ChinaCoronavirus: wie eine Naturkatastrophe

Nach den verlängerten Ferien kehren viele Chinesen an ihre Arbeitsstellen zurück. In den Fabriken wie hier bei Skyworth in Guangzhou herrscht Mundschutzpflicht
Nach den verlängerten Ferien kehren viele Chinesen an ihre Arbeitsstellen zurück. In den Fabriken wie hier bei Skyworth in Guangzhou herrscht Mundschutzpflichtdpa

Am Sonntag bekam Zhang Lin, Eigentümer einer Schuhfabrik in der Provinz Guizhou, nach zwei Wochen endlich die Bescheinigung der Behörden: Er darf wieder produzieren. Der Schaden aber ist bereits da. „Wir sind zu einhundert Prozent exportorientiert“, sagt der 45-Jährige. „Alle Lieferungen verspäten sich jetzt“. Und auch jetzt läuft die Produktion nur eingeschränkt. Die Arbeiter müssen Atemschutzmasken tragen und zweimal am Tag Fieber messen. Zweimal täglich wird außerdem die Halle desinfiziert.

Noch immer aber fehlt die Hälfte der 600 Arbeiter. Dabei, das weiß Zhang auch, ist die Provinz Guizhou, am Rand des Perlflussdeltas in Südchina, ohnehin nur leicht von der COVID19-Epidemie betroffen. In Metropolen wie Schanghai oder Peking spürt man die Auswirkungen des Virus bei jedem Schritt.

Seit über drei Wochen gleicht Schanghai einer Geisterstadt: Die Straßen sind menschenleer, achtspurige Straßen lassen sich bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad überqueren. Nahezu sämtliche Restaurants, Cafés und Bars der Stadt haben geschlossen. Die Helden dieser Tage sind die Fahrer der zahlreichen Lieferdienste der Stadt. Sie gewährleisten die Versorgung der Bewohner mit Nahrung. Doch auch sie geben die Pakete am Eingang der Wohnblöcke ab, wo man sie dann abholen kann. Vor jedem Mietsblock stehen Baoan, eine Art Hausmeister in Uniform, die in normalen Zeiten damit beschäftigt sind, Fahranfänger in einem Audi A8 in einen Parkplatz einzuweisen. Heute messen sie Fieber bei jedem, der hinein will.

Eine Reisewelle ist auch eine Ansteckungswelle

Vor einer Woche wollte die Stadt eigentlich schon wieder zur Normalität zurückgekehrt sein. Aber daraus wurde erstmal nichts. Zwar arbeiten die meisten „White Collar“-Arbeiter wieder von zu Hause aus, doch noch immer stehen viele der Fabriken still.

Als das Virus Ende Januar ausbrach, waren bereits rund 300 Millionen Wanderarbeiter aus den Fabriken an der Ostküste des Landes in ihre Heimatdörfer im Landesinneren zurückgekehrt. Denn so funktioniert China seit bald drei Jahrzehnten: Billige Arbeitskräfte aus den Provinzen arbeiten das Jahr über in den industriellen Zentren des Landes – einmal im Jahr während des Frühlingsfests besuchen sie ihre Heimat. Das Virus traf das Land also zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Ausgerechnet als die Wanderarbeiter in ihren Heimatdörfern Urlaub machten.


So trifft das Coronavirus die globalen Lieferketten


Damit die Fabriken des Landes wieder den normalen Betrieb aufnehmen können, müssen diese 300 Millionen Menschen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Eine neue Reisewelle aber bedeutet eine neue Ansteckungswelle. Die chinesische Regierung versucht sich in diesen Tagen an einem Balance-Akt: Stück für Stück und so kontrolliert wie möglich sollen die Arbeitskräfte zurückkehren.

5,6 Millionen sollen mittlerweile nach Shanghai zurückgekehrt sein. Das entspricht etwa der Hälfte aller Wanderarbeiter, die sich normalerweise in der 25-Millionen-Metropole aufhalten. An den Eingängen zu den Mietshausblöcken hängen nun QR-Codes. Wer zurückkehrt, muss diese einscannen und sich auf einer App registrieren. Anschließend folgen 14 Tage Selbst-Quarantäne in den eigenen vier Wände. Das deutet daraufhin, dass Chinas Wirtschaft Anfang März wieder mit voller Kapazität laufen könnte. Dann könnten alle Wanderarbeiter zurückgekehrt und die Selbst-Quarantäne abgeschlossen haben. Das setzt allerdings voraus, dass es zu keinem weiteren Ausbruch des Virus kommt.