RezessionsangstWarum die Zinsen in den USA verrücktspielen

Die Rezessionsangst ließ die Kurse an der New Yorker Börse einknicken
Die Rezessionsangst ließ die Kurse an der New Yorker Börse einknickendpa

Deutschlands Wirtschaft schrumpft und droht, in eine Rezession zu rutschen. Doch die Finanzmärkte versetzt aktuell eine ganz andere Entwicklung in Panik: Erstmals seit dem Jahr 2007 hat die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe in der vergangenen Woche unter der von Bonds mit zwei Jahren Laufzeit gelegen. Das heißt: Anleger bekamen für kurzfristige Bonds mehr Rendite als für langfristige Anleihen. Normalerweise ist es umgekehrt und die Verzinsung steigt mit der Laufzeit. Unter Finanzexperten heißt dieses Phänomen daher „inverse Zinsstruktur“. Umgangssprachlich könnte man auch von einer verkehrten Zinswelt reden.

Spielen die Zinsen verrückt, gilt dies als einer der verlässlichsten Krisenindikatoren: „Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die US-Zinskurve achtmal invertiert, und jedes Mal folgte darauf eine Rezession“, warnt Jochen Stanzl, Analyst beim Online-Broker CMC Markets. Den Zusammenhang erklären sich Finanzexperten mit den Erwartungen über die künftige Marktentwicklung: Wenn Investoren bereit sind, für langfristige Papiere weniger Rendite zu akzeptieren als für Kurzläufer, dann gehen sie davon aus, dass die Notenbanken die Zinsen weiter senken. Das tun die Währungshüter in der Regel aber nur, wenn sich die Wirtschaft abkühlt. Entsprechend gilt eine inverse Zinsstruktur als Ausdruck extrem pessimistischer Zukunftserwartungen.

Nur ein Fehlalarm?

Auch heute scheint die Sorge vor einer Rezession auf den ersten Blick berechtigt. Die Liste der Risikofaktoren ist lang: Der Handels- und Technologiestreit zwischen China und den USA, der Brexit und die Regierungskrise in Italien drücken nach wie vor auf die Stimmung der Unternehmen.

Die allgemeine Unsicherheit dämpft die Investitionen und belastet die Konjunktur. „Die US-Wirtschaft entwickelt sich schwach und die Geschäftstätigkeit der Unternehmen deutet auf eine weitere Verlangsamung hin“, sagt Seema Shah, Chefstrategin von Principal Global Investors. Sie nennt aber auch Gründe, die gegen eine Rezession sprechen – und nahelegen, dass die verkehrte Zinswelt Fehlalarm schlägt. So sei die Konsumfreude der Verbraucher nach wie vor hoch, wie die jüngsten Umsätze im Einzelhandel zeigen. Auch würden Unternehmen aus dem Konsumgütersektor weiterhin solide Gewinne erzielen. „Solange die Verbraucher stark sind, halte ich es für schwierig, eine Rezession vorherzusagen“, sagt Shah.

„Die Märkte und die Fed scheinen sich anzusehen und gegenseitig mit Angst zu nähren“

Sonal Desai

Auch die Experten der US-amerikanischen Fondsgesellschaft Franklin Templeton sehen keine Anzeichen für eine Rezession in den USA. „Die US-Wirtschaft schafft weiterhin mit einem robusten Tempo Arbeitsplätze, auch wenn die Arbeitslosenquote bereits auf einem 50-Jahres-Tiefstand liegt“, sagt Chefstrategin Sonal Desai. Löhne und Gehälter der Mitarbeiter stiegen 2018 um fünf Prozent, in der ersten Hälfte des laufenden Jahres waren es 5,1 Prozent. Die verrückte Zinswelt ist für Desai vor allem ein Produkt der Geldpolitik der Zentralbanken, allen voran der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). „Ich denke, die Rentenmärkte setzen auf die Fed, und die Fed hat gerade eine Wendung genommen und nebenbei die Wirtschaftsdaten ignoriert“, sagt die Ökonomin.

Im Juli senkte die Fed den Leitzins erstmals seit der Finanzkrise um 0,25 Prozentpunkte. Notenbankchef Powell betonte mehrfach, die Fed sei bereit, die Geldpolitik weiter zu lockern, sollten sich die wirtschaftlichen Aussichten nicht bessern. Auf dieses Versprechen spekulieren viele Bond-Investoren, vermutet Desai. Die ungewöhnliche Zinsstruktur in den USA sei daher kein Vorbote einer Rezession, sondern das Resultat einer Wette auf die Geldpolitik der Fed sowie ein Zeichen von Panik unter den Anlegern. „Die Märkte und die Fed scheinen sich anzusehen und gegenseitig mit Angst zu nähren“, sagt Desai. Dabei würden sie ignorieren, was in der Wirtschaft tatsächlich vor sich geht.