InterviewWarum die Abgeltungsteuer nicht abgeschafft werden sollte

Andreas KrautscheidIMAGO / Reiner Zensen

Herr Krautscheid, wird die neue Bundesregierung – wie auch immer sie aussieht – bald die Abgeltungsteuer abschaffen? Darauf hatten sich ja CDU/CSU und SPD bereits im alten Koalitionsvertrag geeinigt. Diverse Parteien fordern es nun erneut.

Das ist zu befürchten, wenn die Regierungsbildung ansteht. Bei den Grünen und der Linken steht die Abschaffung im Wahlprogramm. Eigentlich dachten wir, diese Zombiediskussion wäre in der Versenkung verschwunden, aber sie kehrt zurück. Für manche Parteien ist die Abgeltungsteuer ja ein Symbolthema.

Warum sollte die Abgeltungsteuer in Ihren Augen bestehen bleiben?

Weil sie eine der wenigen Steuern ist, die tatsächlich zu einer Vereinfachung geführt haben – sowohl für die Bürger als auch für die Finanzverwaltung. Müssen Steuerzahler künftig wieder ihre Einkünfte aus Kapital mit dem persönlichen Steuersatz versteuern – also Zinsen, Dividenden und Veräußerungsgewinne –, dann fängt jeder wieder an, Quittungen zu sammeln und komplizierte Formulare auszufüllen. Und die Steuerverwaltung muss wieder in jedem Einzelfall angemessene Steuersätze ermitteln. Denn schafft man die 25-prozentige Pauschalsteuer ab, muss man ja die früheren Bedingungen wieder einführen wie Werbungskostenabzug, Halbeinkünfteverfahren und Spekulationsfristen. Das war alles wahnsinnig aufwendig.

Aber für die Banken dürfte es eine Erleichterung sein. Die müssen derzeit ja die Veranlagung durchführen.

Bei den Banken würde sich zwar wenig ändern, weil die Kapitalertragsteuer auch künftig erhoben würde. Aber die Umstellung würde bei der Finanzverwaltung erheblichen Aufwand bedeuten. Dort hat die Abgeltungsteuer zum enormen Komplexitätsabbau geführt. Das größte Problem wäre: Die Bundesländer müssten zur alten Regelung zurückkehren, nur fehlt in den Behörden längst das Know-how für die alte Rechtslage. Das Personal aus der Zeit vor 2009 ist weitestgehend nicht mehr an Bord.

Für Anleger ist die wichtigste Frage: Würden sie höhere oder niedrigere Steuern zahlen? Die persönlichen Steuersätze liegen zumeist über 25 Prozent – doch die Statistik sagt: Seit der Abgeltungsteuer stieg das Steueraufkommen aus Kapitalerträgen.

Das ist richtig, aber heute zu prognostizieren, wie sich die Steuereinnahmen entwickeln, wäre Kaffeesatzleserei. Wir befürchten, viele Leute hätten bei Abschaffung der Abgeltungsteuer wieder einen Anreiz, ihre persönlichen Steuersätze auf dem Papier herunterzurechnen. Besonders Vermögende könnten sogar besser dastehen, denn es gibt eine große neue Frage: Wie besteuert man künftig Negativzinsen? Steueranwälte sind sicher: Die müssten künftig als Werbungskosten ansetzbar sein. So würden natürlich alle profitieren, die große Summen auf dem Sparbuch angelegt haben.

Und Aktienanleger?

Um die machen wir uns Sorgen: Besonders viele Menschen haben jüngst ihr Geld erstmals in Aktien gesteckt, gerade weil es heutzutage so einfach ist. Was wäre es für ein Signal, wenn all diese Anleger künftig in der Steuererklärung mit komplizierten Verrechnungen konfrontiert wären? Wir fürchten, das zarte Pflänzchen Aktienkultur wäre dann schnell wieder zertreten.

Hat sich die Abgeltungsteuer also eigentlich bewährt?

Wir haben die damalige Neiddiskussion überwunden, es sei nicht gerecht, Kapitaleinkünfte geringer zu besteuern als Arbeitseinkommen. Menschen mit Kapitaleinkünften müssen ja nicht zwingend reich sein. Es gibt so viele Baustellen im Steuersystem, da muss man nicht ausgerechnet dort wieder Löcher reißen, wo man mal erfolgreich war.

 


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