PleiteWas Anleger jetzt zu Wirecard wissen müssen

Nach Geldwäschevorwürfen von Investoren ist Wirecard schon vor Jahren ins Visier der Münchner Staatsanwaltschaft geraten. Durch die Pleite im Juni haben die Anleger viel Geld verlorenGetty Image

#1 Ergibt es Sinn, diese Aktie jetzt noch zu halten?

Aktionäre wissen, dass sie mit dem Kauf von Einzelaktien hohe Risiken eingehen und theoretisch alles verlieren können – doch so schlimm wie bei Wirecard hätten es sich wohl die wenigsten vorgestellt: Innerhalb von nur zehn Tagen zerlegte es den Aktienkurs von 104 Euro auf 1,28 Euro. Mittlerweile steht das Papier zwar wieder bei 3 Euro, doch große Sprünge sind sicher nicht mehr zu erwarten. Das trifft besonders diejenigen Anleger schwer, die noch am Tag der Bilanzpressekonferenz am 18. Juni an ihren Aktien festhielten. Denn allein an diesem Donnerstag brach der Kurs um fast 90 Prozent ein. Seitdem sind die Wirecard-Aktien beinahe Pennystocks.

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Bei Unternehmensinsolvenzen werden Aktien später auch häufiger von den Banken wertlos aus den Depots ausgebucht. Das könnte den Anlegern auch in diesem Fall drohen, falls es dem Insolvenzverwalter nicht gelingt, das Unternehmen in irgendeiner Weise zu sanieren und fortzuführen. Ob man nun aus sentimentalen Gründen an den Restaktien zum Kurswert von 3 Euro festhalten – oder den Verlust lieber endgültig realisieren und damit zumindest steuerlich geltend machen will – muss jeder selbst entscheiden. Auf rund 1,5 bis zwei Mrd. Euro Verlust schätzen Anwälte den Schaden, der bei Privatanlegern entstanden ist. Einzig das Nachkaufen von Aktien zum jetzigen Zeitpunkt wäre wohl eine wirklich fatale Entscheidung.

#2 Soll ich mich einer Anlegerklage anschließen, was bringt das überhaupt?

Es gibt bereits mehrere Anwälte, die angekündigt haben, den Wirecard-Konzern zu verklagen und damit Schadenersatz für die Anleger zu erstreiten. Das ist immer der Fall, wenn es zu ähnlichen Unternehmensskandalen kommt und gewöhnlich werben viele Anwälte um betroffene Anleger, die sie vertreten wollen. Bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung des KPMG-Sonderprüfberichts im Mai hat jedoch die auf Anlegerfälle spezialisierte Kanzlei Tilp die erste Klage gegen Wirecard eingereicht. Und auch zeitgleich den Antrag gestellt, ein Verfahren nach dem Kapitalanlegermusterverfahrensgesetz (KapMuG) zu eröffnen. Dieser Tage hat sie die Klage noch einmal auf weitere Beklagte ausgeweitet.

Anlegeranwalt Andreas Tilp (Foto: dpa)

Das heißt: Wenn diesem Antrag stattgegeben wird und das KapMuG eröffnet wird, „kommt an uns keiner mehr vorbei“, so sagt es Rechtsanwalt Andreas Tilp selber. Dann nämlich erstreitet die Tübinger Kanzlei Tilp sozusagen stellvertretend für alle registrierten Mandanten ein Urteil. Und das wird auch Auswirkungen auf alle anderen Verfahren haben und bindend für ähnliche Fälle sein. In der Woche vom 1. Juli hatten sich bereits über 32.000 Kläger bei Tilps Kanzlei registrieren lassen, um sich so einer Klage anzuschließen, teilte er mit. Das ist eine enorm hohe Zahl, zum Vergleich: Im historischen Verfahren gegen die Deutsche Telekom, das Tilp vor Jahren ebenfalls im KapMuG führte, waren es bloß 17.000 Geprellte.

#3 Gegen wen soll geklagt werden?

