BörsenDer gefährliche Tanz der Aktienanleger auf dem Vulkan

Ein Aktienhändler blickt sorgenvoll
Die Stimmung an der New Yorker Börse war schon mal besserdpa

Über die ersten sechs Monate konnten sich Aktienanleger noch freuen: Die Kurse legten so kräftig zu wie selten zuvor. Nach der Fed-Sitzung und dem Wiederaufflammen des Handelskonflikts entlud sich dann aber über dem Dax ein kräftiges Sommergewitter. „Politische Börsen haben kurze Beine“, lautet eine bekannte Börsenregel. Die Realität sieht momentan anders aus: Eigentlich sollte der Brexit Ende März vollzogen sein und auch beim Thema Handelsstreit rechneten die meisten Experten in den ersten Monaten des Jahres mit einem Deal. Doch ihre Wünsche wurden nicht erhört, beide Risikofaktoren werden Aktienanleger weiter beschäftigen und immer stärker auch die Geldpolitik der Notenbanken beeinflussen.

In Deutschland ist die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal zurückgegangen, eine Rezession rückt nahe. Die starke Exportabhängigkeit der heimischen Wirtschaft wird nun zum Bumerang: Kühlt sich die Weltwirtschaft ab, leidet die einstige Konjunkturlokomotive der Euro-Region überdurchschnittlich stark.

So lag der Einkaufsmanagerindex für die weltweite Industrie im Juni auf dem niedrigsten Niveau seit gut sechseinhalb Jahren und zum ersten Mal seit Mitte 2012 den zweiten Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Der Trend dürfte sich fortsetzen: Schon jetzt blickt US-Präsident Donald Trump auf den Präsidentschaftswahlkampf im kommenden Jahr. Er will einen Deal als Sieg vor den Wahlen nutzen, um sich als starker Präsident feiern zu lassen, der seine Wahlversprechen eingelöst hat. Eine schnelle Lösung zeichnet sich nicht ab, die US-Regierung wird auf Zeit spielen.

Notenbanken reagieren

Aufgrund der globalen Konjunkturabkühlung steht nun auch die US-Notenbank unter Zugzwang. Statt zwei weiterer Zinserhöhungen in 2019 wird die Fed sehr wahrscheinlich in diesem Jahr mindestens noch einmal die Zinsen senken. „Mit der 180-Grad-Wende rauschen seit Wochen die Renditen am Anleihemarkt in den Keller, zumal auch die EZB weitere Lockerungsmaßnahmen angedeutet hat“, meint Carlo Alberto de Casa, Chefanalyst beim britischen Brokerhaus Activtrades. Global gesehen werfen Anleihen in einem Volumen von rund 13 Billionen Dollar negative Zinsen ab, dies entspricht dem BIP Chinas. Um überhaupt noch positive Renditen zu erwirtschaften, steigen zunehmend mehr Investoren in riskantere Anlagen wie Aktien ein. Der Anlagenotstand spitzt sich zu mit der Folge, dass die Bewertungen am Aktienmarkt bis Ende Juli bei unverändert hohen Risiken ebenfalls stiegen.

Die Wetten auf eine Trendwende sind somit sehr riskant. Aktien von Unternehmen, deren Geschäfte trotz der globalen Konjunktureintrübung weiter gut laufen, bleiben daher weit oben auf der Favoritenliste. Dazu zählen Deutsche Börse, Deutsche Telekom, die beiden Versicherer Allianz und Munich Re sowie die Versorger RWE und Eon.

Munich Re Aktie

Munich Re Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Optionsscheine für mutige Aktienanleger

Ausdruck dieser Zuversicht ist auch die niedrige Volatilität, also die geringe Schwankungsbreite in diesen Aktien. „Das eröffnet wiederum Chancen für Anleger, die Optionsscheine gerne als strategisches Instrument einsetzen“, erläutert Stefano Angioni, Derivate-Experte bei der Société Générale. „Denn je niedriger die implizite Volatilität, desto günstiger sind Optionsscheine bei sonst gleichen Marktbedingungen. Deshalb werden diese Papiere in der aktuellen Marktphase von Kunden gerne für gehebelte Investments eingesetzt“, so Angioni weiter. Neben dem Aktienkurs hat die implizite Volatilität einen großen Einfluss auf den Optionsscheinpreis.

Mutige Anleger greifen beim Dax zu einem Discount-Call mit der WKN MF63GH. Bei diesen Produkten reicht anders als bei klassischen Optionsscheinen häufig schon eine Seitwärtsbewegung zur vollen Auszahlung. In diesem Fall muss der Dax im Dezember über 11.500 Punkten notieren.

Bei den Rohstoffen glänzt Gold, mit dem kürzlich markierten Sechs-Jahres-Hoch könnte eine langjährige Bodenbildungsphase abgeschlossen sein. Da zugleich die Zinsen unter Druck bleiben, hellt sich das makroökonomische Umfeld für das Edelmetall weiter auf. Fazit: Das zweite Halbjahr stellt Anleger vor große Herausforderungen, bietet aber auch reichlich Chancen.


Daniel Saurenz betreibt das Investment- und Anlageportal Feingold Research. Der Journalist hat unter anderem für Börse Online und die Financial Times Deutschland geschrieben. Hier finden Sie weitere Beiträge von Daniel Saurenz