch für 2015 nicht. Viel zu riskant, denken sie. Doch ist „Draußenbleiben“ die schlechteste Idee.

Wirklich riskant ist dagegen, denjenigen zu folgen, die meinen man müsse die Kurswellen reiten. Immer wieder locken Anlageexperten mit Tipps, wie man Trends folgt, von steigenden oder sinkenden Kursen profitiert, Papiere zur rechten Zeit kauft und abstößt, antizyklisch investiert oder mit Blick auf Volatilitätsindizes Schwankungen antizipiert. Doch Ökonomen wissen längst: Der Versuch des richtigen Timings misslingt regelmäßig. Selbst Profis treffen den besten Zeitpunkt für Ein- oder Ausstiege so gut wie nie. Kinetose-Forscher mahnen zudem: Wer sich in Turbulenzen auf einen fixen Punkt konzentriert, verstärkt die Übelkeit noch. Das Einzige, was hilft: den Gesamtweg im Auge behalten. Klingt simpel und ist gar nicht so schwer.

Langfristiges Engagement lohnt sich

Denn mit etwas Abstand sehen die Turbulenzen beim Deutschen Aktienindex Dax so aus: 2014 ging der Index sechsmal auf Berg- und Talfahrt zwischen 8600 und 10.000 Punkten. Am Ende schloss er 250 Punkte höher als zu Jahresbeginn. Über drei Jahre schwankte er ebenfalls stark, kletterte aber von 6000 auf knapp 10.000 Punkte. Über fünf Jahre legte er 81 Prozent zu, über zehn sogar 138 Prozent, in 20 Jahren verfünffachte er sich. Kurzfristig mag der Markt irrational reagieren und Angst machen. Langfristig stand am Ende des Auf und Ab immer ein Gewinn für Anleger, die langen Atem bewiesen.

Dafür braucht man kein Timing oder Geheimtipps, nur einen simplen Fondssparplan. Mit dem profitiert man sogar von sinkenden Kursen, weil man dann viele Anteile für wenig Geld bekommt. Vor allem Fonds und Indexfonds, die breit auf deutsche und europäische Standardwerte setzen, sind daher auch 2015 Favoriten der Vermögensverwalter. Unternehmen wie Nestlé, Novartis, Allianz, Daimler oder Unilever werfen auch in turbulenten Zeiten Gewinne ab. Europas starke Konzerne bleiben also eine gute Wahl, sind sich Anlageexperten einig. Mit ihnen können Sparer auch in rasanten Zeiten lässig durchatmen.