Es wäre zu kurz gedacht, einfach nur die Wirecard AG zu verklagen. Denn die berechtigte Frage dabei wäre: Ist bei der überhaupt noch etwas zu holen? Schließlich wurde die Insolvenz beantragt, weil sich das Unternehmen nach den jüngsten Ereignissen in Zahlungsschwierigkeiten befindet. Viel größere Chance sehen die Anwälte derzeit darin, zuerst einmal auch die Vorstände zur Rechenschaft zu ziehen. Ex-Vorstandschef Markus Braun war schließlich bis zuletzt auch der größte Aktienpaketbesitzer mit rund sieben Prozent der Wirecard-Aktien. (Die allerdings inzwischen weitgehend wertlos sein werden.)

Auch die übrigen Beteiligten wollen die Anlegeranwälte angehen, allen voran die Wirtschaftsprüfer von EY, die den Konzern zehn Jahre lang geprüft haben und seine Jahresabschlüsse testierten. Die Kläger rechnen sich große Chancen aus, dort Schadenersatz zu erstreiten. „Wir denken über viele Gegner nach, auch über die Banken“, sagt Tilp: Die beteiligten Banken wären eine Adresse, bei der zumindest reichlich Geld zu holen sein könnte, wenn die Kläger Erfolg haben: Die philippinische Bank zum Beispiel könnte in Regress genommen werden, da von ihr die gefälschten Saldenbestätigungen stammten und da sie offenbar falsche Angaben über die Treuhänderkonten machte.

Zudem ist zunehmend die bundesdeutsche Finanzaufsicht BaFin ins Visier der Anlegerkläger geraten. Die großen Fragen an sie sind: Wann hat sie wirklich von möglichen Unstimmigkeiten in den Wirecard-Bilanzen erfahren. Und was hat sie genau dagegen übernommen? Der Finanzausschuss des Bundestages ging diese Woche bereits diesen Fragen nach. Ob die BaFin ihren Aufsichtspflichten wirklich vollumfänglich nachgekommen ist, müssen wohl noch langwierige Untersuchungen klären.

#4 Wo ist überhaupt noch Geld für die Anleger zu holen?

Beim Unternehmen dürfte es wie gesagt schwierig werden. Denn Aktionäre werden üblicherweise mit als letzte entschädigt, wenn alle anderen Gläubiger längst befriedigt sind. Aber eine andere Frage, die sich viele Anwälte stellen ist: Wer hat sonst von den Wirecard-Geschäften profitiert? Könnten nicht die Ex-Vorstände auch belangt werden? Und tauchen eventuell noch Konten mit einigen Millionen auf, die beiseitegeschafft wurden?

Zudem fordert der KapMuG-Klägeranwalt Tilp: Es soll ein Fonds eingerichtet werden, in den auch die Bundesrepublik Geld einzahlt, um notfalls die geprellten Anleger zu entschädigen. „Der Totalausfall der BaFin muss und wird Konsequenzen haben. Wir fordern die Bundesregierung auf, Verantwortung für das BaFin-Versagen zu übernehmen, wirkungsvolle Gesetzesreformen zu verabschieden und einen Entschädigungsfonds für Wirecard-Geschädigte einzurichten“, sagt Tilp. „Sollte kein Entschädigungsfonds eingerichtet werden, behalten wir uns vor, mit der Schlagkraft von mehr als 30.000 Geschädigten im Rücken gegen die BaFin prozessual sämtliche Register zu ziehen.“

Mit welcher Strategie die Kläger das bewirken wollen, muss man abwarten. Zumindest der Tübinger Anlegeranwalt aber ist sicher: Kein Anleger werde am Ende ohne Geld aus dem Verfahren gehen.

#5 Wie lange wird so eine Anlegerklage dauern?

Das ist zwar meist schwer abzusehen, aber Tilp geht davon aus, dass es etwa zwei Jahre dauern wird, bis ein Musterkläger beim entsprechenden Oberlandesgericht ein Urteil erwirkt haben könnte. Bis der Gesamtprozess abgewickelt sein wird, dauere es sicherlich eher fünf Jahre, so lange beschäftige der Fall Wirecard die Anlegeranwälte mit Sicherheit.

 


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