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Luftfahrt Warum die Lufthansa-Aktie bislang nicht vom Reiseboom profitiert 

Eine A321neo-Maschine der Lufthansa am Flughafen Athen. Der Betrieb von Deutschlands größter Airline läuft wieder auf 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Die Aktie notiert allerdings 40 Prozent darunter
Eine A321neo-Maschine der Lufthansa am Flughafen Athen. Der Betrieb von Deutschlands größter Airline läuft wieder auf 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Die Aktie notiert allerdings 40 Prozent darunter
© IMAGO/NurPhoto
Gute Zahlen im Halbjahresbericht, starke Prognosen und eine Tarifeinigung mit der Gewerkschaft Verdi. Die Lufthansa hat eine hervorragende Woche hinter sich. Nichtsdestotrotz bleiben Anleger bei der Aktienentwicklung skeptisch

Rückkehr in die Gewinnzone im ersten Halbjahr, ein Ansturm von Fluggästen und positive Geschäftsaussichten: Die Lage bei Europas größter Airline-Gruppe Lufthansa scheint auf den ersten Blick gut zu sein. Sogar der Aktienkurs ist jüngst mal wieder angestiegen. Doch er liegt noch immer rund 40 Prozent unter seinem Niveau vor dem Corona-Ausbruch im Februar 2020. Dabei hat die Flugleistung der Lufthansa inzwischen wieder 80 Prozent des Vorkrisen-Niveaus erreicht.   

Doch die langfristigen Aussichten für die Aktie sind weniger rosig, als die guten Halbjahreszahlen vermuten lassen. Seit 2017 hat sich die Marktkapitalisierung auf 7,7 Mrd. Euro in etwa halbiert, die Aktie dümpelt im Nebenwerte-Index MDax vor sich hin. Eine Dividende ist noch nicht wieder in Sicht. Die Probleme der Lufthansa lassen sich nicht nur mit der Lage der Branche erklären. Fünf Fragen und Antworten zur Lage bei der Kranich-Airline.  

Wie steht die Lufthansa im Branchenvergleich da? 

Der Vergleich mit anderen Branchenteilnehmern ist wichtig. So gut wie alle Papiere von Luftfahrtunternehmen haben nämlich seit Beginn der Corona-Krise verloren – nur eben unterschiedlich stark. So verloren zwar auch branchenabbildende ETF wie der Invesco STOXX Europe 600 Optimised Travel & Leisure (WKN: A0RPSG) seit Februar 2020 – aber eben nur rund 13 Prozent, nicht wie die Lufthansa 40 Prozent. Zur Wahrheit gehört auch, dass einzelne Airlines noch stärker verloren haben. Am deutlichsten traf es wohl Norwegian Airlines, deren Papiere aufgrund einer Verschuldungskrise inzwischen über 99 Prozent an Wert verloren haben. Auch die Aktien von Air France/KLM werden mittlerweile mit einem deutlichen Verlust von 65 Prozent gehandelt. Auf der anderen Seite stehen die Papiere von Ryanair, die quasi wieder ihr Vor-Corona-Niveau erreicht haben. Vor allem die Kostendisziplin überzeugt hier die Anleger.  

Warum steht die Branche so stark unter Druck?  

Airlines und Flugzeughersteller sind Zykliker, das heißt: Ihre Entwicklung ist eng an die wirtschaftliche Situation gekoppelt. Läuft die Wirtschaft schlecht, läuft auch der Verkauf von Flugtickets schlecht. Aktuell steht die Branche aber von mindestens drei Seiten unter Druck: Ukraine-Krieg, Inflation und Corona. Vor allem die Inflation trifft Airlines hart. Zum einen, weil der Ölpreis massiv angestiegen ist und damit letztlich Kerosin teurer bleibt. Zum anderen, weil die Notenbanken mit steigenden Leitzinsen auf Preissteigerungen reagieren. Das erhöht nicht nur die Fremdkapitalkosten der Airlines, etwa wenn sie einen Kredit aufnehmen, sondern endet häufig in einer Rezession – was wiederum die Nachfrage nach Flugtickets senkt. „Dieses Szenario haben die Märkte schon eingepreist, was die Kurse natürlich drückt“, erklärt ein Branchenanalyst, der lieber anonym bleiben will, gegenüber Capital.

