KolumneWas uns das Coronavirus über die Macht des Zufalls lehrt

Eine Frau mit Atemmaske steht vor der Mailänder Börse
Eine Frau mit Atemmaske steht vor der Mailänder Börsedpa

Eines habe ich mit den Weltökonomen gemein: Ich habe mit vielem gerechnet, vor allem mit dem amerikanischen schwarzen Schwan. Der Urvater dieser Schwäne, Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb, hat uns ja in der Finanzkrise gelehrt: Wir müssen immer mit Extremereignissen rechnen, tun es aber viel zu wenig – eben weil sie so selten sind. Wie schwarze Schwäne. Deshalb sichern wir uns gegen vieles ab, nur nicht gegen diese Extreme. Bei mir stand bisher der US-Präsident ganz oben auf der Liste der Federtiere: Trumps erratisches Regieren, sein Handelsstreit mit China, sein Zündeln im Nahen Osten – all das waren sehr potenzielle Ursachen, um Welt und Wirtschaft krank zu machen.

Dann kam der echte Schwan: Trump gab in China Ruhe, doch an seiner statt wütet dort nun ein Virus. Zehntausende Menschen erkrankt, Hunderte gestorben – Corona hat auch die Wirtschaft längst infiziert. In China steht der Verkehr still, Büros und Fabriken sind geschlossen. Schanghais Börse sackte binnen Monatsfrist um zehn Prozent ab. Westliche Airlines streichen nun ihre Flüge, deutsche Autobauer legen ihre Bänder lahm, Konzerne fürchten um den Absatz in Asien. Messen entfallen, Kreuzfahrtschiffe liegen fest.

Die neue Capital

Es sei klar, dass das Coronavirus „einen signifikanten Effekt“ auf das weltweite Wachstum haben werde, warnt Weltbankpräsident David Malpass – „zumindest für ein Quartal oder zwei“. Er ging zuvor von 2,5 Prozent Aufschwung aus. Das Virus ist nun der Schwan, der die Weltökonomie gehörig schwächen könnte.

Oder stärken – wenn man es mit Taleb hält, der mahnt: Wir pressen die Welt mit immer mehr Wissen in statistische Modelle. Wir glauben, damit hätten wir fast alles irgendwie vorhergesagt. Doch das lenkt uns nur davon ab, mit dem Zufälligen zu rechnen. Dabei sind Zufall und Chaos das halbe Leben. Er muss es wissen, Risikomanagement ist sein Geschäft. Und nicht zufällig beschäftigt sich Taleb zurzeit damit, wie sich das Coronavirus eindämmen lässt.

Das Coronavirus lehrt uns flexibler zu werden

Nützt es also, wenn erste Statistiker das Schadenspotenzial von Corona anhand früherer Pandemien errechnen? Es ist Kaffeesatzleserei. Nie waren Lieferketten und Vernetzung so eng. Beim Sars-Ausbruch war China nur halb so bedeutend für den Welthandel wie heute. Und Ebola breitete sich kaum jenseits von Afrika aus. Jede Pandemie zeigt ihr „dickes Ende“ erst am Schluss, weil sich Infektionen exponentiell verbreiten. Auch die Finanzmarktstatistik kennt das Prinzip der dicken Enden: Gerade an den Rändern der Normalverteilung sind die Ergebnisse – wenn sie eintreten – höchst unnormal. Superselten. Aber genau hier lauern hohe Gewinne und große Verluste.

Wie also könnten wir uns stärken? Wir müssten aufhören, alles immer noch stabiler haben zu wollen. Je stabiler etwas scheint, desto unnachgiebiger ist es bei Extremen. Flexibler werden! Volatilität und Zufälle nutzen, anstatt sie zu bekämpfen. Was die Portfoliotheorie fürs Depot rät, gilt erst echt für die Wirtschaft: Lieber breiter streuen als stärker clustern. Scheitern einkalkulieren – und wenn scheitern, dann früh. Börsen und Start-ups leben es oft genug vor. Wirklich dumm wäre es nur zu glauben, man kenne den nächsten schwarzen Schwan.

 


Die Kolumne von Nadine Oberhubner ist in Capital 03/2020 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay