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Daniel Saurenz Warum für Börsianer Talkshows derzeit wichtiger sind als Notenbanken

Robert Habeck in der Talkshow von Markus Lanz
Robert Habeck bei einem früheren Auftritt in der Talkshow von Markus Lanz. Damals galten seine Worte noch nicht so viel, heute hören sogar Investoren zu
© IMAGO / teutopress
Wenn für Dax-Anleger das Abendprogramm im Fernsehen wichtiger ist als Äußerungen von Notenbankern, dann passieren merkwürdige Dinge am Finanzmarkt. Im Sommer 2022 ist genau dies der Fall

„Als Börsianer fühlt man sich im Moment wie ein Fan vor einem entscheidenden Fußballspiel – man kann nur abwarten und hoffen“, erklärt Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege beim Broker Robomarkets und selbst ehemaliger Profifußballer beim 1. FC Kaiserslautern, die Lage an den Aktienmärkten. Das entscheidende Spiel findet dabei Mitte Juli statt und da dreht sich der Bogen zur Talkshow von Markus Lanz.

Dort war jüngst Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zu Gast und für Börsianer sind Äußerungen zur Gasversorgung in Deutschland aktuell so wichtig wie sonst nur Statements von Notenbankern. Eine verrückte Lage: Als Dax-Anleger sind Wasserstandsmeldungen zur Versorgungslage im Energiesektor und zu Füllständen von Gasspeichern wichtiger als Zinsen oder Firmenergebnisse und Habeck spielt in der gleichen Aufmerksamkeitsliga wie Jerome Powell. Selten war der Dax damit auch mit einem so starken Eigenleben versehen wie im Sommer 2022. Unterstrichen wird dies durch die merkliche Aufholjagd der US-Technologieaktien gegenüber dem Dax seit Juni. Die Gasdiskussion belastet Europa und wieder fallende Zinsen helfen US-Technologietiteln.

Wie aber geht man mit einem solchen Markt um und ist das Umfeld genauso wie im März 2020? Hendrik Leber, Fondsmanager und Gründer von Acatis, sieht Parallelen, erklärt aber auch Unterschiede in der Absicherung und Risikoscheu von Großinvestoren: „Die aktiven Manager sichern wohl weniger automatisiert über Futures ab als im März 2020, dafür aber nehmen große institutionelle Anleger schlicht in der Breite Aktienrisiko heraus. Darum erleben wir eine große Undifferenziertheit bei den Kursrückgängen, die sich durch Einzelaktienanalyse nicht immer erklären lassen.“

Gas-Unsicherheit dominiert den Dax

Die Tatsache, dass der Dax vom Rekordhoch im Januar nunmehr 4000 Zähler abgegeben hat, schreibt Leber wesentlich der Gas-Unsicherheit in Europa zu: „Womöglich entfällt die Hälfte der Korrektur auf diesen Faktor. Die meisten Kapitalmarktteilnehmer rechnen mit Störungen in der Gasversorgung, und diese Störungen sind Gift für die deutsche Volkswirtschaft. Natürlich steigen die Wohnnebenkosten, aber auch Produkte wie Bier, Holz, Glas werden deutlich teurer, und falls es dann zu Versorgungsengpässen bei der chemischen Industrie kommt, steht halb Deutschland still, von Autoindustrie bis zu Pharma. Unsere Abhängigkeit von Gas ist sehr hoch, die Wahrscheinlichkeit einer Lieferunterbrechung ist hoch, und die Folgekosten sind hoch. Bei vielen anderen Rohstoffengpässen können wir uns durchmogeln – bei Gas nicht“, so Leber.

Für die kommenden Wochen könnten Äußerungen und Meldungen eines Robert Habeck für deutsche Anleger damit wichtiger bleiben als die amerikanischen Zinsmärkte oder manche Quartalszahl. Verrückte Börsenwelt im Sommer 2022 und für Experte Molnar findet das nächste „Endspiel am 21. Juli statt“. Dann sollen die Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 abgeschlossen sein und die Gasversorgung wieder aufgenommen werden. Eigentlich.

Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com


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