Dazu kommt: Die Corona-Einschränkungen werden zwar weltweit gelockert, aber eben nicht überall. Vor allem China entwickelt sich für europäische Airlines zum Problem, da Präsident Xi Jinping weiter auf die Zero-Covid-Strategie setzt. In Amerika hat sich der Markt mittlerweile entspannt und die Umsätze liegen nahezu auf Vorkrisenniveau.  

Welche Probleme hat die Lufthansa?  

Auf Deutschlands größter Airline lasten nicht nur die konjunkturellen Probleme, sondern vor allem ein Streik. Zwar wurde der erste Streik mit der Gewerkschaft Verdi über rund 20.000 Beschäftigen am Boden, im Service oder in der Technik am Donnerstagabend beigelegt – die Beschäftigten erhalten in zwei Schritten jeweils 2,5 Prozent mehr Lohn. Noch schwelt aber ein Streit mit der Vereinigung Cockpit, die für 5000 Piloten 5,5 Prozent mehr Lohn sowie einen automatischen Inflationsausgleich fordert. „Das ist schon sehr happig“, sagt ein Analyst.

Wie viele Streiks hier letztlich im Markt eingepreist sind, könne man nicht sagen. „Die Piloten haben strategische Themen noch mal eher im Blick, zum Beispiel die Gründung von Tochtergesellschaften durch Lufthansa, die dadurch ihre Kosten senken will. Dieser Widerstand führt aber insgesamt zu Nachteilen gegenüber Wettbewerbern.“ Der Wettbewerb sei unglaublich intensiv, vor allem innereuropäisch mit Billigfliegern wie Ryanair. Das führt zu höheren Ticketpreisen. Aber: „Man kann preislich nicht deutlich von Ryanair wegliegen, nur weil man Lufthansa heißt.“   

Zwar sind die Kurzstrecken ohnehin nicht sonderlich lukrativ, aber auch auf der Langstrecke gibt es bei allen positiven Entwicklungen einen Nachteil: Die Lufthansa ist nämlich stärker abhängig vom China-Geschäft als andere Netzwerk-Carrier – also solche Airlines, die Langstreckenflüge über große Flughafen-Drehkreuze wie Frankfurt anbieten. Das anziehende USA-Geschäft kann diese Probleme nur in Teilen kompensieren.    

Auf welche Zahlen schauen die Analysten bei der Lufthansa?  

Neben den klassischen Größen, zum Beispiel dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, achten Analysten bei Luftfahrtaktien wie Lufthansa vor allem auf drei Dinge: Den Ertrag („Yield“), den Ertrag pro Sitzplatz („Earnings per Seat“) und die Stückkosten („Cask“). Alle drei waren zuletzt deutlich positiv, wie der Halbjahresbericht vom Donnerstag zeigte. Der Yield stieg um 140 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wo die Corona-Pandemie noch deutlich auf dem Unternehmen gelastet hat. Der Ertrag pro Sitzplatz lag 25,4 Prozent höher, zum Beispiel, weil Reisende verstärkt Business Class- oder immerhin Economy Plus-Tickets nachfragten. Auch bei den Kostensenkungen kommt die Lufthansa voran. Die Stückkosten, also (grob gesagt) wie viel Geld die Firma zur Bereitstellung eines Sitzplatzes zahlt, lagen 39,5 Prozent unter dem Vorjahr – allerdings noch 8,8 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau. Mit Spannung blicken Analysten daher auf die Streiks, die die Kostensituation wieder verschlechtern könnten.  

Können Luftfahrtaktien langfristig profitieren? 

Klar ist: Analysten blicken aktuell äußerst pessimistisch auf Luftfahrt-Aktien wie die Lufthansa. Das bietet Kurspotenzial, sollten sich die Befürchtungen nicht bewahrheiten. Es gebe zum Beispiel eine Chance für steigende Kurse, wenn sich die Covid-Situation in China nachhaltigen entspannen sollte. Auch eine schnelle Streiklösung bietet Potenzial, heißt es. Grundsätzlich seien Luftfahrt-Aktien immer spannend; für Investoren aber eher ein Trading-Thema. Heißt: Es ist kein Sektor, in dem man die Aktien zwanzig Jahre liegen lassen und automatisch ein Kursplus einfahren könne. Man müsse die einzelnen Gesellschaften immer genau im Blick haben und im Zweifel auch mal Papiere abstoßen. 


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